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Würden wir gern lesen: Voldemorts Sicht der Dinge Bild: Carlo Giambarresi

Klassiker neu aufgelegt : Voldemorts Sicht der Dinge

Ein heißer Trend auf dem Buchmarkt: Bestseller einfach ein zweites Mal herauszubringen – geschrieben aus anderer Perspektive. Einige exklusive Vorschläge, die sich hervorragend für den Trend eignen würden.

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          Auch Bestsellerautoren leiden mitunter unter Schreibblockaden. Es ist ja auch verständlich: Da hat man das Erfolgsrezept für ein Buch gefunden, das die Leser verschlingen – und nun soll man ein völlig neues nachschieben, das womöglich keinen interessiert? Stephenie Meyer, die Verfasserin der populären „Twilight“-Vampirschinken, hat daraus die Konsequenz gezogen. 14 Jahre später hat sie ihren Bestseller „Bis(s) zum Morgengrauen“ noch einmal veröffentlicht, unter dem Namen „Bis(s) zur Mitternachtssonne“ und aus anderer Perspektive: Statt von der jungen Bella wird die Geschichte nun vom Vampir Edward erzählt.

          Auch dieses Buch hat es in die Bestsellerlisten geschafft. Schon zuvor hatte das Prinzip E.L. James angewandt, die ihrer „50 Shades of Grey“-Trilogie einen Nachzügler folgen ließ, der die Liebe-und-Hiebe-Saga noch mal aus der Sicht von Mr. Grey wiedergab. Und eigentlich kann dies nur ein Anfang sein: Viele große Werke der Weltliteratur warten darauf, noch mal aus anderer Perspektive erzählt zu werden. Eine exklusive Vorschau.

          Ich war Dulcinea

          „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes aus der Sicht von Aldonza Lorenzo

          Welch ein Schock für die lebenslustige Bauerstochter Aldonza Lorenzo, als sie erfährt, dass sie monatelang das ahnungslose Objekt der Begierde eines obskuren Mannes war, der sich Don Quijote nannte (oder Don Quixote? Don Quichotte?) und der durch eine Reihe befremdlicher Auftritte bekannt wurde. „Der ist in einer rostigen Rüstung auf einem alten Gaul durch die Gegend geritten und hat die peinlichsten Dinge angestellt – angeblich alles mir zu Ehren“, erzählt Aldonza. „Er hat zum Beispiel gegen Windmühlen gekämpft. Dabei habe ich gar nichts gegen Windmühlen.“

          Denkmal von Dulcinea und Quijote in Dulcineas Heimatdorf El Toboso
          Denkmal von Dulcinea und Quijote in Dulcineas Heimatdorf El Toboso : Bild: Frank Röth

          Den Namen Dulcinea del Toboso, den er ihr gegeben habe, finde sie „total albern“, so Aldonza. „Der Typ ist echt creepy, der reinste Stalker. Ich steh auch gar nicht auf ältere Männer. Und wenn schon ein alter Don, dann hätte es wenigstens Don Johnson sein dürfen, aber so, na ja.“ Den angeblichen Don Quijote hat sie jetzt auf ihren Social-Media-Kanälen blockiert. Den unfreiwilligen Ruhm will sich Aldonza zunutze machen und als Buchautorin und Influencerin groß herauskommen, mit dem Schwerpunkt auf Spanien-Reisen und raffinierten Pökelfleisch-Rezepten.

          Lord Voldemort und der schreckliche Junge

          „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling aus der Sicht Lord Voldemorts

          Über sieben Bücher und acht Filme hat die Welt die Abenteuer eines naseweisen, strubbelhaarigen Zauberers verfolgt. Dessen großer Antagonist taucht stets nur gegen Ende auf und wird dramaturgisch auf zwei Aufgaben reduziert: das absolute Böse zu verkörpern – und jedes Mal zu scheitern. Dabei birgt die Geschichte des Lord Voldemort mehr Tragik und Tiefe als jene Coming-of-Age-Story mit reichlich Hokuspokus, die wir als „Harry Potter“ kennen. Es brauchte Jahre der schriftstellerischen Reife und ein paar Nebenwerke über putzige Tierchen, bis Joanne K. Rowling in der Lage war, die Potter-Saga noch einmal zu schreiben – aus der Perspektive Lord Voldemorts, der endlich in anderem Licht erscheint, nämlich als Suchender, als Zweifelnder.

          Gebrochener Charakter: Lord Voldemort
          Gebrochener Charakter: Lord Voldemort : Bild: Courtesy of Warner Bros Pictures

          Gleich im ersten Band durchlebt Voldemort das Trauma seines Daseins: Er, der sich für den bösesten und mächtigsten aller Hexenmeister hält, verliert das direkte Duell gegen – ein Baby. Gegen jenen schrecklichen Jungen also, dessen Namen Voldemort jahrelang nicht mehr auszusprechen wagt, vor allem, seit er erkannt hat, dass „Harry Potter“ ein Anagramm ist von „Harter Typ, or“; wofür das „or“ steht, wird Voldemort zu seinem Kummer nie herausfinden. Die Schmach jedenfalls bringt ihm nicht nur den Spott frecher Zauberer ein („Volldepp-Mort“), er muss auch, in eine Art Wurmfortsatz verwandelt, zehn Jahre im Exil in Albanien (!) leben. Gegen Ende jedes Bandes zieht Voldemort tapfer in den Kampf gegen seinen Erzfeind Potter, welcher wieder und wieder obsiegt. Der Leser leidet mit dem gebrochenen Adligen, der bei all seiner Macht nicht mal fähig ist, sich selbst eine anständige Nase zu zaubern. Eine düstere, sehr erwachsene Buchreihe, die wenig überraschend ein trauriges Ende findet.

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