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Empfang der Kanzlerin : Meine Kutsche, mein Schiff, mein Schloss

Zweisamkeit auf dem Schiff: Markus Söder und Angela Merkel auf dem Chiemsee Bild: AFP

Angela Merkel besucht das bayerische Kabinett – zum ersten Mal in ihrer Amtszeit. Passend zum herrschaftlichen Besuch hat Markus Söder aufgefahren: Mit dem Schiff geht’s auf die Insel, mit der Kutsche zum Schloss. Eine Stilkritik.

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          Es waren einmal ein nicht mehr ganz so junger, aber tatendurstiger Prinz mit immerhin noch vollem Haupthaar – nennen wir ihn Markus –, und eine huldvoll lächelnde Kaiserin, let’s call her Angela. Wie die Geschichte genau ging? Wir wissen’s nicht! Sie endete aber in einem Bild, an Zauberhaftigkeit kaum zu übertreffen: Sie in einem Traum aus, naja, Klogrün, neben ihm, im Modern-Prince-Look, also dunklen Anzug, in – jetzt kommt's! – einer Kutsche. Hach!

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Angela Merkel nämlich besucht an diesem Tag, der in die Märchenbücher eingehen wird, das bayerische Kabinett – zum ersten Mal in ihrer nicht gerade kurzen Amtszeit, was sicherlich Zeitgründe und nichts mit der schimmernden Schönheit Bayerns zu tun hat. Entschuldigung? Hier machen andere Urlaub. (Zumindest in diesem Jahr.)

          Jedenfalls hat Söder sein Date standesgemäß abgeholt in Prien am Chiemsee. Da gab’s, wie es sich fürs Volk beim Hoheitsbesuch schickt, ordentlich Applaus, sogar „Angie“-Rufe, volksnahes Merkel-Winken, und wir haben’s zwar nicht ganz genau gesehen, können uns aber gut vorstellen, dass Söder „unsere Angie“ anschließend an der Taille gepackt und mit einer royalen Drehung samt wehendem Blazer aufs Boot befördert hat.

          Dann ist er mit ihr erst einmal – auch voll romantisch – losgeschippert, über den Chiemsee. Sie fliegen, nein, tuckern nur so dahin, auf einem Touri-Dampfer, auf dem jetzt nur Frau Ehren-Touristin sitzt, gen Touri-Insel Herrenchiemsee (heute allerdings nur für geladene Touris, also zum Beispiel Bundeskanzlerinnen). Dort geht’s dann, wohin auch sonst, ins Schloss. Man weiß zu leben.

          Bootsbilder gibt’s wunderschöne: Söder und Merkel sitzen da, auf Abstand, hinter ihnen flackert es ganz sacht in weiß-blau, die Alpen zeichnen sich zart am Horizont ab, das Wasser ist blau und Bayern auch. Sollen uns diese Bilder etwas sagen? Ist das gar die weiß-blaue Zukunft Tschermänys, wie man in Söders Heimat sagt, in die uns die Bundeskanzlerin da fahren lässt? Gelegentlich winken sie elegant in die Ferne, ja, mei, sind des Fans? Kennt der Markus gar nicht. Und dann? Ab in die Kutsche! Schiff reichte wohl nicht, da muss noch die Kutsche hinterher – allerdings ist auf Herrenchiemsee auch gar nichts anderes erlaubt.

          Und all das passiert hier bei uns! Deutschland, Märchenland. Besser gesagt: Märchenhafter Freistaat, also da, wo die urdeutschen Träume von Bootstouren, Kutschfahrten und teuer zu heizenden Schloss-Großanlagen noch Realität sein dürfen – ja, wo samma denn?

          Kutschfahrt über die Herreninsel: Angela Merkel besucht das bayrische Kabinett

          Die Kutsche ist dann leider nicht so hübsch, es schneit sonderbarerweise auch nicht und die Zugpferde sind keine Schimmel mit Bayernflagge als Sattel. Vielleicht haben wir uns vertan, und es findet hier gerade eine Planwagenfahrt durchs Emsland statt, Selbstgebrannter inklusive? Das würde zumindest die genervten Landwirte erklären, Kaste „Bauer“, die sich am Dienstag ebenfalls am Chiemsee versammelten.

          Merkel und Söder im Spiegelkabinett des Neuen Schlosses auf der Insel Herrenchiemsee

          Wie dem auch sei, zurück zum Historischen, Hübschen, Märchenhaften! Wir sind schließlich nicht zum Reden, sondern zum Glotzen hier. Und anzuschauen gibt es Sagenhaftes, zum Beispiel die historische Kulisse. Ein echtes Märchenschloss, Herrschaftszeiten! Im Spiegelkabinett sitzen sie, all die Bayern, und gucken andächtig ob des uralten Prunks. Da, gleich kommt das Traumpaar. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

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