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Bilder kommen zu uns

Von ANDREAS PLATTHAUS, Fotos BARBARA KLEMM

6. Dezember 2021 · Der Künstler Fritz Schwegler experimentierte auch mit Sprache. Unsere Fotografin Barbara Klemm, die ihn oft aufnahm, teilte sein Stilgefühl. Eine Laudatio auf den Dichtbildner und die Lichtbildnerin.

Der Maler, Musiker, Bildhauer, Graphiker Fritz Schwegler war auch Schriftsteller und als solcher ein Wortspieler sondergleichen. Wohl keine andere bildende Kunst ist so wie die seine auf Sprachspaß gegründet – das beste Beispiel dafür ist der Titel einer Werkgruppe mit dem Namen „Seezungen-Fortsetzungen“. Es dürfte nicht nur das reine Vergnügen an der Assonanz gewesen sein, das diese Sprachschöpfung angeregt hat. Im Einleitungstext der von seiner Frau Hildegard Schöneck-Schwegler hinreißend schön – Nomen est omen! – gestalteten Begleitpublikation zu der 2003 vollendeten Bilder- und Plastikenserie zieht Schwegler zur Erläuterung der Titelfindung alle Register seiner Wort-, nein, nicht -gewalt, sondern Wortgewandtheit: „111 Seezungen-Fortsetzungen, das sind nach den 1000 gefertigten Notwandlungsstücken nun die Zugaben und Danksagungen für manches gelungene an Skulpturen und Bildern, in Maßen und Formen aller Art, samt den Texten und Sätzen. Diese 111 ist schon eine eigene Erscheinung. Sind es zufällig so viele Stücke geworden? 100+10+1 läßt auch fein die Sprache der Zungen – oder die 1000 Zungen selbst wieder sprechen, mit ihren leichten und oft so raschen Kehren, manchmal ins genaue Gegenteil dessen, was man gerade so sicher meinte, fest zu haben.“

Es wäre ein magazinfüllendes Programm, nur jene paar Sätze in ihrer Bedeutungsvielfalt zu würdigen – vom biblischen Zungensprechen, das in der Artenbezeichnung aus der maritimen Fauna mitschwingt, die dann jedoch selbst in ihrer Beweglichkeit zu schwingen anfängt, ausgedrückt im Sprechen von den „leichten und oft so raschen Kehren“, wobei durch diesen Begriff plötzlich Martin Heidegger mit im Raum steht. In der Tat ist nicht fest zu haben, was Fritz Schwegler da vorstellt. Seine Kunst war die beweglichste von allen – trotz seiner andernorts fürs eigene Schaffen gewählten Bezeichnung „unbewegliches Theater“. Das resultierte daraus, dass sie aus Sprache entstanden ist, konsequent nach dem Vorbild von Nietzsches „tanzendem Geist“ aus der „Fröhlichen Wissenschaft" – dem „freien Geist par excellence“, wie der Künstler den Philosophen bezeichnete. Alles in Schweglers Werk beruht auf seinen sogenannten EN-Sätzen und EN-Figuren, die, wie er selbst es formuliert hat, den Anspruch haben, „selber in sich etwas zu sein, umfassend alles Befinden auszudrücken und als richtiger Gegen-Stand dazustehen“.

Fritz Schweglers Werk als Bildhauer umfasst alle Formate. Die farbig gefassten Holzplastiken seiner Serien „Seezungen-Fortsetzungen“ oder „Notwandlungsstücke“ sind kaum einmal höher als 20 Zentimeter. Bilder: Frank Kleinbach

Das Grenzenlose seiner Sprache verschiebt durch Anschauung die Grenzen unserer Welt. Wie hätte man auch sonst verstehen können, was er mit selbstgeschöpften Worten wie „Abulvenz“, „Effeschiaden“ oder „Donagidien“ ausdrücken wollte? Was Fritz Schwegler an dem Mal- und Sprachkünstler Hans Thoma besonders bewundert habe, so sagte er in der Dankesrede zur Verleihung des nach diesem benannten Kunstpreises im Jahr 1999, sei dessen Gedanke der „Umwortung“. Und Schwegler wiederum war viel zu sehr Nietzsche-Leser, als dass er dabei nicht eine Umwortung aller Worte vor Augen und vor allem im Ohr gehabt haben dürfte.

Die kleinen Holzobjekte wiederum hat Fritz Schwegler in größere Kontexte eingepasst. Auf Barbara Klemms Bild sitzt er in einem der von ihm zu Wunderkammern umgebauten Wassertürme in seinem Heimatort Breech.
Die kleinen Holzobjekte wiederum hat Fritz Schwegler in größere Kontexte eingepasst. Auf Barbara Klemms Bild sitzt er in einem der von ihm zu Wunderkammern umgebauten Wassertürme in seinem Heimatort Breech.

„Wortspieler“ also war Fritz Schwegler genannt, aber kann man Barbara Klemm, die vor kurzem den nach ihm benannten Kunstpreis bekommen hat, als Äquivalent zu ihm eine Bildspielerin nennen? Ganz gewiss, wenn auch nicht in jenem frivolen Verständnis des Begriffs, der naheliegen könnte im Zeitalter nicht nur technischer Reproduktion, sondern mehr noch Manipulation. Doch Barbara Klemm ist die Form digitaler Bildbearbeitung fremd, wie sie einige der prominentesten Fotografen der Gegenwart pflegen. Sie ist Lichtbildnerin, wie einmal die gängige deutsche Übersetzung für „Fotografin“ lautete, und anderes als Licht nimmt sie nicht zur Hilfe beim Entstehen ihrer Bilder – ganz im Sinne einer 1969 von Fritz Schwegler formulierten künstlerischen Maxime: „Das Wesentliche, was wir selbst zu den Dingen sagen können, ist sehr einfach: Die Bilder kommen zu uns, wenn wir bereit sind, sie zu empfangen.“ Schwegler sprach damit seine eigene Praxis an: Er fasste diese Bilder zunächst einmal in Sprache. Man kann ihn deshalb einen Dichtbildner nennen.

Schweglers Charakterisierung des Künstlers als Empfangendem scheint aber auch perfekt passend für das Selbstverständnis Barbara Klemms, die sich stets unprätentiös als Beobachterin bezeichnet hat, nicht als Gestaltende. Dabei ist ihr Form- und Stilgefühl legendär. Von der Wahl des richtigen Moments der Aufnahme über den Bildausschnitt bis zur Tonsättigung bei der Entwicklung ist die Fotografie ein schöpferischer künstlerischer Prozess. Aber einer, der gemäß Schweglers Verständnis nicht auf Phantasie beruht, also auf dem, was man Vorstellungskraft nennt, die er jedoch als Verstellungskraft verspottete. „Phantasie ist der Feind des Künstlers“, hat er sogar dekretiert: „Die Dinge haben eine Bestimmung, und die kommt aus dem Sehen.“

Das Sammlungshaus auf einem Nachbargrundstück des alten Familienanwesens von Fritz Schwegler in Breech haben er und seine Frau Hildegard Schöneck-Schwegler eigens errichten lassen, um die vielen Objekte eines Künstlerlebens aufzunehmen.
Das Sammlungshaus auf einem Nachbargrundstück des alten Familienanwesens von Fritz Schwegler in Breech haben er und seine Frau Hildegard Schöneck-Schwegler eigens errichten lassen, um die vielen Objekte eines Künstlerlebens aufzunehmen.

Wer hätte je mehr gesehen als Barbara Klemm? Im Jahr 2001 hat sie Fritz Schwegler und dessen Schaffen fotografiert, und heute treten diese Aufnahmen in einen Dialog der Schweglerschen Farben seiner bemalten Holzplastiken mit dem Klemm’schen Schwarzweiß ihrer beobachteten Bilder. Aber auch wenn man an die berühmten Aufnahmen aus dem Epochenjahr 1989/90 denkt, an die Szenen vom Mauerfall und der sich anbahnenden Wiedervereinigung, muss man feststellen: alles als Ereignis tausendfach gesehen, womöglich damals gar selbst in Berlin, Leipzig oder Dresden, aber nie so, wie Barbara Klemm es sah und fixierte. Die Bestimmung der Dinge, von der Schwegler sprach, bekommt bei ihr eine Stimmung, die alles prägt, woran wir uns zu erinnern meinen. Es sind Fotos, die ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen sind. Kann man Willy Brandt noch anders sehen als in der Zerbrechlichkeit des tiefgerührten alten Manns vor dem Berliner Reichstagsgebäude am Tag der Wiedervereinigung zwischen all den anderen deutschen politischen Größen jener Zeit, die im Gegensatz zu ihm aber strahlend selbstzufrieden dreinschauen? Ja, man kann Brandt noch anders sehen, nämlich als den in sich ruhenden massigen Verständigungspolitiker inmitten des Kreises, der sich beim Bonn-Besuch des sowjetischen Staatschefs Leonid Breschnew 1973 im Kanzleramt versammelte. Zwei Brandt-Bilder, die alles sagen über ein ganzes Leben, und beide aufgenommen von Barbara Klemm.

Man könnte viele derartige Glücksmomente der Beobachtung aus ihrer Karriere nennen, die aber vielmehr Könnerschaftsmomente sind, Resultate des unbedingten Gespürs für den richtigen Augen-Blick in seiner doppelten Bedeutung als Zeitbegriff und Tätigkeitsbeschreibung. Etliche davon sind Künstler- und Musikerporträts oder gelten Menschen im Museum. Wobei im ersteren Fall der Gegen- und damit Widerstand der Berühmtheit der Porträtierten zu berücksichtigen war, während bei den Museumsaufnahmen so gut wie nie ein prominentes Kunstwerk im Zentrum steht, sondern die Verlebendigung der Kunst in den Augen ihrer Bewunderer. Oder auch ihrer Bewacher, denn noch sprechender als Barbara Klemms Bilder der Besucher von Museen sind die des Museumspersonals.

Es sind fürwahr sprechende Bilder. Für Fritz Schwegler war das eine ganz selbstverständliche Aufgabe aller seiner Werke, denn sie beruhten ja ausnahmslos auf Sprache, auf den EN-Notaten, in Worten gefassten Entdeckungen, die vom Gewohnten abwichen, zum Beispiel Formulierungen wie „Losungen sitzen tief im Unbeugsamen“ oder „Aber schon verlieh er die Nase und lief in ein neues Paradies“. Das ist ebenso aphoristisch wie wortspielerisch. Dazu traten Bildideen, oft in Kombinationen, die wechselweise Erhellung boten. Doch solche Zusammenstellungen waren eine Aufgabe, die Schwegler nicht aufs Atelier oder ein Museum beschränken wollte, ganz im Gegenteil: „Nach wie vor glaube ich, daß es nicht genügt, die Berichte zu lesen und meine groben, ungelenken Skizzen zu betrachten, sondern daß viele Sachen, um ganz hinter die Erscheinung zu kommen und um deren Wirksamkeit zu prüfen und zu proben, tatsächliche Ausführung des Angegebenen benötigen“, schrieb er 1974 auf dem Höhepunkt seiner Beschäftigung mit den vor allem durch öffentliche Darbietung vorgeführten Effeschiaden. Und diese Vorführungen sollten sich nach seiner Vorstellung materialisieren, „sei es nun in den herkömmlichen Materialien, sei es im Film, mit Foto oder neuerlicher begrifflicher Fassung oder gar mit musikalischer Umsetzung“. Alle Kunstformen boten für Fritz Schwegler das Potential, seine Einfälle zu vermitteln, explizit auch die Fotografie.

Eingebettet in seine Kunst: Schwengler in einem alten Bauwagen
Eingebettet in seine Kunst: Schwengler in einem alten Bauwagen

Allerdings stellte er in einem 1991 formulierten Text zu seinen „Notwandlungsstücken“ auch fest: „Zeitgemäßer Weise hätte man sie nur rasch zu fotografieren brauchen und abzudrucken. Aber dann wäre es hauptsächlich Dokumentation der Wirklichkeit, sogenannt ...und Beweis und Katalog. Und wo bleibt mir da die BINDUNG, das FEUER, die ANRÜHRUNG? – also jenes Freigestellt sein von dem, was wir meinen, oder glauben, was es ist?“ Es braucht also den mitwirkenden Blick des Lichtbildners für den Dichtbildner. Und daraus resultierte die Künstlerfreundschaft zwischen Fritz Schwegler und Barbara Klemm.

Als sie 2001 in seinen Heimatort Breech kam, um im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Schweglers kleine Welt zu fotografieren, entstanden Bilder, die nicht einfach die Tätigkeit des Künstlers dokumentierten, sondern ihr assistierten, sie interpretierten und variierten. Diese Aufnahmen erzählen vom Eingebettetsein eines Manns in seine Kunst. Und in seine Landschaft. Es sind Heimatbilder voller Bindung, Feuer und Anrührung: an, für und durch ihren Gegenstand, den Künstler Fritz Schwegler. Und diese Bindung, dieses Feuer, diese Anrührung sind nicht nur jeweils die der Fotografin Barbara Klemm, sondern auch die aller Betrachter dieser Bilder. Das hat Fritz Schwegler gemerkt, als er die Ergebnisse des Besuchs von 2001 zu sehen bekam. Da fanden wieder einmal Bilder ihn – wie es sein Kunstverständnis erwartete. Nicht nur Fotos von ihm selbst, sondern auch solche von Installationen anderer Künstler, von antiken Plastiken, aus Ateliers aller Länder, die er durch die Bekanntschaft mit Barbara Klemm und deren Werk zu sehen bekam.

Wunderkammern aller Art: Ein Werk in einem Wasserbehälter
Wunderkammern aller Art: Ein Werk in einem Wasserbehälter

Wie hätten er und sie darüber nicht Freunde werden können? Ausdruck davon sind die Neujahrsgrüße, die die Fotografin jahrelang nach Breech gesandt hat: kleinformatige Abzüge von großen Bildern, dazu gedacht, in Din-A 5-Umschlägen verschickt zu werden. Und gerade als solche die perfekte Ergänzung der Schwegler’schen Kleinplastiken etwa aus der „Seezungen-Fortsetzungen“- Serie, die ihr moderates Format ja auch dem Aufbewahrungsort verdanken: einem alten Kaufmannsschrank mit zahlreichen kleinen Schubfächern. Zieht man eines von ihnen auf, ist der Staunen machende Effekt der gleiche wie beim Öffnen der Klemm’schen Glückwunschpost: Wie kann in einer so winzigen Hülle so viel Welt stecken? Trient, Vietnam, Bodensee, Zwolle – schon die Namen der Orte, die diese Fotos zeigten, werden den Wortwohllautmaler Fritz Schwegler bezaubert haben.

Die Herbeiführung von Verblüffung durch die Eröffnung großer Erfahrung im Kleinen ist ein sich wiederholendes Prinzip von Fritz Schweglers und Hildegard Schöneck-Schweglers Präsentationsgeschick. Immer wieder mündet ihe künstlerische Arbeit in der Schaffung von Wunderkammern aller Art. Und jedes Bild, das wiederum Barbara Klemm von Fritz Schweglers Schaffen gemacht hat, vermittelt diese Kabinettkunststücke auf eigene Art. Das öffentliche Bild Schweglers ist von Klemms Fotografien geprägt worden, und selbst 2016, zwei Jahre nach dem Tod des Künstlers, entstanden noch Aufnahmen der Schauplätze seines Lebens, die wie von ihm beseelt erscheinen. Was sich vor allem Hildegard SchöneckSchwegler verdankt, die Fritz Schweglers Kunstwelt in und um Breech so lebendig hält und damit auch ihn. Die dortigen Arbeitsstätten, das Sammlungshaus, die – um noch einmal den großen Heimatliebenden und -lebenden Schwegler selbst zu zitieren – "Wassertürme, Elektrotürmchen, Milchhaus, Heuhaus, Wäldchen, Nußhain, Brücken übers Bächlein, Bänke“, all das ist nicht museal archiviert, sondern wie im Augen-Blick ihres früheren Gestalters gefasst. Hier musste Barbara Klemm einmal wirklich nur auf den Auslöser drücken, weil die Weltauffassung Fritz Schweglers so sehr der ihren entspricht. Beider Kunst kam sich entgegen.

Ein Blick ins Wohnhaus
Ein Blick ins Wohnhaus

Auch in der gemeinsamen Skepsis gegenüber Großkopferten und Wichtigtuern. Ein zentraler Teil von Barbara Klemms Bildern aus dem Wiedervereinigungsjahr sind Bilder des DDR-Politbüros und seiner hochmögenden Gäste zum 40. Republikjubiläum, das noch im Oktober 1989 gefeiert wurde. Rückblickend hat Barbara Klemm für die Herren, die sie da abgelichtet hat, heute nur ein einziges Wort: „Schwellköpp“. Diesen badischen Zungenschlag der in Karlsruhe aufgewachsenen Fotografin wird der Schwabe Fritz Schwegler geschätzt haben: auch sie keine Philisterin, sondern eine vom witzigen Stamme der Filous wie er.


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 06.12.2021 16:16 Uhr

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