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Konzert „One World“ : Das ist der Sound der Krise

Bild: Global Citizen

In der Nacht zum Sonntag haben sich Größen der Musikbranche zu einem Konzert von zu Hause aus versammelt: Das Event „One World: Together At Home“ mit Lady Gaga, Taylor Swift und Paul McCartney soll Mut machen – macht aber auch traurig.

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          Wer sich des Öfteren auf einem sozialen Medium wie TikTok herumtreibt, der kennt dieses Gefühl: Man scrollt und swipt sich durch jede Menge Content, der eigentlich keiner ist, durch Albernheiten und Videos, die merkwürdig anmuten, dann wieder schreiend komisch sind, manchmal berührend, manchmal auch einfach nur blöd. Und dann ist da mit einem Mal dieses eine Stückchen Musik, Ton, Bild, das die Bezeichnung Inhalt wieder verdient, das einen anhalten lässt im Strudel der Mini-Filmchen. Das man sich immer wieder anschaut. Eine Perle, inmitten von unechtem Schmuck.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Ein bisschen so nimmt sich die sechsstündige Vor-Show des Konzerts „One World: Together At Home“ aus, das in  der Nacht zum Sonntag ausgestrahlt wurde. Es gibt diverse Einspieler und Einlagen, mal von Künstlern, die man kennt und denen man Besseres zugetraut hätte, dann wieder von ganz Unbekannten, die einen aus dem Nichts wegpusten. Und dann sitzt da plötzlich Sheryl Crow an einem Klavier und röhrt ihren Song „I shall believe“, und es ist phantastisch. Oder Annie Lennox, die zusammen mit ihrer Tochter den Song „There Must Be An Angel“ ihrer Band Eurythmics performt. Und dann kommen leider diese beiden Dudes, die das schlechteste Killers-Cover, „Mr. Brightside“, singen, nur leider sind es die Killers selbst, die es spielen.

          Aber da ist noch das eigentliche Konzert, das nach sechs Stunden Vorgeplänkel, mal schön, mal weniger schön, losgeht. Zu finden ist das Spektakel auf sämtlichen sozialen Medien: Facebook, Instagram, Youtube, in Deutschland wird es für 72 Stunden nach Erstausstrahlung auf dem Kanal der Deutschen Telekom zu finden sein. Moderiert wird die Show von Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert, drei der erfolgreichsten Late-Night-Talkshow-Moderatoren Amerikas, organisiert wurde das Ganze von Popikone Lady Gaga, die den Abend mit einer kurzen Rede eröffnet: Es gehe an diesem Abend nicht ums Spenden, erklärt Gaga. Man wolle sich bei all den Menschen, die an der Front stehen, bedanken: beim medizinischen Personal. Bei all denjenigen, die nun arbeiten müssen, die Menschenleben retten. Die Sendung wird aber auch im Namen der Organisation „Global Citizen“ ausgestrahlt, immer wieder wird auf die Seite „act.me“ hingewiesen. Dort können sich Menschen registrieren, die etwas verändern wollen, heißt es. Präziser wird auf die Organisation nicht eingegangen.

          Das Konzert steht im Zeichen des Danke-Sagens, was auch alle Stars brav tun, und das Ganze mutet wie eine Mischung aus einem unterhaltsamen Abend auf Youtube und einer Folge „Educational TV“ im „ABC“-Programm für Kinder an: Es gibt viele Einspieler, die zeigen, wie es dem medizinischen Personal geht, amerikanische Krankenschwestern berichten von ihrem Alltag, wie sie einander trösten und halten, aber auch Raum gewähren, sich auszuweinen. Die Moderatoren interviewen Ärzte aus Südafrika, die von der Lage auf dem afrikanischen Kontinent erzählen, aber auch amerikanische Forscher, die Hoffnung machen wollen. Es werden Bilder aus Flüchtlingscamps gezeigt und es wird erklärt, wie sauberes Wasser und eine bessere medizinische Versorgung die Menschen dort retten könnte. Und immer wieder appellieren Prominente an ihre Zuschauer: „Sagt euren Regierungschefs, wir brauchen ein besseres Gesundheitssystem.“ Wie genau man es ihnen sagen soll, bleibt ungewiss. Es berührt trotzdem, wenn Beyoncé die afroamerikanische Community aufruft, daheim zu bleiben und Zahlen nennt, die zeigen, dass Schwarze in Amerika besonders stark vom Coronavirus betroffen sind.

          Und dann die Musik. Das ist natürlich kein echtes Konzert hier. Man fühlt nicht die Energie, die jemand auf die Bühne bringt, durch den höchstens vermittelnden Bildschirm funktioniert so etwas nicht. Doch es ist das Beste, was wir gerade daraus machen können, sagen die trotzigen Mienen derer, die sich am Klavier oder der Gitarre abmühen, und das stimmt. Dies hat seine ganz eigene Schönheit. Die Rolling Stones etwa: In der nicht hundertprozentigen Aufnahme seines Laptops wirkt Mick Jagger jugendlicher und agiler denn je, der Rest der Band wird zugeschaltet. „You Can’t Always Get What You Want“ ist ja sowieso nicht nur eines der schönsten Stones-Stücke überhaupt, es entbehrt in diesen Tagen nicht eines gewissen Humors. Genau wie Billy Joe Armstrongs „Wake Me Up When September Ends“ eine andere Bedeutung bekommen zu haben scheint, dazu werden leere Orte gezeigt, verlassene Einkaufspassagen, die Berliner Siegessäule steht allein da, vorm Kölner Dom trifft sich niemand auf der Domplatte.

          So ehrenwert das Anliegen der Show auch ist, vieles ist auch wahnsinnig amerikanisch. In der Pre-Show machen Firmen wie Pepsi oder Cisco Werbung, die mit trauriger Klaviermusik unterlegt und nur darauf ausgelegt ist, zu zeigen, was die Konzerne gerade alles Gutes tun in Zeiten der Krise. Das ist manchmal dann doch zu viel des Eigenlobs. Genau wie ein dahingeschmolzenes „What A Wonderful World“ von Shawn Mendes und Camila Cabello nur so trieft vor Kitsch und Schmalz. Sowieso ist der Sound, den junge Künstler hier anschlagen, nicht uninteressant: Nicht nur Mendes und Cabello covern einen Klassiker: Jennifer Lopez singt Barbra Streisands „People“ aus „Funny Girl“, John Legend und Sam Smith covern Ben E. Kings „Stand By Me“ und Billie Eilish singt „Sunny“ von Bobby Hebb. Das wird bei Benefizkonzerten natürlich oft so gemacht und ist auch eine schöne Tradition, zu Ehren der großen Künstler und auch, um einem jüngeren Publikum diese Klassiker nahezubringen. Trotzdem scheint es, dass die Lieder von damals die Mutmacher von heute sind. Und man sich fragt: gibt es heute noch Musik, die das zu bewegen vermag? Oder geht’s wirklich nur mit Klassikern?

          Und wie es geht. Man muss schon äußerst hartherzig sein, um nicht von einem Eddie Vedder bewegt zu sein, der an der heimischen Orgel sitzt, er wird beleuchtet von weißen Kerzen, die um ihn herum aufgestellt sind, und spielt „River Cross“ vom neuen Pearl-Jam-Album. Kann es sein, dass er gerade jetzt, so poetisch und so nah, über diese Krise singt? „Wide awake through this deepest night/Still waiting on the sun/As the hours seem to multiply/Find a star to soldier on.” Wohl nicht, der Song wurde schon im Februar beim Superbowl erstmals vorgestellt. Er passt trotzdem fast gruselig gut. Der Sound der Krise ist nämlich auch der, dass sie nichts mehr so klingen lässt wie zuvor. Dass Lieder und Worte eine andere, neue und nicht mehr zu ändernde Bedeutung bekommen. Dass traurige Lieder Hoffnung spenden und hoffnungsvolle Lieder uns traurig zurücklassen. Der Sound der Krise ist das Knacken in einer nicht einwandfreien Skype-Verbindung, das Abbrechen des Telefongesprächs, nicht weil man durch einen Tunnel fährt, sondern weil man aus Versehen in die Ecke des Wohnzimmers gelaufen ist, in der der Empfang schlecht ist. Der Sound der Krise ist kein Konzert, auf dem Hunderttausende mit dem Feuerzeug mitwinken und -singen, sondern eines, das jeder für sich daheim am Fernseher schaut. Und trotzdem etwas dabei fühlt, das man Zugehörigkeit nennen könnte.

          Den krönenden Abschluss bieten Lang Lang am Klavier, Céline Dion, Andrea Bocelli, Lady Gaga und John Legend singen dazu, und es ist nostalgisch und klingt ein bisschen wie ein romantischer Besuch im Caffè Greco, damals, in einer anderen Zeit, im Sommer 2019. Schöner und schlichter schickt uns Taylor Swift in die Nacht: Sie singt ein Lied ihres aktuellen Albums, das von der Krebserkrankung ihrer Mutter handelt, doch „Soon You’ll Get Better“ ist natürlich eine Botschaft, die uns jetzt alle trifft. Auch Swift, die merkwürdig entrückt am Klavier sitzt, sendet Hoffnung – und lässt uns doch in Traurigkeit zurück, die seltsam salzig schmeckt und so schnell nicht vergeht.

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