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Konzert „One World“ : Das ist der Sound der Krise

Und dann die Musik. Das ist natürlich kein echtes Konzert hier. Man fühlt nicht die Energie, die jemand auf die Bühne bringt, durch den höchstens vermittelnden Bildschirm funktioniert so etwas nicht. Doch es ist das Beste, was wir gerade daraus machen können, sagen die trotzigen Mienen derer, die sich am Klavier oder der Gitarre abmühen, und das stimmt. Dies hat seine ganz eigene Schönheit. Die Rolling Stones etwa: In der nicht hundertprozentigen Aufnahme seines Laptops wirkt Mick Jagger jugendlicher und agiler denn je, der Rest der Band wird zugeschaltet. „You Can’t Always Get What You Want“ ist ja sowieso nicht nur eines der schönsten Stones-Stücke überhaupt, es entbehrt in diesen Tagen nicht eines gewissen Humors. Genau wie Billy Joe Armstrongs „Wake Me Up When September Ends“ eine andere Bedeutung bekommen zu haben scheint, dazu werden leere Orte gezeigt, verlassene Einkaufspassagen, die Berliner Siegessäule steht allein da, vorm Kölner Dom trifft sich niemand auf der Domplatte.

So ehrenwert das Anliegen der Show auch ist, vieles ist auch wahnsinnig amerikanisch. In der Pre-Show machen Firmen wie Pepsi oder Cisco Werbung, die mit trauriger Klaviermusik unterlegt und nur darauf ausgelegt ist, zu zeigen, was die Konzerne gerade alles Gutes tun in Zeiten der Krise. Das ist manchmal dann doch zu viel des Eigenlobs. Genau wie ein dahingeschmolzenes „What A Wonderful World“ von Shawn Mendes und Camila Cabello nur so trieft vor Kitsch und Schmalz. Sowieso ist der Sound, den junge Künstler hier anschlagen, nicht uninteressant: Nicht nur Mendes und Cabello covern einen Klassiker: Jennifer Lopez singt Barbra Streisands „People“ aus „Funny Girl“, John Legend und Sam Smith covern Ben E. Kings „Stand By Me“ und Billie Eilish singt „Sunny“ von Bobby Hebb. Das wird bei Benefizkonzerten natürlich oft so gemacht und ist auch eine schöne Tradition, zu Ehren der großen Künstler und auch, um einem jüngeren Publikum diese Klassiker nahezubringen. Trotzdem scheint es, dass die Lieder von damals die Mutmacher von heute sind. Und man sich fragt: gibt es heute noch Musik, die das zu bewegen vermag? Oder geht’s wirklich nur mit Klassikern?

Und wie es geht. Man muss schon äußerst hartherzig sein, um nicht von einem Eddie Vedder bewegt zu sein, der an der heimischen Orgel sitzt, er wird beleuchtet von weißen Kerzen, die um ihn herum aufgestellt sind, und spielt „River Cross“ vom neuen Pearl-Jam-Album. Kann es sein, dass er gerade jetzt, so poetisch und so nah, über diese Krise singt? „Wide awake through this deepest night/Still waiting on the sun/As the hours seem to multiply/Find a star to soldier on.” Wohl nicht, der Song wurde schon im Februar beim Superbowl erstmals vorgestellt. Er passt trotzdem fast gruselig gut. Der Sound der Krise ist nämlich auch der, dass sie nichts mehr so klingen lässt wie zuvor. Dass Lieder und Worte eine andere, neue und nicht mehr zu ändernde Bedeutung bekommen. Dass traurige Lieder Hoffnung spenden und hoffnungsvolle Lieder uns traurig zurücklassen. Der Sound der Krise ist das Knacken in einer nicht einwandfreien Skype-Verbindung, das Abbrechen des Telefongesprächs, nicht weil man durch einen Tunnel fährt, sondern weil man aus Versehen in die Ecke des Wohnzimmers gelaufen ist, in der der Empfang schlecht ist. Der Sound der Krise ist kein Konzert, auf dem Hunderttausende mit dem Feuerzeug mitwinken und -singen, sondern eines, das jeder für sich daheim am Fernseher schaut. Und trotzdem etwas dabei fühlt, das man Zugehörigkeit nennen könnte.

Den krönenden Abschluss bieten Lang Lang am Klavier, Céline Dion, Andrea Bocelli, Lady Gaga und John Legend singen dazu, und es ist nostalgisch und klingt ein bisschen wie ein romantischer Besuch im Caffè Greco, damals, in einer anderen Zeit, im Sommer 2019. Schöner und schlichter schickt uns Taylor Swift in die Nacht: Sie singt ein Lied ihres aktuellen Albums, das von der Krebserkrankung ihrer Mutter handelt, doch „Soon You’ll Get Better“ ist natürlich eine Botschaft, die uns jetzt alle trifft. Auch Swift, die merkwürdig entrückt am Klavier sitzt, sendet Hoffnung – und lässt uns doch in Traurigkeit zurück, die seltsam salzig schmeckt und so schnell nicht vergeht.

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