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Phänomen „Doomscrolling“ : Warum uns schlechte Nachrichten anziehen

Mal wieder im Online-Sog der schlechten Nachrichten gefangen? Das Phänomen wird seit 2018 „Doomscrolling“ genannt Bild: dpa

Spätestens seit Ausbruch der Corona-Pandemie können wir uns in den sozialen Medien vor schlechten Nachrichten kaum noch retten. Aber warum ziehen uns ausgerechnet die so an? Und was hilft, um damit klarzukommen?

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          Es wird kaum Social-Media-Nutzer geben, die das nicht kennen: Man scrollt und scrollt und die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende. Neue Corona-Mutanten hier, steigende Fallzahlen dort und schleppende Impfzahlen im ganzen Land. Die Aussichten scheinen schnell alles andere als rosig, und trotzdem scrollen wir immer weiter. „New York Times“-Kolumnist Kevin Roose etwa klagte bereits zu Beginn der Pandemie, es passiere ihm regelmäßig, dass er in „tiefe, morbide Kaninchenlöcher“ stürze, die bis oben hin mit Corona-Inhalten gefüllt seien. Dort treibe er sich bis zum körperlichen Unwohlsein herum, bis jede Hoffnung auf eine gute Nachtruhe zunichte sei.

          Kira Kramer
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Der obsessive Konsum schlechter Nachrichten im Netz trägt den Namen „Doomscrolling“, eine Wortneuschöpfung, die wohl erstmals 2018 auf Twitter auftauchte. Wenn wir abends also mal wieder mit müden Augen an unserem hellen Bildschirm kleben, dann scrollen wir nicht nur unserem Schlafmangel entgegen, sondern auch dem Untergang.

          Unendliche Feeds und fiese Algorithmen

          „Unser Hirn ist darauf optimiert, Negatives besser, schneller und intensiver zu verarbeiten“, erklärt Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Negativitätsbias nennt sich dieser Effekt. Ein Grund dafür sei unser „Steinzeithirn“, wie Urner es nennt, das in Zeiten von Säbelzahntiger und Mammut gewissermaßen unsere Lebensversicherung war. „Damals konnte eine verpasste negative Nachricht potentiell das Letzte sein, was wir wahrnehmen. Evolutionsbiologisch hat sich unser Hirn seither nicht sehr stark verändert.“ Übertragen auf das 21. Jahrhundert und die Krisensituation der Pandemie könne das dazu führen, dass man geradezu exzessiv Nachrichten konsumiere. „Wenn dieses Bedürfnis medial dann auch noch bedient wird, kann das in einer Art Teufelskreis enden.“

          Allerdings ist es auch die technische Infrastruktur der sozialen Netzwerke selbst, die ihre Sogwirkung verstärkt. Social-Media-Feeds sind endlos: Ist der untere Seitenrand erreicht, laden völlig automatisch die nächsten Beiträge. Per „Infinite Scroll“ dehnen sich Twitter, Facebook und Co. ins Unendliche. Und wer einmal angefangen hat, nach einem bestimmten Thema zu suchen oder auch nur zufällig einem Link zu einem bestimmten Thema gefolgt ist, dem wird der Algorithmus zuverlässig immer mehr davon vorschlagen. Dabei werden Inhalte – anders als in Zeitungen oder auf Nachrichtenseiten – nicht nach Relevanz sortiert, sondern ganz auf das persönliche Klick-Verhalten der Nutzer abgestimmt. Der gleiche Mechanismus spielt auch Anhängern von Verschwörungstheorien stetig die nächste Rückversicherung für ihre kruden Ansichten in die Timeline.

          Aber warum können wir die Apps nicht einfach schließen? „Soziale Medien sind so aufgebaut, dass sie das Belohnungssystem in unserem Gehirn triggern“, sagt Maren Urner. Das begünstige das Doomscrolling. „Jedes Mal, wenn wir eine neue Nachricht sehen, eine Push-Nachricht oder eine Reaktion auf einen Post von uns erhalten, kommt es zu einem kurzfristigen Befriedigungseffekt.“ Auf lange Sicht sei der permanente Konsum schlechter Nachrichten allerdings für viele Menschen eher eine Belastung. Schlafstörungen, Angstgefühle und depressive Symptome könnten die Folge des dauerhaften Stresszustandes sein, der sich einstellt, wenn man sich Tag um Tag stundenlang von negativen Schlagzeilen berieseln lässt.

          Was hilft gegen die Scrolling-Exzesse?

          Zudem könne sich unter dem ständigen Einfluss negativer Nachrichten ein Gefühl von Handlungsunfähigkeit einstellen: „Wenn uns immer nur gezeigt wird, was schlecht läuft, ohne dass wir darüber nachdenken, wie sich dieser Zustand verbessern lässt, geraten wir häufig in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit“, sagt Urner. Dann höre man auf, überhaupt noch den Versuch zu unternehmen, seine Situation zu verbessern.

          Was hilft gegen die Scrolling-Exzesse? Es gibt allerlei smarte Helferlein, mit denen man sich selbst überlisten kann, etwa indem man die eigene Bildschirmzeit per App limitiert. Maren Urner sieht den ersten Schritt zur Besserung schon getan, wenn man sich das eigene Nutzungsverhalten bewusst macht. „Anschließend muss ich mich fragen: Was will ich eigentlich von den Social-Media-Kanälen?“ Oft stehe ein ganz anderes Bedürfnis hinter dem Griff zur App, erklärt Urner. Nutzt man ein Netzwerk vielleicht nur, um das Bedürfnis nach sozialen Kontakten zu stillen? In dem Fall könne es hilfreich sein, stattdessen jemanden anzurufen.

          Wenn ein primäres Informationsbedürfnis dahintersteht, kann es eine klassische Nachrichtenseite tun – dort ist man zwar auch schlechten Nachrichten ausgesetzt, aber die Seite hat ein Ende, die Geschehnisse werden nach Relevanz geordnet, und die Nachrichten werden seriös eingeordnet. Neurowissenschaftlerin Urner findet es außerdem wichtig, eine aktive Rolle gegenüber den Inhalten einzunehmen und nicht die schlechten Nachrichten passiv auf sich einprasseln zu lassen. Etwa indem man mit jemandem darüber spreche. Das mindere auch das Gefühl der erlernten Hilflosigkeit.

          Und falls einen doch mal die Lust überkommt, sich von einem nahezu endlosen Feed berieseln zu lassen, gibt es eine fröhliche Alternative auf einer Seite aus Island: Joyscrolling.

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