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Leben mit Corona : Die Maske lehrt uns Demut

Auch Bankysy „Mädchen mit dem Perlenohrring“ in Bristol hat eine Maske bekommen. Bild: dpa

Den Mund-Nasen-Schutz werden wir vorerst nicht los. Die Maskenpflicht betrifft auch das eigene Verständnis von Selbstdarstellung – und erinnert uns daran, wie unbedarft wir nicht erst seit Beginn der Pandemie mit dem Thema Kleidung umgehen dürfen.

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          Zwei schöne Masken-Momente: Auf Herrenchiemsee hielt Markus Söder, der mit Bayern-Rauten vor dem Gesicht seit Monaten verwachsen zu sein scheint, für Angela Merkel bei ihrem Besuch gleich drei Masken bereit, mit bayerischen, deutschen und europäischen Fahnenmustern. Die Kanzlerin, die nicht dafür bekannt ist, sich mit äußerlichen Eitelkeiten aufzuhalten, blieb derweil erst einmal bei ihrer eigenen, mit dem Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. In London wiederum ließen sich Johnny Depp und Amber Heard im Verleumdungsprozess gegen die Zeitung „Sun“ Tag für Tag vor dem High Court mit Tüchern vor dem Gesicht ablichten, er stets mit einem in Schwarz mit Paisley-Muster, sie meistens mit einem in Rot mit hellen Punkten.

          Maske ist nicht gleich Maske. Die Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung betrifft auch das eigene Verständnis von Selbstdarstellung. Das haben in den vergangenen Monaten auch Menschen erfahren, die ein protestantisches Verhältnis zum eigenen Auftritt pflegen. Das Erste, was das Gegenüber wahrnimmt, ist ein Herz auf Baumwollstoff, ein Vichy-Karo, eine unifarbene Fläche, FFP1 oder FFP2. Man schwitzt unter ihr. Man schimpft über sie. Man sucht sie ständig.

          Die lässige Variante: Johnny Depp bedeckt Mund und Nase mit einem Tuch.
          Die lässige Variante: Johnny Depp bedeckt Mund und Nase mit einem Tuch. : Bild: AP

          Denn selbstverständlich ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sinnvoll. Das gilt ohne Wenn und Aber, und jene, die zu keiner Risikogruppe gehören, können sich glücklich schätzen, sie tragen zu dürfen, weil es bedeutet, dass sie unterwegs und unter Leuten sind und den Sommer genießen können. Da kann die Politik hierzulande wie in den vergangenen Tagen über mögliche Lockerungen der Maskenpflicht im Handel diskutieren. Ob dann wirklich mehr Menschen einkaufen gingen, ist fraglich. Gemäß der jüngsten Erhebung der Cosmo-Studie, an der sich etwa die Universität Erfurt und das Robert-Koch-Institut beteiligen, sind 75 Prozent der Befragten für eine Beibehaltung der Maskenpflicht in Geschäften und gerade einmal 18 Prozent dagegen.

          Kein Recht auf Bequemlichkeit

          Sommer unter der Maske also. Maskierung als Teil der Inszenierung, in Momenten, da dazu noch Gelegenheit besteht. Da Hochzeiten und Taufen nun allenfalls im kleineren Kreis gefeiert werden. Es entfallen: Sommerempfänge und Team-Events vom Arbeitgeber, große Geburtstagspartys, Kita-Feste. Keine Abibälle im vergangenen Monat, keine überschwänglichen Einschulungsfeierlichkeiten im nächsten. Kein Public Viewing, kein Oktoberfest. In der Event-Gesellschaft, die zwischen Mai und September für gewöhnlich alle Register zieht, schränkt das den Spielraum zur Selbstdarstellung schon stark ein. Doch der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, selbst wenn die Corona-Partys in dem Zusammenhang dieser Tage auch das Gegenteil beweisen. Er will sich präsentieren, vergleichen und Gruppen zugehörig fühlen, auch mal abseits von Instagram und Tiktok. Das geht temperaturbedingt zu keiner Zeit besser als im Sommer. In den Parks und an den Flussufern der Großstädte zeigt sich dabei jetzt in modischer Hinsicht ein mitunter überraschendes Bild: Leinenhosen zu Schuhen mit Ledersohlen und Dienstreisen-Kleider in der Freizeit.

          Der Mund-Nasen-Schutz kann auch politisch sein.
          Der Mund-Nasen-Schutz kann auch politisch sein. : Bild: dpa

          Hoodies, Leggings und Flip-Flops sind natürlich auch noch da. Aber das Recht auf Bequemlichkeit, das in den vergangenen Sommermonaten in jenen Momenten Anwendung fand, da man mal seine Ruhe hatte von den vielen Terminen, hat nach der Zeit der Beschränkungen und den Homeoffice-Monaten, als noch die laxeste Kleiderordnung außer Kraft gesetzt war, an Bedeutung verloren.

          Wenn die Wochenenden bis auf weiteres frei bleiben, dann lässt sich hingegen selbst der Besuch bei der Schwiegermutter zum Event stilisieren. Die Garderobe aus Anlassmode der Feste vergangener Jahre ist bei der Gelegenheit als ein Ausdruck des Wunsches nach Rückkehr zur Normalität zu betrachten. Eine, von der einem erst in der Rückschau bewusstwird, dass sie doch von vielen besonderen Momenten geprägt ist.

          Die Maske ist kein Statussymbol

          Den Mund-Nasen-Schutz werden wir dabei vorerst nicht mehr los. Wenn darunter nach einer gewissen Tragedauer die Lippen austrocknen und Kinn und Wangen beginnen zu brennen, wenn die Luft schlecht wird, dann ist das ein guter Zeitpunkt, um sich auch in Erinnerung zu rufen, wie unbedarft wir nicht erst seit Beginn der Pandemie mit dem Thema Kleidung umgehen dürfen. Der Schleier ist in vielen islamischen Ländern für Frauen nicht nur ein Symbol des Glaubens, sondern auch ein Mittel zum Schutz vor Übergriffen. Und weder im enggeschnürten Korsett noch unter dem Zylinder, Requisiten, die Menschen über Jahrhunderte begleitet haben, wird das Dasein angenehmer gewesen sein als mit Maske vor dem Mund. Ja, selbst der Krawattenzwang ist hierzulande mehr oder weniger Geschichte.

          Natürlich ist die Maske, dieses Alltagsobjekt unserer Zeit, kein Statussymbol. Ihr Einsatz ist nicht mit den stilistischen Errungenschaften einer freiheitlichen Gesellschaft zu vergleichen. Sie dient einem höheren Zweck. Aber während man den Schutz über Mund und Nase zieht, lehrt er auch ein Stück weit Demut gegenüber der nun zurückgewonnenen Freiheit.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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