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Jugendwort des Jahres 2020 : Lost in Translation

Bild: dpa

Das „Jugendwort des Jahres“ ist dieses Mal ein schlichter Anglizismus: „Lost“. Welchen Einblick gibt das in die Jugendkultur?

          2 Min.

          Das Jugendwort des Jahres dürfte 2020 bei vielen Erwachsenen für Erleichterung und für ein Gefühl des Junggebliebenseins sorgen: Schließlich ist es diesmal keine bunte Wortneuschöpfung wie „Smombie“ (2015, zusammengesetzt aus „Smartphone“ und „Zombie“) oder „Ehrenmann“ bzw. „Ehrenfrau“ (2018, jemand, der etwas besonders für einen tut), sondern ein schlichter Anglizismus: „lost“. Das Wort kennt man und hat es vielleicht auch jenseits der 30 selbst schon mal benutzt. Es bedeutet „verloren“ oder „verwirrt“ oder, wie der Pons-Verlag in seiner Pressemitteilung erklärt: „ahnungsloses oder unsicheres Verhalten“.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          48 Prozent der Stimmen hat „lost“ in der Online-Abstimmung des Verlags erhalten. Das Wort scheint auf den ersten Blick gut zu passen in dieses von Unsicherheit geprägte Jahr. Das Leben junger Menschen stand wochenlang in Frage: Wann kann man wieder in die Schule gehen, Freunde treffen, wie soll das erste Uni-Semester aussehen, was wird aus dem Auslandssemester?

          Doch eine solche Psychologisierung sei Quatsch, meint der Hamburger Linguistik-Professor Jannis Androutsopoulos. „Man neigt dazu, Wörter als direkten Spiegel von Gemütslagen zu interpretieren. Nachweisen kann man das aber nicht.“ Tatsächlich hat den Forscher der Sieg von „lost“ überrascht. „Ich habe keine Indikatoren, dass das Wort derzeit besonders populär ist“, sagt er. Androutsopoulos hätte vielmehr auf „cringe“ gesetzt, das mit 23 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz landete, und je nach Situation etwa „unheimlich“ oder „unangenehm“ bedeutet. „Der Ausbreitung von ,cringe‘ konnte man in den vergangenen Jahren praktisch zusehen“, sagt er.

          Auch Zeichenfolgen und Emojis können Teil von Jugendsprache sein

          Allerdings habe das Jugendwort ohnehin wenig zu tun mit der tatsächlichen Jugendsprache. „Es gibt keinen gemeinsamen Jugendwortschatz in der ganzen Republik, sondern große lokale, soziale und subkulturelle Unterschiede“, sagt Androutsopoulos. Jugendsprache kennzeichne sich zudem auch durch Phänomene wie Akzent, Syntax oder Interpunktion. „Auch bestimmte Emojis oder ein besonderer Gebrauch von Satzzeichen sind Teil von Jugendsprache.“ Doch Zeichenfolgen wie „!!1!“ könne man nicht gut vermarkten – und genau das, eine Marketing-Kampagne zu sein, wurde dem Langenscheidt-Verlag, der bis 2018 stets das Jugendwort des Jahres ausrief, auch regelmäßig vorgeworfen.

          Also alles gleich wieder vergessen? Nicht ganz: Schön zeigen an „lost“ lässt sich laut Androutsopoulos, wie Wörter in der Jugendsprache weit über ihre Semantik hinaus gedehnt werden: „Wer ,lost‘ ist, der hat nicht nur keine Ahnung, sondern ,lost‘ kann auch bedeuten: Man ist unfähig oder schlecht drauf. Man kann es aber auch im Gespräch verwenden, wenn man den Faden verloren hat.“ Weniger die Wortbedeutung, sondern die Verwendung mache Jugendsprache aus.

          Ab und zu komme es auch vor, dass Jugendliche bestimmte Wörter mit in das Erwachsenenleben nehmen, sie stabilisieren sich und werden quasi normal: „,Geil‘ und ,cool‘ etwa, das sind heute keine Jugendwörter mehr, das benutzt jeder.“ Ob uns also auch „lost“ und „cringe“ erhalten bleiben, oder „wild/wyld“, das auf den dritten Platz kam und in etwa „krass“ bedeutet? Es bleibt abzuwarten.

          Wer sich angesichts dieser Flut an Anglizismen, freimütigen Schreibweisen und zahlreichen Bedeutungen sorgt, dass die deutsche Sprache verkümmert, für den gibt Androutsopoulos aus linguistischer Sicht Entwarnung: „Es gibt in der Sprache selbst nichts, was man abwerten könnte. Das ist ein rein sozialer Diskurs.“

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