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„gitti“-Gründerin im Gespräch : „Wir treffen den Nerv der Zeit“

  • -Aktualisiert am

„gitti“-Gründerin Jennifer Baum-Minkus Bild: Patrycia Lukas

Veganer Nagellack klingt nach einem Nischenprodukt. In „Der Höhle der Löwen“ konnte eine junge Gründerin damit jedoch alle fünf Investoren überzeugen. Im Interview erzählt sie, warum.

          3 Min.

          Frau Baum-Minkus, mit Ihrer Marke „gitti“ verkaufen Sie veganen Nagellack. Wie kommt man auf sowas?

          Es war ein Bauchgefühl! Ich bin eigentlich ein klassisches Konzernkind, aber im Dezember 2017 habe ich von jetzt auf gleich meinen Job bei Coca-Cola gekündigt – obwohl alles gut lief. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sich etwas ändern muss. Eine Bekannte hat mich daraufhin gefragt, was ich machen würde, wenn ich keine Angst haben müsste. Wir hatten schon ein, zwei Gläser Wein getrunken, und das Erste, was mir durch den Kopf schoss, war: Glitzernagellack! Peinlich, oder? Zu Hause habe ich dann recherchiert und bin auf Berichte gestoßen, wie schädlich herkömmlicher Nagellack sein kann. Einige Produkte enthalten zum Beispiel Stoffe, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein, die Farbpigmente können tierischen Ursprungs sein. Da habe ich mir gedacht: Das muss man anders machen. Anderthalb Jahre später habe ich dann die erste „gitti“-Produktion über einen Onlineshop aus meinem Esszimmer heraus gelauncht.

          Wie kamen die Lacke an?

          Ich weiß nicht, was an diesem Abend passiert ist: Innerhalb von zwei Stunden war der gesamte Vorrat ausverkauft. Eigentlich habe ich damit gerechnet, dass er bis Ende des Jahres hält, also gut neun Monate. Im ersten Jahr haben wir neun Mal produziert – und waren jedes Mal in Kürze ausverkauft. Wir sind schnell gewachsen und haben gemerkt, dass wir total den Nerv der Zeit treffen.

          Hatten Sie Angst zu scheitern?

          Nein. Ich war und bin einfach motiviert, dieses Produkt zu entwickeln. Der Absatz stand für mich am Anfang gar nicht so im Vordergrund. Wir stehen noch am Anfang. Ich bin immer noch nicht bei meinem Produkt, wo ich eigentlich hin will, auch mit der Verpackung nicht. Aber es ist natürlich spannend zu sehen, auf welche Nachfrage das stößt.

          Junge Gründerin entwickelt vegane Nagelfarbe.
          Junge Gründerin entwickelt vegane Nagelfarbe. : Bild: Linda Ambrosius

          Wie entwickeln Sie Ihre Produkte weiter?

          Mit Hilfe unserer Community: Ich hab mit meinem ersten Prototypen damals ein „Tasting“, also ein Auftragen der Nagelfarbe bei mir zu Hause simuliert und die Probandinnen befragt. Am Anfang war eigentlich alles schlecht, nur die Farbe nicht. Die Umsetzung von Feedback ist die Basis unserer Marke: Was finden sie gut, an welchen Themen müssen wir noch arbeiten? So sind auch unsere lang anhaltenden Pflanzenfarben oder der 100 Prozent natürliche Nagellackentferner entstanden.

          Wie sieht Ihre Wunschvorstellung denn aus?  

          Wir wollen die Inhaltsstoffe noch besser machen und an nachhaltigen und innovativen Verpackungen arbeiten. Natürlich wäre es ein Traum, eine 100 Prozent natürliche und vegane Nagelfarbe zu haben. Daran tüfteln wir und sind zuversichtlich, dass wir das auch irgendwann schaffen. Grundsätzlich hoffen wir, in der Beauty-Industrie einen Einfluss zu hinterlassen, und zwar nicht nur mit Nagelfarbe, sondern auch mit anderen Produkten. Man will ja nach wie vor Spaß haben mit Beautyprodukten – und man möchte das mit gutem Gewissen tun für sich selbst und den Planeten.

          Legen Sie auch im Alltag Wert auf Nachhaltigkeit?

          Für mich ist bewussteres Konsumieren wichtig. Ich bin keine Asketin, die sagt, man darf jetzt gar nichts mehr konsumieren. Ich suche nach Dingen, die nachhaltig sind, bei denen ich das Gefühl habe, ich konsumiere, aber in einem gesunden und nachhaltigen Rahmen. Ich überlege, wo und wie ich einkaufe. Dadurch kaufe ich weniger und bedachter.

          Sie haben Ihre Nische gefunden. Warum sind Sie in die „Höhle der Löwen“ gegangen?

          Für das, was wir vorhaben, braucht man einfach Partner, die einen unterstützen. Man schafft sowas nicht alleine. Bei der Vorbereitung hat mich auch ein Netzwerk aus Frauen unterstützt. Dass wir tatsächlich alle überzeugen können, damit hatte ich aber nicht gerechnet. Ich war eher auf kritische Fragen vorbereitet.

          Der Deal ist am Ende geplatzt. Warum?

          Am Ende setzt man sich noch einmal viel intensiver zusammen, lernt sich viel besser kennen und spricht ganz viel über: Wo soll die Reise hingehen, welche Visionen hat man, welches Produktportfolio und welche Vertriebskanäle sieht man? Am Ende des Tages waren es unterschiedliche Punkte, wegen derer es nicht gepasst hat. Trotzdem bin ich total happy, dass ich beide Frauen, Judith Williams und Dagmar Wöhrl, kennengelernt habe. Das sind zwei Powerfrauen mit wahnsinnig viel Expertise. Nach der Ausstrahlung im Fernsehen hat sich außerdem unsere Community verdoppelt, wir haben auf sämtlichen Kanälen wahnsinnig viele Anfragen und Glückwünsche bekommen.

          Was planen Sie als Nächstes?

          Aktuell sind wir natürlich ganz froh, wenn wir die Nachfrage in unserem eigenen Online-Shop bewältigt bekommen. Wir wollen natürlich in andere Kategorien rein, da arbeiten wir schon ganz fleißig dran.  Dafür gucken wir: Wo hat der Kunde ein Problem, was braucht er und wie können wir das angehen und umsetzten? Das macht gerade viel Spaß.

          Was würden Sie jungen Menschen und vor allem Frauen raten, die erst einmal nur eine Idee im Kopf haben?

          Das Allerwichtigste ist, dass man auf sein eigenes Bauchgefühl hört. Wenn dich eine Idee wirklich nicht mehr loslässt und wenn dich die Energie ergriffen hat, das machen zu wollen – dann mach es! Und dann unbedingt Partner suchen! Alleine schafft man es nicht.

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