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Galeriensterben : „Das tun sich die Jungen nicht mehr an“

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Ausstellung: Die „kurze Nacht der Galerien“ ist eine Attraktion in Wiesbaden, doch sonst ist es um die Lage der Galerien in der Landeshauptstadt schlecht bestellt. Bild: Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Zu viel Bürokratie und ein Überangebot an Messen: Das Galeriensterben geht auch wegen Corona weiter. Das Problem macht sich in Wiesbaden noch deutlicher bemerkbar als andernorts.

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          Dass Galerien gemeinsam in eine neue Ausstellungssaison starten, hat nicht nur in Frankfurt Tradition. In Wiesbaden trifft man sich ebenfalls Jahr um Jahr zur großen Vernissage. Dort dauert der Rundgang zwar keine drei Tage, sondern ist auf eine Nacht im Frühjahr beschränkt und heißt, weil die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit dafür lange als Termin reserviert war, „Kurze Nacht“. Aber auch dabei dürfen Kunstfreunde Einblicke in den aktuellen Markt erwarten, frische Werke bekannter Namen ebenso wie junge Entdeckungen, manch eine Aussicht auf Erweiterung der eigenen Sammlung und nicht zuletzt Szeneklatsch bei Sekt und Häppchen.

          Zwei der teilnehmenden Galerien sind nicht nur seit langem etabliert, sondern konnten in der Vergangenheit sogar expandieren: Björn Lewalter hat das elterliche Rahmengeschäft 2004 um einen zweigeschossigen Anbau mit einer Ausstellungsfläche von 300 Quadratmetern erweitert, in dem er seither eine Galerie betreibt: Das Programm von „Kunst-Schaefer“ lässt eine Vorliebe für regionale Künstler und starke Farben erkennen. Die Davis Klemm Gallery wiederum ist nach mehreren Umzügen im Vorort Kostheim buchstäblich angekommen. Neben ihrem Privathaus hat Galeristin Erika Davis-Klemm 2017 einen modernen Neubau errichtet, in dem sie wie gehabt Gegenständliches von zeitgenössischen Künstlern jeden Alters zeigt.

          Trotzdem macht sich das vielbeschriebene Phänomen des Galeriensterbens in Wiesbaden deutlicher als anderswo in der Region bemerkbar. Während in Darmstadt und in Mainz seit Jahr und Tag nur jeweils ein Name, nämlich Claus Netuschil respektive Dorothea van der Koelen, hervorragt, war die Galeriendichte in der Landeshauptstadt lange höher, als ihr Image der kulturellen Provinz dies erwarten ließ. Von zeitweilig mehr als einem Dutzend Galerien hat allerdings nur eine Handvoll überlebt. Nach wie vor erfreut sich die „Kurze Nacht“ zwar großer Beliebtheit. Bei der stattlichen Zahl von 25 Stationen, die der – wegen Corona freilich ausgefallene – Rundgang diesmal umfasst hätte, handelt es sich aber in den wenigsten Fällen um Galerien. Inzwischen überwiegen vielmehr eher artfremde Institutionen wie die Aids-Hilfe, ein Hospizverein und eine Kirche. Darüber hinaus gehört seit einigen Jahren ein kostenloser Shuttle-Service in Oldtimer-Autos zum Programm, der für einen wesentlichen Teil des Publikums eine mindestens ebenso große Attraktion ist wie die Kunst.

          Teure Teilnahme an Messen vor allem für Mittelständler schwer

          Die Interessengemeinschaft, in der sich die Wiesbadener Galerien 2004 zusammengeschlossen haben und die für ihre Aktivitäten 2015 sogar den städtischen Kulturpreis erhielt, entwickelte sich anders als das Pendant in Frankfurt. Während die Zahl der Mitglieder dort von ursprünglich 22 auf heute 30 gestiegen ist, existiert die Wiesbadener IG momentan „nur noch auf dem Papier“, sagt Mitbegründerin Christine Rother-Ulrich. Viele ihrer Kollegen haben sich vor allem aus Altersgründen zurückgezogen. Die wenigen jungen Galeristen, die es in Wiesbaden gab, blieben nie lange. Die Galerie „Kunstadapter“ etwa, die drei junge Männer 1997 zunächst in einem ehemaligen Kiosk eröffneten und dort unkonventionelle Fotokunst präsentierten. Einer von ihnen war Andreas Greulich, der heute im Frankfurter Galerienzentrum Fahrgasse reüssiert.

          Der dienstälteste Galerist der Stadt ist Gottfried Hafemann, der sich 1987 in Bahnhofsnähe niedergelassen hat. Fast ebenso lange gibt er zweimal pro Jahr den Wiesbadener Galerienkalender heraus. Den Niedergang des örtlichen Galerienlebens, den er mit den in einem dicken Ordner gesammelten Faltblättern schwarz auf weiß dokumentieren kann, führt er nicht zuletzt auf die zunehmende Zahl der Messen zurück. Sie gelten noch immer als ein wichtiger Absatzort.

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          Trotzdem mache es die teure Teilnahme gerade Mittelständlern schwer, „da nicht mit Miesen rauszugehen“. Finanzielle Verluste rede man sich hinterher gern damit schön, gute Kontakte gemacht zu haben, was sich in aller Regel aber auch nicht auszahle. Da Hafemann im Hauptberuf Kunsterzieher war, konnte er es sich leisten, nicht nach dem Markt zu schielen und unkonventionelle Positionen zu vertreten. Aus dem Messegeschäft hat er sich schon früh zurückgezogen. Denn „ich will Kunst zelebrieren, und das geht auf Messen nicht“.

          Überbordende Bürokratie als große Schwierigkeit

          Christine Rother-Ulrich indes, die ihre Galerie 1994 eröffnet hat und ihre Kollegen aus Hessen und Rheinland-Pfalz außerdem im Bundesverband Deutscher Galerien repräsentiert, nennt die überbordende Bürokratie als eine der größten Schwierigkeiten, mit denen Galeristin heute zu kämpfen haben. Allein für die Abrechnung mit der VG Bildkunst und der Künstlersozialkasse brauchte man inzwischen fast einen Steuerberater. Heutzutage müsse man sogar darüber Buch führen, „wie viel Verpackung weggeschmissen wird“, sagt Rother-Ulrich. „Das tun sich die Jungen nicht mehr an.“

          Keine Frage, dass sich auch ihre Zunft der Digitalisierung stellen muss. Dass die nachfolgende Generation, die sich damit auskennt, die Expertise etablierter Galerien nutzt und dort mit einsteigt, hält Rother-Ulrich für ein empfehlenswertes Modell. Diesen Weg hat sie schließlich auch selbst eingeschlagen: Nachdem sie sich zunächst mit ihrer ebenfalls seit langem etablierten Kollegin Elvira Mann-Winter zusammengetan hatte, hat diese sich im vergangenen Jahr dann ganz aus der Galerie zurückgezogen. Inzwischen ist Rother-Ulrichs Sohn Mitinhaber. Das funktioniere bislang sehr gut: „Christian hat Ideen, ich hab Erfahrung.“

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