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Corona-Frisuren : „Das sind alles Notfälle“

  • -Aktualisiert am

„Selbstfärben ist viel schlimmer als Selbstschneiden“: Kemper Bild: Thomas Dashuber

Vor einer Woche durften die Friseursalons wieder öffnen. Im Interview spricht der Münchner Friseur Thomas Kemper über Haar-Experimente im Lockdown, die Panik vor dem Grau und seine Rückkehr in den Salon.

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          Herr Kemper, seit Montag dürfen Friseursalons wieder öffnen. Wie waren die ersten Tage?

          Es lief besser als erwartet. Abgesehen davon, dass wir am dritten Tag mit den Warmwasservorräten an die Grenze gekommen sind, weil wir so viele Colorationen gemacht haben. In den Tagen vor der Öffnung herrschte eine Hysterie. Meine Frau Brita sagte beim ersten Blick auf den Terminplan: „So sausen wir voraussichtlich vom Lockdown direkt in den Burnout!“ Aber mehr als 90 Prozent der Kunden haben sich problemlos eingefügt, und die vorige Hysterie ist einer erstaunlichen und mich fast beschämenden Dankbarkeit gewichen. Tatsächlich fiel jeden Tag drei-, viermal der Satz, dass ich den Kundinnen ihre Würde wiedergegeben hätte. Es kam vielen einer Erlösung gleich.

          Der Lockdown war für viele Ihrer Kunden auch frisurtechnisch hart?

          Unsere Termine wurden immer heiß gehandelt, und ich hatte nie das Gefühl, dass wir nicht gesellschaftsrelevant wären. Aber in den Corona-Lockdowns war es schon der Wahnsinn: Man hat massenhaft versucht, mich und meine Angestellten für eine undercover geschnittene Frisur zu bestechen. Wir bekamen Nachrichten über Telefon, SMS, Whatsapp. Selbst meine Frau wurde bedrängt, ob sie mich nicht beeinflussen könne, dass ich doch diese oder jene Kundin empfange oder besuche. Aber ich habe es nicht getan und würde es auch aus Überzeugung weiterhin nicht tun. Nicht nur weil das Seuchenschutzgesetz es uns vorgibt. Das geht einfach nicht, weil es alle Bemühungen konterkariert. Dazu ist es Schwarzarbeit, Wettbewerbsverzerrung und Steuerhinterziehung in einem. Mich wundert, was für ein Risiko Kunden und auch manch ein Kollege bereit sind für einen Haarschnitt einzugehen.

          Wie war der erste Tag für Ihre Mitarbeiter?

          Es war wie nach den großen Ferien am Schulanfang. Alle waren eine Stunde vor Beginn da, haben geratscht, dann ging es los, alles lief wie von allein, ich musste gar nichts ansagen. Vorher war der Firmenchat heiß hin und her gelaufen; manche schrieben, sie seien so aufgeregt, dass sie gar nicht schlafen könnten. Alle haben sich so gefreut, wieder arbeiten zu dürfen. Ich habe außerdem im Freundeskreis meines Sohnes vier seiner Freunde als 450-Euro-Kräfte organisiert, die kümmern sich um die Handtücher, bringen Kaffee und räumen auf, damit sich die Friseure um ihre Kunden kümmern können. Dazu haben die Mitarbeiterinnen an der Rezeption darauf geachtet, den Laden nicht zu fluten, sondern die Abstände einzuhalten.

          Viel zu schneiden: Der Salon von Thomas Kemper ist bis nach Ostern ausgebucht.
          Viel zu schneiden: Der Salon von Thomas Kemper ist bis nach Ostern ausgebucht. : Bild: Thomas Dashuber

          Wer bekommt zuerst einen Termin?

          Im Vorfeld der Öffnung mussten wir ständig diplomatisch Zoff regeln, denn viele fühlten sich einfach nicht entsprechend berücksichtig, jeder will der Erste sein und fragt: „Warum haben Sie meine Freundin zuerst drangenommen?“ Aber jeder Kunde ist mir der liebste, und an der Kasse zahlen eh alle das Gleiche, also wen soll ich da bevorzugen? Wir arbeiten erst einmal die aufgelaufenen Termine ab. Natürlich haben die Färbekundinnen den höchsten Leidensdruck. Stellen Sie sich nur vor, all die eleganten Damen mit ihren schicken Handtaschen, und die haben jetzt auf der Mitte des Kopfes solche andersfarbigen Landebahnen. Das sind alles emergencies. Für die meisten Kunden gehören wir eben fest zu ihrem Leben, 80 Prozent haben ihren Stammfriseur. Wir sind jetzt bis nach Ostern ausgebucht.

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