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Kalender mit Genital-Motiv : „Die Vulva ist ins Exil geraten“

Meist eher künstlerisch dargestellt: die Vulva Bild: dpa

365 Fotos vom weiblichen Genital: Ein Freiburger Kollektiv hat einen Kalender herausgebracht, der mit der gängigen Vorstellung der Vulva brechen und zu Gesprächen anregen soll.

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          Frau Küster, als Teil des Freiburger Kollektivs „Vulversity“ haben Sie einen ungewöhnlichen Kalender für das kommende Jahr herausgebracht: Jeden Tag gibt es das Foto einer Vulva zu sehen. Warum dieses Motiv?

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Die Vulva ist in unserer Gesellschaft ein bisschen ins Exil geraten. In den meisten Köpfen gibt es ein kulturelles Bild einer Norm-Vulva: glattrasiert, die Hautfarbe ist genau wie der Rest des Körpers, die inneren Vulvalippen kleiner als die äußeren, die Klitoris ist nicht besonders groß. Keine Narben, keine Körperflüssigkeiten, noch keine Geburt – wie bei einem Kind. Die Vulva einer Frau gibt es als Bild nicht wirklich in einem nicht-sexualisierten Kontext. Selbst in Aufklärungsbüchern gibt es oftmals keine Zeichnung von Vulven, sondern nur von der Gebärmutter. Das Wort Vulva kennen viele nicht, sondern nur Vagina, was ja aber den inneren Teil bezeichnet. Mit unserem Kalender wollen wir mit der Norm brechen und zeigen: So sehen Vulven wirklich aus – sehr unterschiedlich.

          Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

          Das war vor rund zwei Jahren nach einem Kinobesuch. Wir haben „Female Pleasure“ angeschaut, einen Film, in dem es unter anderem auch um die Vulva geht. Beim anschließenden Kneipenbesuch haben wir festgestellt, wie wenig wir eigentlich selbst über die Vulva wissen. Da kam die Idee für den Kalender auf.

          Wie sind die Fotos entstanden?

          Wir haben in mehreren Städten Events mit Fotoshootings organisiert und in den sozialen Netzwerken beworben. Vor Ort gab es Kaffee und Kuchen sowie eine kleine Bibliothek zum Thema, wir haben auch Filme gezeigt. Hinten gab es eine kleine Fotokabine, wer wollte, konnte sich dort fotografieren lassen – am Ende waren es 400 Vulven. Viele sind auch einfach lange geblieben, haben sich ausgetauscht – der Redebedarf ist groß, das Thema oft noch zu Scham behaftet.

          Woher kommt die Scham?

          Ich denke, das hat mit den brutalen Aspekten in der Geschichte der Vulva zu tun. Im 18., 19. Jahrhundert durften Frauen ja keinen Sexualtrieb empfunden. Sex und die Vulva waren dazu da, Kindern zugebären. Wer Lust empfunden hat, war krankhaft. Größere, innere Vulvalippen galten Zeichen für Masturbation und wurden beschnitten. Bis heute werden größere innere Vulvalippen stigmatisiert und in der Intimchirugie wegoperiert – auch wenn man sich heute eher unters Messer legt, weil man vermeintlich nicht genügend Sexualtrieb hat oder nicht oft genug zum Orgasmus kommt.

          An wen richten Sie sich mit Ihrem Kalender?

          An alle! Wir sind kein Frauen-Projekt. Wir machen Fotos von Vulven, nicht von Frauen. Es ist uns wichtig, nicht auf die Gender-Binarität einzugehen: Wir haben auch Menschen, die früher männliche Genitalien hatten und sich umoperieren ließen, in unserem Kalender drin. Das Schöne an unserem Abreißkalender ist auch, dass ihn hoffentlich nicht nur ihre Besitzerinnen und Besitzer sehen, sondern vielleicht auch Besuch, der sonst nicht mit dem Thema in Berührung kommen würde. Einen Kalender stellt man ja meist an einem öffentlichen Platz in der Wohnung auf. So können die unterschiedlichsten Gespräche entstehen – der eine empfindet ihn vielleicht als pornografisch, der nächste einfach nur spannend. Die abgerissenen Blätter können außerdem für Notizen, als Einkaufszettel oder als Karten verwendet werden.

          Spannend, pornografisch – welche Reaktionen haben Sie noch auf den Kalender erhalten?

          Gerade von Frauen und besonders natürlich aus der feministischen Kunstbewegung, die sich seit einigen Jahren mit der Vulva befasst, gab es viele positive Reaktionen, die uns darin bestärken, weiterzumachen. Die erste Auflage des Kalenders ist auch schon ausverkauft. Aber es gibt auch einen Shitstorm, vorwiegend von älteren Männern, denen das nicht gefällt, weil es zu explizit ist oder sie Feminismus generell ablehnen. Das Thema Vulva ist kontrovers, und das ist auch okay: Menschen dürfen es auch nicht gut finden.

          Was planen Sie als nächstes?

          Wir wollen eine zweite Auflage des Kalenders herausbringen. An uns ist auch schon die Idee eines Penis-Kalenders herangetragen worden. Da gibt es sicherlich Bedarf, aber wir sind mit unserem Projekt schon gut ausgelastet, wir machen das bislang ehrenamtlich. Vielleicht hat ja jemand anderes Lust, das zu starten. Wir würden aber gerne noch ein Vulva-Produkt kreieren, das nicht nach einem Jahr weg ist. Wir wollen aber auch kein Hochglanzbuch rausbringen, sondern wieder etwas schaffen, das in den Alltag passt.

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