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Schwäbische Dialektforscherin : „Wir ham da gar kei Gfühl dafür, dass ma Menschen wegen Ihrer Sprache ned diskriminieren darf“

Besucher des diesjährigen Oktoberfests laufen in Trachten über den Platz. Bild: Imago

Edith Burkhart-Funk ist Germanistin. Im Interview spricht sie über die Zukunft von Dialekten, übers Gendern – und über die bange Frage, warum Bairisch sexyer zu sein scheint als Schwäbisch.

          11 Min.

          Frau Burkhart-Funk, Sie sind Dialektforscherin und Dialektsprecherin aus Bayerisch-Schwaben. Ich wende mich an Sie als bayerischer Schwabe, Dialektsprecher und besorgter Vater, der feststellen muss, dass seine in München aufwachsenden Kinder keinen Dialekt mehr sprechen. Was tun?

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Sprache verändert sich ständig, und mit der Gesellschaft verändern sich auch die Ansprüche an Sprache. Isch einfach so.

          Es sieht also nicht gut aus für den Dialekt?

          Regionale Sprachunterschiede wird’s immer geben, aber nicht mehr so kleinräumige, wie ich se als Kind - i bin Jahrgang 1956 – selbst im Vergleich zum Nachbarort no kennenglernt hab. Und wahrscheinlich wird Sprache au sozial unterschiedlich ghandhabt werdn. Des war ja früher nicht der Fall, früher hat ja jeder Dialekt gschprochn, es war au kei Bedarf da, a andere Varietät zu sprechen, also a anders Sprachregischter zu ziehen, weil ma ja ned mobil war.

          Das Thema Mobilität scheint mir für dʼSprachentwicklung a entscheidender Punkt zu sein. Mobilität in der Fläche, aber au dʼsoziale Mobilität.

          Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts isch dr Mensch kaum aus seim Dorf rauskommen, vielleicht mal ins nägschde oder übernägschde Nachbardorf. Zum Beispiel dr Lech nördlich von Augschburg: Des war a ganz scharfe Trennungslinie, wohl die schtärkschte Dialektgrenze im deutschen Raum. Bis in unsre Zeit nei hat kei Mensch übern Lech nübergheiratet, da entwickelt sich Sprache dann total auseinander.

          Die Leut hand sich ned gmischt und damit konnte sich auch dr Dialekt ned abschleifen?

          Des isch erst nachm Zweiten Weltkrieg so richtig losgangen. Natürlich spielen au die Medien a wichtige Rolle. Bis dahin gabs ja fascht nur Zeitungen. Gut, Rundfunk, den hats scho vorher gebn, aber Sprache ist ja ein schwerfälliges Ding, des ändert sich ja ned gar so schnell. Ond bis zum Zweiten Weltkrieg hat sich Sprachwandel ganz langsam vollzogn, danach isch des ja a ganz rasante Gschichte gwordn, eben durch die erhöhte Mobilität, durch den Medienkonsum.

          Welche Rolle hat dr Bayerische Rundfunk für die Dialekte in Bayern gspielt?

          A: Dr BR war lang stark München-zentriert, ond au wenn r angeblich dialektnah gsendet hat, dann war des immr so a bissle a „Käferzelt-Bairisch“, wie sʼamaol a Kollege von mir gsagt hat. Es war jedenfalls ned des Bairisch, des ma aufm Land en Niederbayern spricht und überhaupt ned der Dialekt, den man zum Beispiel bei mir in Schwaben spricht, auch kaum Fränkisches gabs, erst in jüngster Zeit kam da durch regionale Studios mehr.

          Warum „Käferzelt-Bairisch“ und nicht Schwäbisch?

          Ma identifiziert sich natürlich gern mit ra Region, die erfolgreich isch, die potent isch, innovativ. Warum a Sprache Prestige hat, hat nie mit der Sprache selber zu tun. Ich beschäftig mich jetzt seit gut 40 Jaohr mit Dialekt, jeder Ortsdialekt hat an ganz besonderen Reiz, a ganz eigene Schönheit. Des, was ma Prestige nennt, des hat immer außersprachliche Gründe. Da geht’s nicht drum, isch dr Dialekt an sich schön oder hässlich. Man verbindet Sprache immer mit den Menschen, die se sprechen. Wenn man die Menschen attraktiv findet und prestigeträchtig, findet man automatisch ihre Sprache schön.

          Was is an de Oberbayern sexyer als an de Schwaben?

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