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Fastenzeit : Selbstoptimierung statt Gott

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Schluss mit Karneval-Exzess: Aber bedeutet ein Verzicht in der Fastenzeit wirklich das Ende vom Genuss? Bild: dpa

Das närrische Treiben ist vorbei und die Fastenzeit beginnt. Die kirchliche Tradition gerät dabei inzwischen oftmals in den Hintergrund – es geht um Gesundheit und Selbstoptimierung.

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          Die Fastenzeit ist die wichtigste Gedenkzeit im Jahr für den christlichen Glauben. In der Zeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag wird an das Leiden und Sterben Jesu erinnert und sich auf Ostern vorbereitet, wo die Erlösung und Auferstehung Christi zelebriert wird.

          In der kirchlichen Tradition war Askese bereits im Mittelalter das Mittel um „Gott zu gefallen“. Doch mit der Reformation wurden die Regeln gelockert. Das Fasten wurde zu einer Zeit „der Einkehr, der Umkehr und Besinnung“. So erklärt es die deutsche evangelische Kirche im Rahmen ihrer bundesweiten Kampagne zur diesjährigen Fastenzeit unter dem Titel „7 Wochen ohne“.

          Inzwischen scheint die Fastenzeit oft losgelöst von religiösen Werten zu stehen. Während die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig ist, steigt die Begeisterung für die Wochen voller Verzicht. Oft geht es vielmehr um Ethik, Gesundheit und Selbstoptimierung: So halten derzeit 65 Prozent der Deutschen das Fasten aus gesundheitlichen Gründen für sinnvoll. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der DAK. 2012 waren es erst 53 Prozent. Frauen, jüngere Menschen sowie Menschen mit einem höheren Bildungsgrad sind besonders fastenaffin.

          Obwohl Jahr für Jahr neue Fastentrends wie der Verzicht auf das Smartphone und Plastik entstehen, führen Klassiker die Liste an: Während über die Hälfte der Männer (62 Prozent) auf Alkohol verzichten möchten, planen fast Dreiviertel der Frauen (72 Prozent) auf Süßigkeiten zu verzichten. Bei den Männern waren Süßigkeiten auf Platz zwei der Fastenliste mit 62 Prozent, bei Frauen war dies Alkohol mit 65 Prozent. Auf Platz drei steht der Verzicht auf Fleisch, danach stehen bei beiden Geschlechtern das Rauchen und das Fernsehgucken. Jeder Fünfte kann sich auch vorstellen, sein Auto stehen zu lassen.

          Außerdem wäre mehr als ein Viertel der Deutschen bereit, für einige Wochen auf Handy und Computer zu verzichten: Dreiviertel der Befragten sehnen sich nach weniger Stress, viele versprechen sich dadurch zudem mehr Zeit für sich selbst, Freunde oder wichtige Aufgaben.

          „Gesundheit und Fitness sind an die Stelle von Gott getreten“

          Der Wunsch nach weniger Stress und mehr Ruhe sei ein entscheidender Faktor in der Entwicklung des Fastens an sich, erklärt die Psychologin Franziska Kath. Früher sei Askese ausschließlich mit Sex und Essen verbunden. Dies hätte den einfachen Grund, dass es damals keine anderen Genussmittel für einen Verzicht gab. Seit der Industrialisierung seien hingegen alle Dinge in Massen verfügbar. Der menschliche Körper sei für diese permanente Reizüberflutung nicht gewappnet, erklärt die Psychologin.

          In dieser Gesellschaft des permanenten Überflusses sei es das Bestreben vieler Menschen, wieder achtsamer durch ihr Leben zu gehen, meint Kath. „Genuss und Überfluss schließen sich immer aus“, daher würde wahrer Genuss auch Abstinenz erfordern. Fasten habe heutzutage viel mit Selbstoptimierung, Selbstwirksamkeit und Kontrolle zu tun, erklärt sie.

          „Gesundheit und Fitness sind an die Stelle von Gott getreten“, sagt Kath. Was früher für Menschen die Religion war, sei mittlerweile die Selbstoptimierung. Hinter dem Fasten stecke stets auch der Wunsch seine eigene Willenskraft zu demonstrieren und bestenfalls auch zu erhöhen. „Die psychische Willenskraft ist so etwas wie ein Muskel, man kann sie trainieren“, erklärt Kath. Dies tue man indem man sich bewusst unangenehmen Zuständen aussetze und sie überwinde.

          Die Paradoxe sei hier, dass nach einer anfänglichen Umgewöhnungsphase nicht mehr das Suchtmittel an sich das Belohnungssystem im Gehirn aktiviere, sondern der Verzicht auf jenes. Der Körper schütte plötzlich wieder von allein Serotonin und Dopamin aus, erklärt Kath, aus Stolz über das eigene Durchhaltevermögen. Die Leute würden sich aus sich selbst heraus stärker fühlen – eine Art innere Freiheit. Dieses neue Selbstvertrauen würde auch nach der Fastenzeit positive Effekte mit sich bringen, sagt Kath. Man fühle sich weniger abhängig von äußeren Umständen. Denn ob Schokolade, Smartphone oder Netflixserie, nach dem Fasten sei eins klar: Man brauche diese Genussmittel nicht zum Überleben.

          Klimafasten mit der Kirche

          Die Kirche ist bemüht, mit diesen Trends mitzuhalten. Sie demonstriert gleich mit mehreren Aktionen und Projekten den zeitgemäßen Umgang mit den traditionellen Werten der Fastenzeit. Zentral sei die Frage: „Worunter würde Jesus heute leiden?“, sagt Maria Karnagel, Klimamanagerin im Haus kirchlicher Dienste und Projektkoordination der kirchlichen Initiative „Klimafasten“. Die Aktion findet dieses Jahr zum sechsten Mal statt und kombiniert die religiöse Tradition des Fastens mit einer aktuellen Problematik: der Klimakrise. Im Rahmen dieses Projektes organisieren evangelische und katholische Kirchen gemeinsam mit Gemeinden und Nichtregierungsorganisationen, Gottesdienste und verschiedene Workshops wie etwa „Plastikfrei leben“ oder vegetarische Kochkurse.

          Ein zentrales Element des Christentums sei das Miteinander, die Ebenbürtigkeit und Nächstenliebe, erklärt Karnagel. Die zunehmende Ungerechtigkeit und Ungleichheit, ausgelöst durch die Klimakrise, sei daher auch in der Religion und religiösen Fastenzeit ein zentraler Aspekt. Schließlich sei Verzicht vor allem Konzentration, sagt Karnagel. Denn er bringe ein Bewusstsein für das eigenen Handeln und dessen Auswirkungen, sowie die Möglichkeit der Veränderung. „Verzicht schafft immer auch Raum für etwas Neues“.

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