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Viggo Mortensen im Gespräch : „Als Teenager habe ich gegen meinen Vater rebelliert“

  • -Aktualisiert am

In diesem Film hat er viele Rollen: Der 62 Jahre alte Regisseur und Hauptdarsteller Viggo Mortensen ist hier am Set mit dem Kameramann Marcel Zyskind zu sehen. Bild: PROKINO Filmverleih

Bei seinem neuen Film „Falling“ hat Viggo Mortensen erstmals Regie geführt. Im Interview spricht der dänisch-amerikanische Schauspieler über sein Debüt, die Geschichte seiner Familie und die Finanzierung eines Independent-Films.

          7 Min.

          Herr Mortensen, warum haben Sie Ihr Regie-Debüt Ihren Brüdern Charles und Walter gewidmet?

          Aus Respekt. Ein großer Teil des Films ist zwar Fiktion, aber die Basis ist unsere Kindheit und wie wir zusammen aufgewachsen sind. Ich wusste, sie werden bestimmte Dinge im Film auf jeden Fall wiedererkennen. Zum Beispiel das Verhältnis zwischen den Eltern, die sich trennen, als die Kinder noch relativ jung sind. So war es bei uns auch. Da sind noch einige andere Elemente, die in unserer Familiengeschichte wurzeln. Und da dachte ich, es ist nur fair, ihnen den Film zu widmen. Denn es ist ja auch ihre Geschichte.

          Warum war es Ihnen wichtig, die Geschichte Ihrer Eltern in diesem Film zu verarbeiten?

          Als meine Eltern älter und schwächer wurden, hat sich unser Verhältnis verändert. Meine Mutter litt an Demenz und Parkinson, bei meinem Vater begannen die Symptome gerade. Als meine Mutter dann starb, fing ich an, all die Gedanken und Erinnerungen an sie, meinen Vater und meine Kindheit aufzuschreiben. Es ging vor allem um Sachen, über die ich auf der Beerdigung meiner Mutter nachgedacht hatte und die ich nicht vergessen wollte. Ich habe an diesem Tag auch mit vielen Freunden und Verwandten gesprochen und dabei verschiedene Versionen derselben Geschichte gehört. Das wollte ich alles festhalten.

          Haben Sie da schon an einen Film gedacht?

          Je mehr ich aufgeschrieben habe, desto öfter dachte ich: Das könnte eine gute Geschichte werden. So fing alles an. Erst schrieb ich diese Kurzgeschichte. Und ein paar Tage später sah ich darin eine gute Struktur für ein Drehbuch. Auch visuell konnte ich es mit gut vorstellen und hatte schon Bilder im Kopf. Ich wollte meine Gefühle für meine Eltern erforschen und festhalten, was ich von ihnen gelernt habe.

          War das also auch eine befreiende Erfahrung?

          Ja, weil ich auch bestimmte Dinge loslassen konnte, die mich immer noch beschäftigt hatten. Wie zum Beispiel die Trennung meiner Eltern. Sehr positiv war aber auch die Erfahrung, mit diesen Familiengeschichten nicht allein zu sein. Während der Dreharbeiten erzählten mir viele Crewmitglieder von ihren sehr persönlichen Erlebnissen. Viele haben emotional sehr stark auf diese Geschichte reagiert. Sie erinnerte sie an Abschnitte ihres Lebens, Familienmitglieder oder enge Freunde. Das hat mir während der Dreharbeiten Mut gemacht. Denn es war für alle nicht nur ein weiterer Film, sondern eine Herzensangelegenheit, die uns als Team zusammengeschweißt hat.

          Wie alt waren Sie, als Ihre Eltern sich getrennt haben?

          Elf Jahre.

          Wie hat Sie diese Erfahrung auch als Künstler geprägt?

          Das ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Denn ich kenne es ja nicht anders. In jeder Familie gibt es gute und schlechte Phasen. Irgendwann musste ich mich von meinen Eltern emanzipieren, aus ihrem Schatten treten und meine eigene Identität finden. Die Trennung meiner Eltern machte diesen Prozess allerdings nicht einfacher. Auch wenn sich Eltern im Guten trennen, ist das doch ein enormer Einschnitt. Denn plötzlich ist ein Elternteil nicht mehr präsent. Manchmal habe ich für meine Mutter Partei ergriffen, dann wieder für meinen Vater. Es war schwierig. Als Kind und Jugendlicher war die Loyalität zu meinen Eltern deswegen zerbrochen. Und als Erwachsener habe ich versucht, die zerbrochenen Teile wieder zusammenzufügen. Das war wichtig, damit kein Groll zurückbleibt. Wie es mich als Künstler beeinflusst hat? Ich unterscheide nicht zwischen Künstler und Nichtkünstler. Kinder tun das auch nicht, und ich weiß nicht, warum Erwachsene diese Grenze ziehen.

          Jetzt hat er zum ersten Mal Regie geführt: In „Falling“ lebt John (Viggo Mortensen) in einer glücklichen Partnerschaft mit Eric (Terry Chen)
          Jetzt hat er zum ersten Mal Regie geführt: In „Falling“ lebt John (Viggo Mortensen) in einer glücklichen Partnerschaft mit Eric (Terry Chen) : Bild: PROKINO Filmverleih

          Wie definieren Sie Kunst?

          Kunst bedeutet für mich nur, genau zu beobachten, was um dich herum geschieht, und dies zu interpretieren. Das kannst du für dich oder auch andere Menschen auf verschiedene Arten festhalten, um auszudrücken, was du fühlst. Das heißt, auf unterschiedlichen Leveln ist jeder ein Künstler. Und alle Kinder sind natürliche Schauspieler. Wenn ich zum Beispiel meine Verwandten in Dänemark besuchte, brauchte ich nur einen Stock als Schwert und war hundertprozentig davon überzeugt, ein Wikinger zu sein. Wir verlernen das nur, wenn wir erwachsen werden.

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