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Foto: Jens Gyarmaty

Denn sie wissen genau, was sie tun

von JULIA SCHAAF
Foto: Jens Gyarmaty

22. Juni 2021 · Vier junge Rockmusiker aus Rom sind die Band der Stunde. Måneskin verzaubert Europa. Warum? Ein Treffen.

Jede Liebe braucht ihren Gründungsmythos, die ein oder andere Anekdote vom Anfang, die man sich später, in schwierigeren Zeiten, zur Selbstvergewisserung erzählen kann.

Im Fall der Band Måneskin, die nach ganz Italien halb Europa um den Finger gewickelt hat und sich jetzt anschickt, mit Rockmusik den Rest der Welt zu stürmen, gibt es die Geschichte vom Schuhkarton. Rom, ungefähr vor fünf Jahren: Da sind diese vier Jugendlichen, die sich jeden Tag nach der Schule im Probenraum treffen, um miteinander Musik zu machen, und manchmal spielen sie ihre Stücke auf der Via del Corso in der Altstadt vor einem zufälligen Publikum. Eines Tages wollen sie ihre ersten Sachen aufnehmen. Sie finden ein bezahlbares Studio und bringen einen Schuhkarton mit, auf den sie den Namen der Band geschrieben haben, der auf Dänisch Mondschein bedeutet, die Mutter der Bassistin ist Dänin. Im Karton: schätzungsweise sieben Kilo Münzen. Was so anfällt, wenn man Straßenmusik macht. Wer auf Instagram nach Fotos kramt aus dieser Zeit, findet vier Hippies mit Kindergesichtern, drei Jungs in Batikshirts, das Mädel trägt Strohhut.

Durchgestylt wie die Supermodels: auf der Dachterrasse von Sony Deutschland in Berlin.
Durchgestylt wie die Supermodels: auf der Dachterrasse von Sony Deutschland in Berlin. Foto: Jens Gyarmaty

Als es ans Bezahlen geht, so erzählt es Frontmann Damiano David, 22 Jahre, an diesem Mittwoch, sei da dieser Typ gewesen, Angelo, und sofort fällt seine Bandkollegin Victoria De Angelis, 21, ihm korrigierend ins Wort, nein, Andrea, nicht Angelo, und alle müssen lachen, weil ein unflexibler Studiomanager mit dem italienischen Vornamen „Engel“ für eine Erbauungsgeschichte natürlich noch lustiger wäre. David erzählt weiter: „Der Typ war wie perplex: ,Das geht nicht.‘ Wir so: ,Doch, die sind dasselbe wert, auch wenn es sich um 20-Cent-Stücke handelt, es sind 300 Euro.‘“ Thomas Raggi, 20, der Gitarrist, schnappt vor Lachen nach Luft, Drummer Ethan Torchio, 20, lächelt versonnen, David liefert den Schluss: „Und dann haben wir uns verdrückt, bevor er zählen konnte.“

Vier junge Musiker an der Schwelle zum Weltruhm sitzen durchgestylt wie die Supermodels auf einem weißen Interviewsofa in Berlin und prusten durchein­ander wie übermütige Teenager.

Machen einen vertrauten, manchmal sogar ausgelassenen Eindruck: Måneskin im Gespräch.
Machen einen vertrauten, manchmal sogar ausgelassenen Eindruck: Måneskin im Gespräch. Foto: Jens Gyarmaty

Seit die Band aus Rom nach dem Musikfestival von Sanremo von der Begeisterung der europäischen Fernsehzuschauer getragen im Mai auch den Eurovision Song Contest gewann, kann man sagen, Måneskin ist ein Phänomen. „Rock ’n’ Roll will never die“, brüllte Damiano David im Siegestaumel, und dass plötzlich in den sozialen Netzwerken die Unterstellung kursierte, der Sänger habe während der Stimmauszählung vor laufenden Kameras Kokain geschnupft, wird – knallhartes Dementi und einen negativen Drogentest inklusive – das öffentliche Interesse, explodierende Alben-, Ticket- und T-Shirt-Verkäufe sowie die Superlative bei Spotify zusätzlich befeuert haben.


„Wir halten das für ein Scheißvorurteil über Rockmusik, dass Drogen im Spiel sein müssen. Wir haben uns immer maximal reingehängt, mit maximaler Professionalität. Wir geben alles für unsere Musik. Da wollen wir natürlich nicht, dass die Leute denken, wir machen das, weil wir Drogen nähmen.“
VICTORIA DE ANGELIS

Außerhalb von Italien war Måneskin vorher ein Geheimtipp: handgemachte Rockmusik, die weniger neu war als an gute alte Zeiten erinnerte mit ihren Gitarrenriffs und dem krachenden Schlagzeug, die einem gute Laune machte, aber auch zärtlich-verletzlich sein konnte und vor allem mitreißende Energie transportierte. Von der Bühne in Rotterdam dann, live, nach so vielen Monaten Vereinzelung und Verzicht, schwappte diese Energie direkt in die europäischen Wohnzimmer. Man musste den Titel des Gewinnersongs, „Zitti e buoni“, „Leise und brav“, geradezu als Anklage der Jugend in Zeiten der Pandemie missverstehen. Dabei besingt Damiano David eigentlich nur wieder das Lieblingsthema dieser Band: den unbedingten Willen, gegen alle Widerstände man selbst zu sein, auch oder gerade weil man anders ist. Das passt zu der provokativen Sexyness, mit der die Band bei jeder Gelegenheit ihre Unabhängigkeit von jeglichen Geschlechterkonventionen inszeniert. Aber Rockmusik war schon immer das Versprechen auf grenzenlose Freiheit.

Ihre wichtigste Botschaft: Sei du selbst, gegen alle Widerstände. Bloß: Wie geht das in den Mühlen der Musikindustrie?
Ihre wichtigste Botschaft: Sei du selbst, gegen alle Widerstände. Bloß: Wie geht das in den Mühlen der Musikindustrie? Foto: Jens Gyarmaty

Die Begegnung mit Måneskin ist deshalb im ersten Moment verstörend. Mittwoch, Dachgeschoss im neuen Sony-Hauptquartier in Berlin: Die vier Italiener sind gerade zu einer zweiwöchigen Promotion-Tour durch Europa gestartet, nachmittags gibt es ein kurzes Livekonzert in einem queeren Club in Neukölln, das von TikTok gestreamt wird. Etwa eine Million Zuschauer werden einschalten, sogar in Brasilien, bei Sony ist man deshalb ziemlich aufgeregt. Aber zunächst stehen da diese wunderschönen Geschöpfe in einem Tross von Leuten – Management, PR, ein Stylist, ein Fotograf und Menschen, die bei Bedarf Smartphones halten oder Zigaretten reichen – und wirken wie Kunstfiguren aus einem Hollywoodfilm. Transparente Rüschenblusen zu Blazern und Schlaghosen aus Leder, selbst die Plateauschuhe, alles nigelnagelneu, die Gesichter sehen vor lauter Make-up schon in echt nach Hochglanzmagazin aus. De Angelis und Raggi können aus ihren Smokey Eyes gar nicht anders als blasiert und gelangweilt dreinblicken. Auf den Bildern, später, ist das sicherlich cool.

Klar, denkt man plötzlich: Diese Truppe ist schon seit ihrem Erfolg bei einer italienischen Castingshow im Winter 2017 bei Branchenriese Sony unter Vertrag. Natürlich hat die Musikindustrie ihre Finger im Spiel, wenn sich eine Band von Oliviero Toscani halbnackt fotografieren und von Etro einkleiden lässt. Auch eine Villa in Rom mit Pool, um dort, zurückgezogen vom Rest der Welt, neue Songs zu schreiben, mietet man vermutlich nicht einfach so. Und wer sonst war schon kurz vor dem Winterlockdown zwei Monate in London, zur Inspiration? Nach dem TikTok-Konzert in Berlin – De Angelis und David tragen jetzt Netzshirts, die bei jeder Bewegung funkeln, die nackten Brustwarzen beider sind mit schwarzem Tape kreuzweise überklebt – posiert die Band mit ein paar Influencern für Fotos. In der Social-Media-Fachwelt nennt man das „Content produzieren“. Was aber heißt das für eine Band, die das Hohelied der Authentizität anstimmt? Wie echt ist Måneskin? Und ist dieser demonstrativ-lässige Umgang mit Sexualität und Rollenklischees angesichts des popkulturellen Zeitgeists mehr als Marketing und Kalkül?

Live-Konzert für den TikTok-Stream: Mitschnitt aus dem Club SchwuZ in Berlin-Neukölln Video: FAZ.NET

Interview, das Aufnahmegerät läuft keine fünf Minuten, da sagt Victoria De Angelis: „In Wirklichkeit versuchen wir einfach nur, wir selbst zu sein und das zu tun, was uns wirklich Spaß macht.“ Und tatsächlich: Je länger man diesem Quartett dabei zuhört, wie es in römisch-verwaschenem Italienisch von den Anfängen der Band erzählt, von dem Schuhkarton, von eigenen Erfahrungen des Andersseins, vor allem aber von einer gemeinsamen Besessenheit, der ahnt, wie ernst sie das meint. Auch Ethan Torchio, dem sein Vater im Alter von sechs, sieben Jahren sein erstes Schlagzeug kaufte, weil er auf alles eintrommelte, was in seine Reichweite geriet, sagt: „Für mich ist Musik wie essen. Ich kann nicht ohne leben.“ Die Bassistin neben ihm muss lachen über so viel Pathos. Sänger David lobt den sonst eher zurückhaltenden Kumpel für seinen klaren Punkt.

De Angelis und Gitarrist Raggi waren es, die sich aus der Mittelschule kannten und schon mit 13 Jahren versuchten, eine Band zu gründen, die es ernst meinte.

De Angelis: „Es ist einfach schwierig, in diesem Alter andere Leute zu finden, die sich wirklich reinhängen, sich dieser Sache verschreiben und so viel von ihrer Zeit investieren wollen.“

Raggi: „Wir haben feste Regeln aufgestellt, uns Zeiten gegeben, jeden Tag Probenraum.“

David: „Fieber, Bauschmerzen, es gab keine Entschuldigung. Im Zweifelsfall ging es dir im Probenraum schlecht. Hauptsache, du warst im Probenraum.“

Smokey Eyes, Ohrringe und Rüschenblusen für Männer und Frauen: Beim Thema Diversität werden alle vier geradezu missionarisch.
Smokey Eyes, Ohrringe und Rüschenblusen für Männer und Frauen: Beim Thema Diversität werden alle vier geradezu missionarisch. Foto: Jens Gyarmaty

Wie die vier da so durcheinanderquatschen und einander mal ergänzen, mal den Vortritt lassen, mal veralbern, macht einen vertrauten und ausgelassenen Eindruck. Sänger David erzählt, wie er vor einem Metal-Frühprojekt der Bassistin zunächst keine Gnade fand, weil er nicht ausreichend bei der Sache war: „Ich habe damals noch Basketball gespielt. Ich war einer von denen, die Vic auf keinen Fall wollte.“ Schlagzeuger Torchio fand man per Facebook, obwohl es einen Schlagzeuger gab, einen engen Freund, aber der war nicht gut genug. Offensichtlich ging die Musik ihnen schon damals über alles. Bis zum Abitur hat es darüber nur Raggi geschafft.

Und warum Rock, ausgerechnet Rock? Weil’s schön ist, sagen alle vier wie aus einem Mund. David ergänzt: „In Wirklichkeit ist es ein Genre, das dir alles erlaubt, was dir in den Sinn kommt.“

Wenn sie auf der Straße musizierten, wurden sie von ihren Klassenkameraden ausgelacht. Aber nicht nur da. De Angelis zum Beispiel sagt, dass sie nie ein typisches Mädchen habe sein wollen: „Mich haben diese bescheuerten Schubladen immer gestört, die dich einschränken und einengen, weil etwas als männlich oder weiblich gilt. Das habe ich immer abgelehnt. Ich wollte immer das tun, was mir Spaß macht, skaten gehen oder Fußball spielen.“ Torchio erzählt: „Zu mir haben Freunde, die heute keine Freunde mehr sind, schon im Alter von zehn Jahren gesagt, dass diese hier“ – er fasst sich in das seidige schwarze Haar – „falsch sind. Weil ich ein Junge bin, Jungen müssen kurze Haare haben, lange Haare sind etwas für Mädchen. Ich bin dafür viel gehänselt worden.“


„Im Vergleich zu früher sind die Leute in unserem Alter viel offener geworden. Es wird besser.“
THOMAS RAGGI

Frontmann David hingegen, für den geschminkte Augen, klimpernde Ohrringe und Nagellack inzwischen so zum Markenzeichen geworden sind wie der entblößte Oberkörper mit den Tattoos, sagt: „Ich war tatsächlich mehr so der durchschnittliche Junge.“ De Angelis habe ihn überredet, Kajal auszuprobieren, was er als Erweckungserlebnis beschreibt: „Ich fand mich tatsächlich schöner. Ich sah mich mehr als ich selbst. Als wäre das eine unterdrückte Sehnsucht gewesen.“ Als ihm auf einer Kopenhagen-Reise mit den anderen dämmerte, dass es doch wirklich egal sei, was andere Leute von einem dächten, kaufte er sich in einem Secondhandladen seinen ersten Kunstpelz und überließ seinen Kleidungsstil der eigenen Experimentierfreude: „Ich bin mir bewusst geworden, dass ich mein ganzes Leben nur mit halber Geschwindigkeit unterwegs war.“ Beim Thema Diversität werden alle vier geradezu missionarisch.

Als Kind hänselten sie ihn, lange Haare bei einem Jungen - das wäre falsch: Ethan Torchio (links) mit Thomas Raggi.
Als Kind hänselten sie ihn, lange Haare bei einem Jungen - das wäre falsch: Ethan Torchio (links) mit Thomas Raggi. Foto: Jens Gyarmaty

Unterdessen stößt der Erfolg nicht nur neue Türen auf. Daheim in Rom können sie der Paparazzi wegen kaum mehr unerkannt auf die Straße. „Pulli mit Kapuze, große Sonnenbrille“, sagt David, „die Maske ist sehr hilfreich.“ Trotzdem jammert keiner, und Torchio erklärt, warum: „Auch, wenn diese Erfahrung gerade vielleicht Seiten hat, die weniger angenehm sind: Für uns wird ein Traum wahr, wir erleben etwas, das wir immer in unseren Köpfen hatten, und insofern sind wir bereit, uns beinahe jeder Konsequenz zu stellen, die das mit sich bringt.“

Geht die Band schwierigen Zeiten entgegen, wird der Erfolg Måneskin verändern? Wieder reden fast alle gleichzeitig.

David: „Da mache ich mir keine Sorgen.“

Raggi: „Auf keinen Fall.“

De Angelis: „Im Gegenteil. Da das alles passiert ist, weil wir waren, wie wir sind, wollen wir genau so weitermachen und wir selbst bleiben.“

Wenige Stunden später stehen sie in Neukölln auf der Bühne, springen umher wie die Flummis, dreschen auf ihre In­strumente ein, flirten einander an. „Wir sind verrückt, aber anders als die anderen“, singt David aus ihrer Siegeshymne gegen die Angepasstheit und: „Leider reden die Leute, die Leute reden.“ Da verschwenden diese vier nacktfunkelnden Paradiesvögel mit heiligem Ernst eine unfassbare Energie, und man wünscht sich anstelle der TikTok-Kameras ein Publikum, das diese Wucht aufnimmt und weiterträgt. Måneskin, das ist auch der Schrei nach einem Leben nach der Pandemie, nach Freiheit und einer besseren Welt.


„Wir machen das, was wir uns unser ganzes Lebens gewünscht haben.“
ETHAN TORCHIO

„ARTIST & LABEL-SERVICES“: Selbst ist der Musiker
FRAUENBILD IN ITALIEN: Erstarrt in Stereotypen

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 22.06.2021 10:23 Uhr