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Rita Thiele im Porträt : Im Maschinenraum des Theaters

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Es war ein Sprung, wie er kaum höher hätte sein können. Plötzlich war sie an einem der traditionsreichsten Häuser engagiert, hatte mit den besten Schauspielern und Regisseuren und mit namhaften zeitgenössischen Autoren zu tun. Und dazu einen Chef, der als Regisseur zu den erfolgsverwöhntesten zählte und als Intendant zu den streitbarsten. „In der ersten blutigen Anfängerzeit gab mir Peymann – und keineswegs durch die Blume – zu verstehen: ‚Für Kiel reicht es ja vielleicht, für Wien allerdings noch lange nicht!‘ Nach ersten Auseinandersetzungen freilich, in denen ich gelernt hatte einzustecken, mich aber auch durchzusetzen, brachte er mir viel Respekt entgegen und räumte mir alle Freiheiten ein. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn hier gesessen hätte.“

„Moderne Fürsten mit feudalem Gehabe“

Peymann pflegte einen autoritären bis patriarchalen Führungsstil, den Rita Thiele für „vollkommen überholt“ hält. „Intendanten waren früher allgemein einfach so drauf! Das waren moderne Fürsten mit feudalem Gehabe.“ Sie kam damit zurecht und nutzte die Chancen, die sich ihr boten: die Arbeit mit bedeutenden Künstlern und zahlreiche Uraufführungen, etwa von Elfriede Jelinek. Außerdem war sie mit Peymanns festem Dramaturgenteam – Jutta Ferbers und Hermann Beil – an der Entwicklung der Jahresspielpläne beteiligt.

Das ist etwas, was ihr trotz der großen Verantwortung besondere Freude bereitete: künstlerische Pfade anlegen, thematische Konzepte entwerfen, ästhetische Handschriften versammeln und miteinander konfrontieren. Als Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin konnte sie das von 2001 an bei Anna Badora am Düsseldorfer Schauspielhaus und von 2007 an am Schauspiel Köln bei Karin Beier fortsetzen, mit der sie 2013 ans Schauspielhaus Hamburg wechselte. Nach all den Jahren kennt sie den Betrieb durch und durch – und der Betrieb kennt sie und ihre Verdienste. Ob sie nicht mitunter Lust verspürt hat, selbst in die erste Reihe vorzurücken und eine Intendanz zu übernehmen? „Nicht unbedingt“, sagt Rita Thiele, obwohl sie sich 2019 für das Wiener Volkstheater beworben hatte, in der letzten Runde aber absagte, denn die Finanzierung der Bühne erschien ihr letztlich zu unsicher. „Ich habe mich an den Theatern, an denen ich gerade war, so wohl gefühlt, dass ich immer sehr lange geblieben bin. Eine Intendanz hat mir zu meinem Glück nicht gefehlt.“

Dritter Akt

Ob festangestellt oder inzwischen freiberuflich: Die Arbeit von Rita Thiele fängt an, noch ehe der erste Schauspieler die Bühne betreten hat. Als Chefdramaturgin hat sie, gemeinsam mit der Leitungsriege, den Jahresspielplan und die Besetzungen zusammengestellt. Als Produktionsdramaturgin widmet sie sich jeweils einem einzigen Stück, liest viel, recherchiert, erforscht historische Kontexte, legt Querverbindungen offen, sorgt für den philologischen Background einer Inszenierung, konzipiert das Programmheft. Manchmal komprimiert sie einen Roman erst einmal zu einer Spielfassung für das Ensemble.

All das unter Ausschluss der Öffentlichkeit, vorwiegend am Schreibtisch, am Computer, im intellektuellen Maschinenraum des Theaters, wo ein Rad hoffentlich störungsfrei ins andere greift und der Geistesdampf erzeugt wird, der den ganzen Ozeanriesen antreibt. Der andere Teil passiert während der Proben, die sie mit kritischwachem Blick verfolgt und bei denen sie für Fragen und Einschätzungen aller Art zur Verfügung steht.

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