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Ciao Italia : Die neue deutsche Sehnsucht nach Dolce Vita

  • -Aktualisiert am

Der Berliner „Amore Store“ wirbt mit Adriano Celentano. Bild: PR/AmoreStore

Limoncello, Vespa-Fahrten und Ramazzotti-Lieder: In diesem Sommer ist Italien nicht nur auf Instagram allgegenwärtig. Woher kommt der Italo-Hype?

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          Aperitivo, Eros Ramazzotti, Gelato und ein glitzernder Lake Como füllen zur Zeit die Instagramfeeds vieler Deutscher. Nicht nur das vermehrte Aufploppen hipper Espresso- und Aperitivobars und zeitgeistiger Pizzakonzepte in deutschen Großstädten deuten auf einen Hype hin: Auf Merchandise-Artikeln wie T-Shirts und Jutebeuteln wird italienische Kultur gefeiert, als wäre sie ein Rockstar, mit Prints wie „Eat Spaghetti To Forgetti Your Regretti” (“Iss Spaghetti, um Dein Bedauern zu vergessen”) oder „Snacks, Hugs, Aperol”. Woher kommt der (all-)gegenwärtige Italo-Kult?

          „Wir alle sehnen uns nach dem Gefühl von mediterraner Sonne auf unserer Haut und dem Geschmack von würzigen Oliven in unserem Mund. All diese schönen Dingen aus Italien bringen gute Laune in unser Leben“, sagen Teresa Steffens und Kitty Schäfer, die Gründerinnen des neuen Labels „Italo Feelings“ aus Berlin. Handgemachte, farbenfrohe Ringe und Haarspangen gegen die Corona-Tristesse. Limoncello, Serpentinen mit der Vespa und ein großer Schluck Espresso mit Milch und Zucker haben sie zu der Kollektion, die ausschließlich auf Instagram zu finden ist, inspiriert.

          Ein bisschen Leichtigkeit

          Tatsächlich sind die Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit das, was uns pandemiegeschundenen Seelen bleibt, wenn es wieder heißt, die Schotten zum süßen Leben dicht zu machen. Jenes süße Leben trägt den internationalen Oberbegriff „La Dolce Vita”, den der gleichnamige Film des italienischen Regisseurs Federico Fellini aus den Sechzigern geprägt hat. Die Gesellschaftssatire spielt in der dekadenten High Society Roms, exklusive Partys und Rausch stehen existenziellen Fragen des Lebens gegenüber. Diese Bipolarität bringt es auf den Punkt: Eine Pandemie mit all ihren unangenehmen Konsequenzen wie Lockdowns und Leid ist ernst und real. Spätestens bei den Schreckensbildern aus Bergamo im vergangenen Jahr konnten wir das Ausmaß begreifen. Was könnte es da Entfernteres, aber Heilenderes geben als ein bisschen Leichtigkeit?

          Italiensehnsucht aus dem Schwarzwald: Jutebeutel mit Sprüchen von „studio ciao“
          Italiensehnsucht aus dem Schwarzwald: Jutebeutel mit Sprüchen von „studio ciao“ : Bild: PR/Studio ciao

          Eben diese Leichtigkeit wird häufig der italienischen Kultur zugeschrieben, weshalb sie womöglich seit dem vergangenen Jahr eine besondere Attraktivität gewonnen hat. „Für uns steht die italienische Kultur für Gelassenheit, Genuss und den Fokus auf die schönen Dinge im Leben. Als Familie mit italienischen Wurzeln stehen wir voll und ganz hinter dieser Lebenshaltung”, sagt Chiara Tempel, Gründerin des jungen Labels „studio ciao“ aus dem Schwarzwald. Ihre mit italienischen Sprüchen bedruckten Jutebeutel sind auf so viel Zuspruch gestoßen, dass die Familie ihr Sortiment auf Porzellanbecher, Caps, Schals und Postkarten erweitert hat. Es scheint dafür ein Momentum zu geben: „Selten hat man so viel Italiencontent in den sozialen Medien gesehen. Sei es die selbstgemachte Pasta, der erste Venedigurlaub nach der Pandemie, oder das neu ergatterte Shirt mit Pizza-Print. Nicht umsonst gibt es den Begriff 'Italiensehnsucht' – für die Deutschen steht Italien für Meer, exzellentes Essen und amore”, sagt Tempel. Hinzu kommt, dass Reisen in den letzten anderthalb Jahren für die meisten kaum möglich waren und wir uns mehr denn je an andere Orte geträumt haben.

          Serpentinen für den Finger hat das Berliner Label „Italo Feelings“ entworfen.
          Serpentinen für den Finger hat das Berliner Label „Italo Feelings“ entworfen. : Bild: PR/ItaloFeelings

          Amalfiküste statt Infinitypool auf Bali

          Zwar gibt es die, die trotzdem außerhalb Deutschlands reisen, aber Instagram zufolge weniger zu den Infinitypools nach Bali, als vielmehr zu den bunten Häusern an die Amalfiküste. Die Influencerin Caro Daur und ihr Partner, der Comedyautor Tommi Schmitt, sind beispielsweise kürzlich in Italien herumgereist, gefühlt jede Story hatte einen anderen Italo-Oldie hinterlegt, von Gianna Nanninis „Bello è Impossibile“, bis hinzu Dean Martins „Volare“.

          Viele Deutsche erinnern sich dabei an Roadtrips in brütender Sonne mit dem Auto nach Italien, vorn die rauchenden Eltern, durch die heruntergekurbelten Fenster weht der Wind bei der Fahrt über den Brennerpass und aus dem Autoradio krakeelt Eros Ramazotti. Während man jene Hits vor einigen Jahren eher ironisch und aus nostalgischen Gründen auf die Sommerplaylists gepackt hat, kann nun mit ernstgemeinter Zeitgeistmiene „Felicita“ von Alessia Limonta gesungen werden. Denn: Es ist ja jetzt wieder en vogue. Auch Dank kultureller Highlights wie „Call Me By Your Name“, einem hochästhetischen Spielfilm von Luca Guadagnino aus dem Jahr 2017. Er erzählt eine queere Liebesgeschichte, die in Norditalien spielt und noch immer für ausverkaufte Freiluftkinos sorgt.

          Mehr als italienischer Wein: Kerstin Finger in ihrem 2015 eröffneten „Amore Store“ in Berlin.
          Mehr als italienischer Wein: Kerstin Finger in ihrem 2015 eröffneten „Amore Store“ in Berlin. : Bild: PR/AmoreStore

          Es ist kompliziert

          Letztes Jahr ist das Album „Crucchi Gang“ erschienen, auf dem deutschsprachige Musiker wie Bilderbuch, Sophie Hunger und Thees Uhlmann ihre Songs auf Italienisch singen, eine Ode an die Halbinsel, deren Form an einen Stiefel erinnert. Crucco, Mehrzahl crucchi, ist im Italienischen eine abwertende Bezeichnung für Deutsche. Wäre die Beziehung zwischen Italien und Deutschland auf Facebook, hätte sie den Status „es ist kompliziert“. Piero De Vitis, Betreiber des „Sale e Tabacchi“ Restaurants in Berlin, eröffnete in den siebziger Jahren die erste Osteria der Stadt. „Es gibt ein Sprichwort: Deutsche lieben Italiener, aber schätzen sie nicht. Italiener schätzen die Deutschen, aber lieben sie nicht. Das beschreibt es ganz gut“, so De Vitis.

          Italien ist mehr als Pasta und Pizza – das möchte Kerstin Finger in ihrem 2015 eröffneten „Amore Store“ in Berlin aufzeigen. Hier kuratiert sie italienische Produkte, die hierzulande noch nicht so bekannt sind. „Seit ein paar Jahren sind Apulien und Sizilien en vogue, dadurch entdecken meine Kunden ganz neue Produkte wie Tarallini, Burrata und Pistazienpesto, die dann nach den Ferien nachgefragt werden.”

          Neben all der Begeisterung gibt es auch kritische Stimmen, die das Hypen und Aneignen einer Kultur als schwierig betrachten. Mario De Sario, ein junger Rapkünstler aus Apulien, lebt seit vier Jahren in Deutschland und hat kürzlich seine erste deutsch-italienische Single herausgebracht. Er sagt: „Italo-Klischees und Stereotypen gab es schon immer, auf der einen Seite fühlt man sich als Italiener geehrt. Auf der anderen Seite denke ich, wenn ich wieder ein T-shirt mit Dolce Vita-Aufdruck sehe: Dolce Vita ist ein Gefühl, das kann man spüren, aber nicht tragen.” In diesem Sinne: Auf mehr „Dolce“ in unseren Herzen.

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