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Deutsche Klischees auf TikTok : So pointiert hält uns eine Vietnamesin den Spiegel vor

Kurze Clips, schnelle Schnitte und jeweils eine fein beobachtete Botschaft über die Deutschen: ️Screenshots von Uyen Ninhs TikTok-Kanal. Bild: uyenthininh/TikTok

Die Vietnamesin Uyen Ninh macht auf TikTok Videos über uns Deutsche. Mit großem Erfolg. Aber warum ist das so lustig?

          5 Min.

          Da ist sie, die erste Frühlingssonne. Die Goldglöckchen sprießen, die Vögel zwitschern. Mitten in dieser Kleingartenidylle steht Uyen Ninh. Im Hintergrund schwillt Filmmusik an, „König der Löwen“ von Hans Zimmer, Streicher, Holzbläser, dazu eine tiefe Bass-Stimme, die verkündet: „It is time.“

          Annina Metz
          Redakteurin für Social Media.
          Manon Priebe
          Redakteurin für Social Media.

          Die Vietnamesin formt den Weckruf mit ihren Lippen nach. Sie ist jetzt in der Rolle ihres deutschen Mitbewohners. Oh ja, für einen guten Deutschen ist es an der Zeit, die Winterschuhe in den Ikeaschrank im Keller zu räumen. Endlich. Die weißen Sneaker-Söckchen anziehen, und dann rein in die Birkenstocks. Hach, dieses Gefühl von Frühling und Freiheit, Radlerhosen-Zeit. Fehlen nur noch der Kugelgrill und die Grillanzünder. So zelebriert man hierzulande den Frühlingsbeginn. Klingt nach Klischee? Aber Sie fühlen sich doch ein wenig ertappt?

          Mit dieser Mischung spielt Uyen Ninh, wenn sie Videos bei TikTok hochlädt: Man lacht über die so sehr deutschen Deutschen, die Uyen Ninh nachmacht. Andererseits: Birkenstocks sind schon verdammt bequem. Klar verräumt man die gefütterten Stiefel, wenn der Winter rum ist. Ikea ist eben günstig und praktisch. Und was ist schlimm am Grillen?

          Uyen Ninh ist 25 Jahre alt und zele­briert deutsche Klischees. In den Videos, die sie auf ihrem TikTok-Kanal @uyenthininh hochlädt, betrachtet sie die Einheimischen durch den neugierigen Blick einer Forscherin. Es ist eine Außensicht auf „die Deutschen“, und es dauert, bis dem deutschen Zuschauer klar wird: Das bin ja ich. Uyen Ninh hält uns allen den Spiegel vor, mit den Stilmitteln der Video-App TikTok. Dafür braucht sie nicht viel: Der „German roommate“ trägt rote Pudelmütze. Mit grünem Kapuzenpulli und nach hinten gedrehter Cap imitiert sie ihren „German boyfriend“. Der bleibt bei allen Widrigkeiten gelassen – es sei denn, jemand redet schlecht über deutsches „bëër“. Mit einem Schal auf dem Kopf schlüpft sie in die Rolle der deutschen Nachbarin, die prüft, ob der Müll auch ordentlich getrennt wurde.

          Die Vietnamesin kam 2019 in die Region Rhein-Neckar, um nach drei Jahren Fernbeziehung bei ihrem Freund zu leben und ihren Master in einem Wirtschaftsstudiengang zu machen. Ihr „German boyfriend“ ist eine feste Größe in ihren Videos, sein Gesicht sieht man jedoch nie. Das Paar hat sich in Vietnam kennengelernt, wo er als Backpacker unterwegs war.

          „Erklär doch mal das Wort ,doch‘!“: Uyen Ninhs Mimik verzweifelt bildschirmfüllend ob dieser unmöglichen Aufgabe – „next question“ sagt die Stimme im Hintergrund. Allein zu diesem Sound-Schnipsel gibt es 73 500 weitere TikTok-Videos von anderen Nutzern.

          TikTok begeistert mit kurzen, schnellen Clips

          TikTok funktioniert über Pointierung und Zuspitzung. Damit ähnelt die Plattform Instagram, nur ohne Fotos. Und die Clips dort sind kürzer – maximal 15 Sekunden für eine Botschaft. Die meisten Nutzer sind jung, zwischen 13 und 24 Jahre alt. Jenseits der 55 kennen zwei von drei Deutschen die App nicht einmal. Die Videos leben von ihrem hohen Wiedererkennungswert. Es ist die Idee des Memes, weitergedacht. Statt nur Bild und Text kommen hier Bewegtbild und Musik dazu. Knappe Clips, schnelle Schnitte: Das ist kreativ, das ist lustig. Video-Snacks. Das nächste Video lädt automatisch, zack, Herz vergeben, weiter. Kurzer Kommentar, hast du das schon gesehen? Neuer Content. Schon ist eine Stunde vergangen.

          Was man zu sehen kriegt? Viele tanzende Menschen. Doch es sind nicht mehr nur Tanz und Spaß, sondern auch Aufklärung, Lifehacks, Kochanleitungen und News-Formate. Die Washington Post hat den Wert der jungen Plattform bereits erkannt, für die „Tagesschau“ nahm uns Jan Hofer mit ins Homeoffice, wo er die „Tagesschau“-Melodie mit Topfdeckeln improvisiert. Mit solchen Videos hat sich Hofer den Titel #Ehrenjan erarbeitet. Daneben stehen Videos, in denen Expertinnen Tipps geben, wie man sich bei einem rassistischen Angriff verhalten soll. Aber es gibt auch Kritik, vor allem Bedenken bezüglich des Einflusses der chinesischen Regierung auf das Unternehmen. Es steht der Vorwurf im Raum, ByteDance leite Daten an die Behörden weiter.

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