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Der Wandertipp : Europas größter Feuerkopf

  • -Aktualisiert am

Dank Mitteln aus einem dörflichen Entwicklungsfonds konnte der 150 Meter lange Basaltfluss angelegt werden. Bild: Thomas Klein

Aus Deutschlands ältestem Naturpark, dem Vogelsberg, wurde eine „Vulkanregion“. Zu Geotopen, Vulkanwegen oder dem Schottener Vulkaneum setzt der „Lavastrom“ in Hochwaldhausen noch einen drauf. Von Thomas Klein

          4 Min.

          In diesem Jahr begeht der Naturpark Vogelsberg seine Gründung vor 65 Jahren als Landschaftsschutzgebiet. Damit gilt er als ältester Deutschlands, und es war auch kaum absehbar, dass seine bescheidenen Anfänge auf 215 Quadratkilometern (heute 880) zum Muster für alle weiteren Naturparks werden könnten. Zwischen Ostsee und Alpenrand sind es mittlerweile mehr als 100 auf gut einem Viertel der Gesamtfläche Deutschlands; allein 13 liegen in Hessen.

          Man griff auf bereits 1928 angestellte Überlegungen zurück, mit der Anerkennung eines besonderen Status gleichermaßen die Natur zu schützen, die Kulturlandschaft zu bewahren und den Fremdenverkehr zu fördern. An diesem Grundgedanken hat sich wenig geändert, wohl aber an den Prioritäten seiner Wahrnehmung. Das Zauberwort heißt nun Vulkan.

          Bei offener Lagerung entstehende Patina

          Dass der Vogelsberg nach Jahrmillionen vulkanischer Aktivität auf rund 2500 Quadratkilometern den größten Basaltpanzer Europas bildet, war zwar bekannt. Nur wollte das Potential, das die Assoziation eines feuerspeienden Berges weckt, erst öffentlichkeitswirksam aufbereitet sein. Kaum hatten Geologen mit dem Erfassen aller Gesteinsformationen den nötigen Überbau geschaffen, wurden mehr als 80 Geotope ausgewiesen, die man seither über den Vulkan-Radweg, einer früheren Bahnstrecke, und die Buslinie Vulkan-Express erreicht. Zu Fuß geht es über den das Zentralmassiv auf 150 Kilometer umrundenden Vulkanring.

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          Da wollte auch der Naturpark nicht abseits stehen und benannte sich in Vulkanregion um und avancierte ganz aktuell zum Nationalen Geopark – einem von 17 in Deutschland. Aller Basalt wäre freilich grau, gäbe es keine Anschauung. Hierfür bietet das Besucherzentrum auf dem Hoherodskopf die entsprechenden Modelle und Simulationen, während sich das Vulkaneum in Schotten eher der pädagogisch-spielerischen Seite annimmt. Zuletzt setzte die Gemeinde Grebenhain einen drauf und leitete über 150 Meter einen Lavastrom quer durch den kleinen Kurpark im Ortsteil Ilbeshausen-Hochwaldhausen.

          Um genau zu sein, er ist schon etwas länger erkaltet, doch den Basaltbrocken, die sich über drei Meter Breite ergießen, beließ man die bräunliche, bei offener Lagerung entstehende Patina. Das lässt sich großzügig als Schlackestrom deuten, schließlich besteht noch der Verursacher für den Ausbruch. Die oberhalb im Wald mehr als 500 Meter aufragenden Uhuklippen zeugen von jenen Schloten, aus denen sich vor zwanzig bis sieben Millionen Jahren die Lava in sogenannten Massenausbrüchen bis an den Main und nach Oberhessen schob. Explosiv ist Europas größter Feuerkopf nur in der Phantasie.

          Wegbeschreibung

          Die Verhältnisse in Ilbeshausen-Hochwaldhausen sind überschaubar. Den Mittelpunkt bildet ein langgestreckter Parkplatz (mit Bushaltestelle). Dahinter schlängelt der Lavastrom durch den Kurpark. Sollte es zu heiß werden – das Kneippbecken entstand gleichfalls neu.

          Über das Ende der Anlage hinaus läuft man an der Waldstraße leicht aufwärts und biegt rechts gen Sportplatz ab. Hier treten die Markierungen rotes Kreuz und der mit grünrotem Doppel-V versehene Vulkanring Vogelsberg hinzu. Nach Umgehung des Sportgeländes laufen sie für etwa 500 Meter auseinander – das Kreuz am Waldrand, der Vulkanring in den Weiden. Wieder vereint, wird der Haselbach überschritten.

          Geradeaus streben die Zeichen zwischen Baum- und Graspartien aufwärts, queren eine Straße und gelangen in Offenland. Das setzt sich fort, nachdem wir bereits 300 Meter weiter – vor einem großen Haufen Basaltbrocken – links zum blauen X wechselten. Der Höhenweg erlaubt über die von Bäumen, Hecken und Wiesen gemusterte Landschaft hinaus gute Fernsichten bis zu den kegelartigen Kuppen von Knüllgebirge und Rhön. Das in der Senke erkennbare Lanzenhain ist noch besser im Blick, wenn das X nach gut 1500 Metern rechts abknickt, dann aber links in den Wald entschwindet.

          Der reißt immer mal für hochstehendes Gras auf, so gegenüber vom Peststein, wo laut Inschrift 1613 der Stoffel Grosch selig entschlief. Auch anschließend geradeaus, lediglich einmal, etwa 400 Meter dahinter, wird nach links die Richtung gewechselt und damit, ungewohnt für den hohen Vogelsberg, in dichten Nadelforst.

          Der Weg schwingt dann abwärts einer Straße entgegen, wonach sich drüben abermals das Bild ändert, nun beherrschen mächtige Buchen und Douglasien die Szenerie, von einer einer ausgedehnten Waldwiese an übergehend in auenartige Vegetation. Sie künden den Schwarzen Bach an, den man bald am Flößerhaus sichtet. Heute ein Unterstand, diente der massive Basaltbau im 19. Jahrhundert als Zwischenetappe für die aus dem Oberwald über das Gewässer geschickten Buchenstämme.

          An der dortigen Kreuzung wechseln wir links zum bekannten roten Kreuz und folgen mal näher, mal weiter dem heute harmlosen Flüsschen leicht abwärts. Es speist auch den nach 1400 Metern von einer Kreuzung links per kurzem Abstecher erreichbaren Ludwigsteich. Jetzt ein idyllisches Biotop, entstand auch er ursprünglich für die Flößerei. Nur vor Hochwaldhausen gebärdet sich der Bach etwas wilder. Diese Passage wird berührt, möchte man etwas verkürzend die Uhuklippen auslassen und direkt zum Startpunkt zurückkehren. Dann ab der Kreuzung einen Kilometer nach dem Ludwigsteich mit der Markierung weißer Ring unverändert geradeaus.

          Ansonsten heißt es hier links über den Bach, vorbei an einer größeren Hütte und mit dem wieder aufgetretenen Vulkanring bald links gen Teufelstisch (das rote Kreuz verharrt am Hauptweg). Der wuchtige, einer Tischplatte ähnelnde Fels stimmt auf die Uhuklippen ein. Neben der zerklüfteten, teils in Halden aufgelösten Wand geht es gut zehn Minuten bis zu ihrem Ende entlang.

          Dort biegt das doppelte V rechts ein, vereint sich etwas unterhalb am Pflanzgartenhaus wieder mit dem roten Kreuz und führt über ein Pfädchen nahe der Straße, die wir dann queren, nach Hochwaldhausen. Man kommt an der Waldstraße heraus und läuft das Auftaktstück zurück. Abschließend lohnt noch der Abstecher zur etwas abseitigen Teufelsmühle: Das reich gearbeitete Gebäude aus dem späten 17. Jahrhundert gilt als eines der schönsten Fachwerkhäuser im Vogelsberg.

          Sehenswert

          Das Hauptkennzeichen des Vogelsbergs sind gleichermaßen offene wie bewaldete Hochebenen mit zahlreichen, vulkanbedingten Geotopen. Eines der bedeutendsten liegt oberhalb von Hochwaldhausen: Die rund 500 Meter messende Wand erinnert im Namen – Uhuklippen – an das zerklüftete, senkrecht stehende Gestein. Der streckenweise in Blockhalden aufgelöste Basalt geht auf Massenausbrüchen vor etwa 18 Millionen Jahren zurück. Ein 150 Meter langer Lavastrom im Kurpark simuliert den Vorgang. Ungewöhnlich reich gearbeitet ist die Teufelsmühle von 1691. Das Sichtfachwerk zeigt unter thüringschem Einfluss eine komplexe Folge an Rauten, Kreis- und Andreaskreuzmotiven. Die Haustür mit Pilastern und Rosetten entstammt vermutlich dem 19. Jahrhundert. Gleichfalls bemerkenswert fiel die durch einen hohen Haubendachreiter gekrönte Saalkirche von 1766 aus.

          Anfahrt

          Ab Friedberg über die B 275 in Richtung Gedern und weiter bis Grebenhain; dort links gen Ilbeshausen-Hochwaldhausen. – Via Wächtersbach besteht zweistündig eine Bahn-/Busverbindung.

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