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Talk-App Clubhouse : Der schnelle App-stieg

Im Januar war Clubhouse das große Ding auf den Smartphones der Millennials, heute ist davon keine Rede mehr. Bild: Picture-Alliance

Dabei sein war alles: Die Plattform Clubhouse startete im Januar 2021 furios und profitierte auch vom Lockdown. Nun hört kaum noch jemand hin – warum?

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          Als Clubhouse im Mai seine Nutzer via Pushnachricht informierte, dass die App nun auch auf Android-Handys verfügbar sei, entlockte diese Meldung den deutschen Millennials kaum mehr als ein überraschtes: „Ach, die App habe ich immer noch auf dem Handy?“ Kaum vorstellbar, bedenkt man den Hype, den Clubhouse im Januar 2021 hervorrief. Unglaublich schnell wurde die Live-Talk-App zum Medium Nummer eins. Fast jeder, der „irgendwas mit Medien“ machte und das auch allen erzählen wollte, trat dem Club bei. Manch einer zahlte sogar dafür – auf eBay wurden die Einladungen für viel Geld gehandelt. Die Angst, etwas zu verpassen, war groß. Prominente Nutzer, spannende Gesprächsrunden, kleine Skandale wie Bodo Ramelows CandyCrush-Affäre – es war immer was los.

          Annina Metz
          Redakteurin für Social Media.

          Das Konzept Clubhouse traf einen Nerv. Endlich wieder Unterhaltung im tristen Corona-Januar. Auch technisch war die App neu. Live-Diskussionen mit zum Teil prominenten Personen, das gab es noch nicht. Wenige Monate später kann man sich kaum noch daran erinnern. Wie konnte es passieren, dass Clubhouse so schnell ging, wie es kam? Clare Devlin, Journalistin und Gründerin der Social-Media-Beratung „folgerichtig“, glaubt, dass der schnelle Fall von mehreren Faktoren begünstigt wurde. Die App beansprucht viel Zeit, die nach dem Lockdown niemand mehr zu haben scheint. Auch flachten die Diskussionsthemen ab: „Ich hatte den Eindruck, dass sich nach zwei bis drei Wochen die Gespräche im Kreis drehten. Immer wieder die gleichen Argumente und Themen. Das war schnell auserzählt.“

          Zudem konnte die in Deutschland ausgerollte Beta-Version nur auf iPhones installiert werden. „Viele Content Creator, Influencer und Medienhäuser mussten sich recht schnell rechtfertigen, warum sie Inhalte auf einer Plattform verbreiten, die so viele Menschen ausschließt.“

          Keine Moderation, keine Filter, kein Datenschutz

          Ann-Katrin Schmitz, Podcasterin, Unternehmerin und selbständige Beraterin für Influencer- und Social-Media-Marketing sowie E-Branding, nimmt Clubhouse auf der technischen Seite in Schutz. Die künstliche Verknappung sei zu Beginn sicherlich strategisch sinnvoll, technisch aber auch kaum vermeidbar gewesen. „Die Beta-Version von Clubhouse befand sich noch in der Ausarbeitung. Einen Ansturm aller Smartphone-Nutzer hätte die App gar nicht stemmen können.“ Trotzdem zählt auch sie mehrere Faktoren auf, die zum raschen App-stieg von Clubhouse führten. Den Gesprächen fehlte es an guter Moderation. Filter, die unangemessene Inhalte erkennen und sperren, gab es auch nicht. Schmitz vermisst eine übergeordnete Instanz, die dafür sorgt, dass sich alle Nutzer an die Richtlinien halten.

          Diese Kritikpunkte dürften Clubhouse nicht neu sein. Schon früh merkten Kritiker an, dass die Diskussionsräume durch die App nicht kontrolliert würden. Auch der Datenschutz war ein Problem. Wer sich einen Account erstellte, gewährte Zugriff auf alle Kontakte des Adressbuchs. Für viele Nutzer ein Ausschlusskriterium.

          Allerdings war wenig „hate speech“ zu hören. Auch Trolle haben es auf einer Live-Talk-Plattform schwerer als auf Twitter oder Instagram. Der Autor Peter Wittkamp, der auf Clubhouse zeitweise ein eigenes Format moderierte, macht das am gesprochenen Wort fest: „Alles, was geschrieben schlimm klingt, ist im Gesprochenen so gut wie aufgelöst. Wer bei Clubhouse eine Bühne betritt, um Hass zu verbreiten, der macht sich lächerlich.“

          Mehr Wert auf Qualität legen

          Wittkamp glaubt fest an das Konzept Clubhouse, bezeichnet die gegenwärtige Ruhe auf der Plattform als eine „Zwischenphase“. Auch Schmitz attestiert dem Audio-Live-Streaming weiter große Chancen. Allerdings sieht sie einen anderen Anbieter im Vorteil, wenn es darum geht, den Markt zu erobern: Spotify. Der Musik-Streaming-Dienst kenne sich mit den Mechanismen bestens aus. Zwar arbeiten auch Twitter und Facebook an AudioLösungen – Spotify könne Filter und Regularien jedoch am besten implementieren. Zudem könne das schwedische Unternehmen den in den Talks erschaffenen Content besser bündeln. Ein „Publish as a Podcast“-Button könnte die Gespräche auch für Hörer speichern, die nicht live dabei seien, so Schmitz. Creator hätten so die Möglichkeit, eigene Formate zu etablieren und auch zu monetarisieren. Clare Devlin setzt zusätzlich auf einen redaktionellen Ausbau. Die Streaming-Plattformen müssten mehr Wert auf die Qualität der live produzierten Inhalte legen und gut produzierte und konzeptionierte Talks fördern.

          Obwohl alle drei nur noch wenig bis gar keine Zeit mehr auf Clubhouse verbringen, erinnern sie sich ganz gerne an aufregende Abende dort zurück. Als „Kneipenabend light“ beschreibt Wittkamp die stundenlangen Gespräche mit zumeist völlig Fremden. Nirgendwo sonst habe er so schnell netzwerken und neue Menschen ins Herz schließen können.

          Wie Clubhouse zu alldem steht, war leider nicht herauszubekommen. Das Unternehmen reagierte auf Anfragen via Mail, Instagram und Twitter nicht. Im Kundenservice scheint ebenfalls Ruhe eingekehrt zu sein.

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