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Panini-Sammelhefte : Die Stars, die aus der Tüte kamen

Mannsbildchen: Es darf gesammelt werden – auch ohne EM 2020. Bild: Wolfgang Eilmes

Das neue Panini-Album für die verschobene Fußball-EM 2020 ist auf dem Markt. Ein Sammelheft für eine Meisterschaft, die gar nicht stattfindet? Kein Widerspruch für echte Jäger und Sammler.

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          Imre Garaba. Den Namen werden wir nicht mehr vergessen. Ein Ungar, Verteidiger. Nie wieder gehört von ihm seither, aber damals, bei der Fußball-WM 1982, schien er plötzlich überall zu sein, aus jedem zweiten Päckchen Panini-Bildchen blickte er einem entgegen. Imre Garaba, geboren 29.7.1958, Verein Honved Budapest, so stand es im Album. Breite Schultern, grimmiger Blick, einem Bond-Bösewicht nicht unähnlich: Imre Garaba hat sich für immer eingeprägt.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wer je Panini-Bilder sammelte, hat zumindest eine Verschwörungstheorie verinnerlicht: Die Bilder sind nie und nimmer gleichmäßig in den Päckchen verteilt. Es gibt immer die Garabas, die ständig auftauchen, und die anderen, die nie dabei sind. Eine Theorie besagt, dass im jeweiligen Verkaufsland immer besonders wenige Spieler des heimischen Teams drin sind, um den Kaufanreiz zu erhöhen. Eine andere sagt, dass im jeweiligen Verkaufsland immer besonders viele Spieler des heimischen Teams drin sind und die anderer Teams dafür rar sind. Panini sagt, dass beides Quatsch ist. Alle Bilder würden gleich häufig gedruckt und verkauft.

          Das sei auch beim Euro-2020-Preview-Album so, das seit Freitag im Handel ist. 72 Seiten, 568 Bilder. Man könnte nun einwenden, dass es ja gar keine Euro 2020 gibt, weil sie auf 2021 verschoben ist. Andererseits ist diese Zeit eine besondere, es gibt Leute, die im eigenen Haus einen Ironman-Triathlon absolvieren oder auf dem Balkon Konzerte veranstalten – warum also nicht welche, die Bilder für ein Turnier sammeln, das gar nicht stattfindet, vorerst jedenfalls nicht? Wenn Athleten und Musiker sich selbst genug sind, gilt das für Jäger und Sammler schon lange.

          Hauptsache, die Seite ist voll

          1961 gab Panini das erste Fußball-Sammelalbum heraus, 1970 das erste WM-Album, 1980 das erste EM-Heft. Heute werden Alben auf Ebay versteigert, Tauschbörsen verzeichnen Hunderttausende Nutzer. Dabei sind die Informationen, die das Heft bietet, anderswo weit günstiger zu haben. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass man durchschnittlich viele hundert Euro für ein volles Album ausgeben muss. Aber das geht an der Sache natürlich völlig vorbei. Zumal die Studien wohl ohnehin nur ein Vorwand für die Wissenschaftler waren, selbst sammeln zu können.

          Der Kern liegt woanders. Er hat mit Nostalgie zu tun, mit dem Rückgriff auf Verhaltensmuster aus der Kindheit: die Vorfreude beim Kaufen, die Erwartung beim Aufreißen, die Erfüllung beim Durchschauen, die Genugtuung beim Einkleben. Das Glück aus der Tüte mag Flucht sein, Regression, es ist aber auch ein Schritt zurück in eine andere Welt – überschaubar, klar geregelt, mit verlässlichen Erfolgserlebnissen.

          Unser erstes Sammelalbum stammt von der WM 1978 in Argentinien. Das Heft des damaligen Panini-Konkurrenten ist heute arg zerfleddert, die wichtigste Seite aber hat sich gut gehalten: die Elf aus Italien. Die begeisterte uns damals mehr als die Deutschen, wegen der herrlich blauen Trikots und der klingenden Namen: Antognoni, Tardelli, Zaccarelli, Graziani. Es ist die einzige Seite im Album, auf der alle Spieler versammelt sind. Deutschland dagegen – ein Fragment: Kaltz, Bonhof, Flohe, Hölzenbein, Zimmermann, alles Leerstellen. Wo Abramczik sein sollte, klebt Dieter Müller und umgekehrt. Vermutlich galt: Hauptsache, die Seite wird voll.

          Es folgte ein Wintersport-Album zu Olympia 1980, bei dem uns immer noch die rechte Hälfte des Amerikaners Phil Mahre fehlt, der Silber im Slalom gewann. Dann kam die WM 1982 in Spanien. Das Album ist komplett, ehrlich ersammelt, ohne fehlende Spieler schnöde beim Verlag nachzubestellen. Sogar Deutschland ist voll, samt Kaltz, nur Müller und Abramczik waren leider nicht mehr dabei. Imre Garaba und die Ungarn übrigens gewannen bei der WM erst 10:1 gegen El Salvador – schieden dann aber trotzdem nach der Vorrunde aus. Jetzt ist Ungarn unter den 16 Mannschaften, die sich in den Play-offs noch für die Euro 2021 qualifizieren können. Im Preview-Album gibt es daher nur Bilder zu den 20 Teams, die schon sicher dabei sind. Halb so wild: Vor der Euro 2021 kommt ein neues Panini-Album.

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