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Cynthia Nixons Werbevideo : „Benimm Dich wie eine Dame, haben sie gesagt“

Weiß, wie sie Öffentlichkeit für ihre Botschaften nutzt: Cynthia Nixon (hier bei der Berlinale 2016) Bild: dpa

Ein Video der Politikerin und Schauspielerin Cynthia Nixon macht derzeit die Runde in den Sozialen Netzwerken. Ist es Werbung oder Feminismus?

          2 Min.

          Seit einigen Tagen geistert ein Video mit feministischer Botschaft durch Instagram und Twitter. Die Politikerin und ehemalige Sex-and-the-City-Darstellerin Cynthia Nixon blickt darin direkt in die Kamera und beginnt, Imperative aufzuzählen, die Frauen so zu hören bekommen: „Benimm Dich wie eine Dame, haben sie gesagt. Dein Rock ist zu kurz. Dein Shirt ist zu kurz. Zeig nicht so viel Haut. Bedeck Dich. Lass noch etwas für die Fantasie übrig. Spiel nicht die Verführerin.“

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Der Monolog dauert fast drei Minuten und stellt die unerfüllbaren Anforderungen an Frauen gegenüber: „Sei nicht zu dick. Sei nicht zu dünn. Iss auf. Nimm ab. Iss nicht so viel. Bestell Salat. Verzichte auf Kohlenhydrate. Lass das Dessert weg. Mach Diät. Oh Gott, Du bist ja dünn wie ein Skelett.“ Dazu werden Bilder aus Fotoshootings und von Hochglanzmodestrecken gezeigt. Der Rhythmus der Schnitte nimmt zu, Nixons Stimme wird gegen Ende emotionaler. Eine komplette Passage dreht sich um die Gefahr von Vergewaltigungen: „Geh nicht zu spät noch weg. Zieh Dich nicht so an. Betrink Dich nicht. Lächle keinen Fremden an. Geh nachts nicht aus. Geh nicht allein nach hause. Vertrau niemandem. Sag nicht ja. Sag nicht nein.“ Der letzte Satz erklingt, als das Gesicht Harvey Weinsteins zu sehen ist. Das Video wurde am Montag veröffentlicht, als das Urteil gegen den ehemaligen Filmproduzenten wegen Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch bekannt wurde.

          Die Worte, die Nixon hier so überzeugend in die Kamera spricht, stammen von Camille Rainville. Sie hatte sie am 6. Dezember 2017 in einer längeren Version als 22 Jahre alte Studentin der Universität von Vermont veröffentlicht. Ursprünglich schrieb sie den Text als Facebook-Post, in dem sie, während sie eigentlich zum Lernen in der Universtitätsbibliothek saß, ihrer Wut über die unmöglichen gesellschaftlichen Ansprüche an Frauen Luft machte. Nachdem der Post bereits damals in den Sozialen Netzwerken vielfach geteilt wurde, legte sie einen Blog an, um ihre Urheberschaft zu markieren.

          Im Video wird sie als Autorin genannt. Und ihre Worte haben noch heute Wirkung. Mehr als 4,5 Millionen Menschen sahen das Video bislang auf der Plattform „vimeo“. Auch Nixons Tweet wurde mehr als 1000 Mal geteilt. Darin schrieb sie: „Ich bin so stolz darauf, dass dieser starke Film bei so vielen Menschen auf der ganzen Welt Anklang gefunden hat.“

          Nixon nutzt für diese Botschaft, die ihre eigene Position als Politikerin der Demokraten widerspiegelt, eine Methode, die der Fotograf Oliviero Toscani in den späten achtziger Jahren begründete: das Kapern von Werbung. Das Video ist für das jährlich erscheinende Hochglanzmagazin „Girls.Girls.Girls“ entstanden. Alles also nur Marketing-Kalkül? Toscani machte damals mit schockierenden Fotos auf Aids, Mafiamorde oder Rassismus aufmerksam, sein damaliger Auftraggeber, das italienische Strickwarenunternehmen Benetton, profitierte von der Debatte, die die Fotos auslösten.

          Auch „Girls.Girls.Girls“ ist kein feministisches Magazin. Gründerin und Modefotografin Claire Rothstein lässt für das „Be a lady they said“-Video ganz selbstironisch Fotos ihrer eigenen Shootings verwenden, in denen sich dünne Models in teuren Klamotten räkeln. Sie weiß, dass sich Provokation auszahlt. Bereits 2018 veröffentlichte das Magazin auf seinen Social-Media-Kanälen ein Bild der Schauspielerin Rachel McAdams, auf dem sie während einer Pause beim Modeshooting Milch abpumpte. Auch darüber war die Aufregung groß. Nixons Video aber überflügelt die damaligen Klickzahlen bereits nach vier Tagen bei weitem – und über die Botschaft diskutieren schon jetzt mehr Menschen, als sich das Magazin je kaufen würden.

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