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#besondereHelden : Bundesregierung veröffentlicht Corona-Spots, die polarisieren

Durch die Krise chillen: Szene aus einem der Spots der Bundesregierung Bild: Bundesregierung

Unter dem Hashtag #besondereHelden veröffentlicht die Bundesregierung Spots, die junge Leute auffordern, zu Hause zu bleiben. Die Videos ernten Kritik, aber auch viel Zuspruch.

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          Es gibt eine Sache, für die junge Leute gerade zu Helden deklariert werden: das Nichtstun. Zu Hause bleiben – und chillen. Am besten vor der Glotze oder mit einem überdimensionierten Pappeimer voll frittierter Hähnchenteile. So jedenfalls stellt es die Bundesregierung in jüngst veröffentlichten Corona-Spots unter dem Hashtag #besonderehelden dar. Darin zu sehen sind ein älterer Herr und eine ältere Dame, die rückblickend vom Jahr 2020 berichten und der zweiten Corona-Welle, die sie in Chemnitz erlebt hätten.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          „2020, das ist lange her“, sagt die Dame. „Wir waren neugierig auf das Leben. Dann änderte sich plötzlich alles. Das ganze Land schaute voller Hoffnung auf uns junge Leute. Wir fassten uns ein Herz und taten...“ (dramatische Musik) „...nix!“ (Dramatische Musik klingt ab.) Sie hätten nur „geschimmelt“ und rumgehangen. Im Video sieht man, wie das junge Paar 2020 gemeinsam im Bett die Hähnchenteile mampft. In einem Bilderalbum der älteren Menschen klebt eine Atemschutzmaske. „Wir waren besondere Helden!“

          Die Reaktionen in den sozialen Medien ließen nicht lange auf sich warten. Viele Userinnen und User finden die humorvollen Videos witzig, einmalig komisch. Andere wiederum kritisieren den lockeren Umgang mit dem ernsten Thema. Wer keine finanziellen Sorgen hätte, könne vielleicht herumhängen, heißt es. Alle anderen hätten wenig zu lachen. „Ich will mich auch mal langweilen! Wann kommt denn der Teil der Corona-Krise, in dem ich mich mal langweilen darf? Der war irgendwie noch nicht dabei. Ich hatte Kinder zu Hause zu beschulen, meine Klassen zu versorgen, mir Sorgen zu machen, als die Schulen wieder öffneten...“, schreibt eine Twitter-Userin unter das Video. Wieder andere monieren, das Geld, das die Bundesregierung für die hochwertigen Spots ausgegeben hätte, sei an anderer Stelle besser eingesetzt.

          Andere Nutzer berichten davon, dass viele Briten um eine Übersetzung gebeten hätten. Eine Version mit englischen Untertiteln kursiert bereits auf Twitter und bekommt viel Lob von den englischsprachigen Usern.

          Die harsche Kritik an den Spots zeigt derweil: Herumhängen und nichts tun ist gerade nicht für alle eine Option. Manche müssen irgendwie Geld verdienen. Andere müssen aus seelischen Gründen zumindest mal spazieren gehen. Und finanziell sieht es in Deutschland derzeit bestimmt nicht für alle so rosig aus, dass die ganze Nation seelenruhig den Winter auf der Couch verschlafen könnte. Allein, die Spots sind offenbar satirisch überspitzt, sind als ein Versuch erkennbar, die Krise auch mit Humor zu überstehen – ein Versuch, der gar nicht so schlecht gelungen ist. Die Filme sind im Stile einer Doku gehalten, in der die Zeitzeugen von einer Ausnahmesituation erzählen. Auch das Spiel mit den Zeitebenen in solchen Dokus wird persifliert: Die jungen Leute von 2020 sehen im ersten Moment ein bisschen aus wie junge Leute von 1950, mit Retro-Brille und Retro-Filter.

          Die Zielgruppe und die Message, nach der einige ungläubige User fragen, dürfte derweil klar sein: Junge Leute, bleibt zu Hause! Tut nichts! Schaut Netflix, so viel ihr nur könnt, esst Fast Food bis zum Umfallen – Hauptsache, ihr geht nicht raus, feiert keine Partys und stoppt die Verbreitung des Coronavirus! Tatsächlich vergreift sich die Bundesregierung hier fast gar nicht im Ton („schimmeln“ eher so Jugendwort 1998) und spricht junge Menschen recht adäquat an – wenn sie vielleicht auch so ungefähr alle Fridays-For-Future-Anhänger vergisst, die nicht unbedingt dafür bekannt sind, Billigfleisch in Wegwerf-Verpackungen zu konsumieren.

          Auch, wenn das skizzierte Verhalten auf Dauer alles andere als gesund sein dürfte, weder psychisch noch physisch, so ist es doch gerade angeraten (in welchen Ausmaßen und mit welchem Essen auch immer): Stay at home! Und: Ein bisschen Spaß muss sein. Ganz besonders in schweren Zeiten.

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