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Alles im Guss

Von JULIA SCHAAF, Fotos DANIEL PILAR

9. November 2021 · Wie macht man eine Bronze? Jonathan Meese vertraut auf die Bildgießerei Noack – wie vor ihm schon Käthe Kollwitz, Henry Moore, Georg Baselitz. Wir waren bei der Entstehung seines Werks dabei.

Nach zweieinhalb Monaten und ungezählten Stunden Arbeit, als der Sauger, das Monster, die Dimensionsmaschine endlich fertig ist, steht plötzlich wieder alles auf Anfang.

Die Patina-Werkstatt der Bildgießerei Noack ist eine Halle aus haushohen Betonwänden, durch eine Glasfassade fällt Nordlicht. Eben hat Jonathan Meese herzlich den Mann begrüßt, den sie hier gerne Hermann IV. nennen, um ihn von seinem Vater Hermann III., seinem Großvater Hermann II. und seinem Urgroßvater Hermann I. zu unterscheiden. Jetzt steht Meese, die Adidas-Jacke passend zu Rauschebart und Lockenmähne in Schwarz, breitbeinig im Raum. Die Freude über sein Werk strahlt hinter der FFP2-Maske hervor: „Wahnsinn“, sagt Meese. „Ich bin jetzt schon so begeistert.“ Und dann: „Da müssen wir improvisieren.“ Er schaut Hermann Noack an und dessen Team. „Soll ich sie weiß machen?“, fragt Meese. „Was denkt ihr denn?“

Der Blick der Anwesenden schwenkt zu einer Skulptur, die auf einem flachen Sockel frei im Raum aufgebaut ist. Ein Koloss, mehr als zwei Meter hoch, der von vorne ein bisschen an den Kopf eines Ziegenbocks erinnert, ein bisschen, mehr nicht. Das Maul ist kreisrund geöffnet. „DR. SAUGERZ“ hat Meese das Trumm genannt, das in der Bildgießerei Noack entstanden ist. Vom Schimmern der Bronze ist nichts mehr zu sehen, die Figur ist schwarz patiniert, und eigentlich hatte der Künstler vor, sie an diesem Vormittag mit Farbe zu bemalen: ganz in Weiß, jedenfalls von einer Seite. Aber beim Anblick der Skulptur scheint ihm das nicht mehr richtig. Auch Hermann Noack schüttelt bedächtig den Kopf. Da könnte etwas verloren gehen, wirft der Gießerei-Chef ein und dann, ironisch: „Ich glaube, wir warten auf den Künstler.“ Man ahnt das Grinsen hinter seiner Maske: „Was der wohl denkt.“ Meese, offensichtlich souverän im Umgang mit kreativer Unsicherheit, lacht schallend.

Jonathan Meese, Künstler, mit seiner Skulptur „Bogenmaul“
Jonathan Meese, Künstler, mit seiner Skulptur „Bogenmaul“

Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Der Berliner Bär, der entlang der Autobahn von Südwesten her die Gäste der Hauptstadt begrüßt. Skulpturen von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, von Henry Moore, Tony Cragg, Georg Baselitz. Oder eben Jonathan Meese: Kunst im öffentlichen Raum wirkt meist, als wäre sie – wenn schon nicht vom Himmel gefallen – dort hingezaubert oder vom Künstler an Ort und Stelle geschaffen worden. Aus einem Guss, wie man so schön sagt.

In Wirklichkeit ist die Entstehung einer Bronzeskulptur ein langwieriger Prozess in etwa sieben Schritten, je nachdem, wie man zählt. Wenn anschließend dann, wie vergangenes Jahr, im neuen Berliner Humboldtforum der erste Teil einer elf Meter hohen Fahne installiert ist, sagt Hermann Noack IV. schon auch mal: „Darüber bin ich glücklich.“

Man kann Glocken gießen, Straßenlaternen, Leuchten, Teller, Heizkörper. Die Firma Noack gießt Kunst, und das seit fast 125 Jahren. An ihrem heutigen Standort hängt im Bürotrakt ein plakatgroßes Foto des Gründers Hermann I. und seiner Mitarbeiter, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstand: stattliche Männer mit Walrossbärten und weißen Kitteln. Führende Bildhauer ihrer Zeit, August Gaul und Fritz Klimsch, sollen den Gießermeister ausdrücklich gebeten haben, sich selbständig zu machen, auf dass es eine Gießerei nur für Künstler gebe. Das finanzielle Risiko, versicherten sie ihm, werde er nicht bereuen. Sie würden alle ihre Werke bei ihm fertigen lassen. Sie hielten Wort.


„Als Gießerei ist es in Deutschland heutzutage sehr schwierig.“
HERMANN NOACK IV.

Hermann Noack IV., Jahrgang 1966, ist zumindest die ersten Jahre seines Lebens in dem Wohnhaus aufgewachsen, das sein Urgroßvater zusammen mit der Gießerei in Berlin-Friedenau gebaut hatte. Als kleiner Junge spielte er in den Werkstätten mit seinen Freunden Verstecken. Wenn Henry Moore zu Gast war, saß er mit am Tisch. Nach dem Abitur liebäugelte er mit einem Kunst- oder Architekturstudium, bevor er sich im väterlichen Betrieb zum Gießereimechanikermeister ausbilden ließ. Vor gut zehn Jahren dann, inzwischen hatte er die Geschäftsleitung übernommen, veranlasste er einen Neubau auf einem ehemaligen Vattenfall-Gelände im nördlichen Charlottenburg.

Heute gibt es auf 10.000 Quadratmetern neben der Gießerei mit den rund 40 Mitarbeitern eine Galerie, einen Skulpturengarten und ein Restaurant. Ein angrenzendes Grundstück ist noch in der Entwicklung: Gezielt hat Hermann Noack IV. dafür gesorgt, dass die Firma verschiedene Standbeine besitzt: „Als Gießerei ist es in Deutschland heutzutage sehr schwierig.“ Die Bürokratie, die Auflagen, die Billigkonkurrenz aus China. Noack ist ein freundlicher, eher leiser Typ. Bei diesem Thema kann er sich in Rage schimpfen.

Wer verstehen will, wie eine Bronzeskulptur entsteht, geht am besten durch die hohen Hallen der Gießerei. Überall liegen Teile von Skulpturen in unterschiedlichen Phasen der Entstehung: Elmgreen & Dragset, Tal R, Arie van Selm. Dazu feiner Staub und gelbe Warnschilder: „Gefahr durch Kran“. Die Patiniererin aus Polen arbeitet neben dem Bildhauer aus Bulgarien und der Künstlerin aus England. So stellt man sich eine mittelalterliche Bottega vor, wo ein Team aus Spezialisten im Sinn und Stil des Meisters Kunstwerke schuf. Jedes Teil, das diese Hallen verlässt, ist ein Unikat.

SCHRITT 1: DAS MODELL Zwischen Kunst und Handwerk: Bildhauer Michael Kaul baut in seinem Atelier das Modell für die spätere Skulptur.
SCHRITT 1: DAS MODELL Zwischen Kunst und Handwerk: Bildhauer Michael Kaul baut in seinem Atelier das Modell für die spätere Skulptur.

Der Rundgang beginnt im Atelier von Michael Kaul (Schritt 1). Der Sechzigjährige mit der markanten Nase, der die ergrauenden Löckchen zu einem Knoten am Hinterkopf gesteckt hat, hat Malerei und Bildhauerei studiert und lange für Film- und Fernsehproduktionen gearbeitet. Seit zwei Jahrzehnten baut er jetzt für die Firma Noack Modelle. Manche hier nennen ihn den Zauberer. „Eine meiner Begabungen ist, dass ich mich sehr gut in Künstler hineindenken kann“, sagt Kaul, während er sich eine ultradünne Zigarette rollt. „Aber Handwerk ist mir genauso wichtig wie die Kunst. Ich bin ein Werkstatttyp. Hier lebe ich, hier fühle ich mich wohl.“ Fragt man ihn nach den großen Momenten seiner Karriere, brummt er: „Die kommen noch.“

Als Jonathan Meese seinen mehr als zwei Meter hohen „DR. SAUGERZ“ für die Amsterdamer Skulpturbiennale ARTZUID in Auftrag gab, die coronabedingt dieses Jahr bis Mitte Oktober stattfindet, brachte er ein Tonmodell mit. Es war kaum länger als ein Unterarm, und wenn es herumlag, erinnerte es an eine Mischung aus Hobel, Handspiegel und Modelleisenbahntunnel. Kauls Aufgabe war es nun, diese Miniaturvorlage maßstabsgetreu zu vergrößern. Dafür baute er eine Stahlkonstruktion, die er mit Draht ummantelte, mit Ton auffüllte und dann nachmodellierte. 700 Kilo Ton. „Nicht allzu viel“, sagt Kaul.

SCHRITT 2: DIE FORM Der nächste Schritt lässt sich in der Wachswerkstatt beobachten: Das in Stücke zerteilte Tonmodell wird mit einer dünnen Silikonschicht eingestrichen, so dass eine Art biegsame Backform entsteht. Eine Kappe aus Gips, in der die Formen aufbewahrt werden, dient der Stabilisierung.

Dieses gewaltige Tonmodell ist an diesem Vormittag allerdings schon wieder zerstört. Stattdessen lassen sich der nächste und übernächste Arbeitsschritt in der Wachswerkstatt besichtigen: Der Mann, der am besten erklären kann, wie die Form für den Bronzeguss entsteht, hat ein schwarzes Lippenpiercing und tätowierte Handgelenke. Paul Scharff ist 33 Jahre alt und hat schon seine Ausbildung zum Metallgusstechniker bei der Firma Noack gemacht. Er erklärt, wie das in Stücke zerteilte Tonmodell mit einer dünnen Silikonschicht eingestrichen wird, über die dann zur Stabilisierung eine Kappe aus Gips aufgebracht wird (Schritt 2). Die Silikonschicht funktioniert tatsächlich wie eine labberige, maßgeschneiderte Backform. Denn indem sie anschließend von der Innenseite mit Wachs ausgestrichen wird, entsteht der Platzhalter für die spätere Bronze (Schritt 3). Nun gilt es, die Wachsschicht von beiden Seiten mit Gipsschamotte zu ummanteln, einer Gipsmasse mit Ziegelsplit, feuerfest, wasserlöslich, hart wie Beton.

SCHRITT 3: DAS WACHS Die lila Schicht aus Wachs ist der Platzhalter für die spätere Bronze. Außerdem müssen der Gusskanal sowie Luftschächte aus Wachs angelegt werden.
SCHRITT 3: DAS WACHS Die lila Schicht aus Wachs ist der Platzhalter für die spätere Bronze. Außerdem müssen der Gusskanal sowie Luftschächte aus Wachs angelegt werden.

Bevor die Wachsschicht jedoch komplett in diesem Zylinder verschwindet, werden Stangen aus rotem Wachs daran befestigt. Das sieht lustig aus, wie ein naturwissenschaftliches Modell, bei dem sich das Versorgungssystem außerhalb des Organismus befindet. Tatsächlich handelt es sich um den späteren Gusskanal sowie Luftschächte: Wenn der Zylinder nämlich in einem riesigen Ofen zehn Tage lang getrocknet wird, schmilzt die Wachsschicht im Inneren und fließt ab. Der Hohlraum, der so entsteht, hat exakt die Form der späteren Skulptur.

EIN ZWISCHENSCHRITT: DER ZYLINDER Die Wachsschicht wird von beiden Seiten mit Gipsschamotte ummantelt, einer feuerfesten, wasserlöslichen Gipsmasse, die hart wird wie Beton.
EIN ZWISCHENSCHRITT: DER ZYLINDER Die Wachsschicht wird von beiden Seiten mit Gipsschamotte ummantelt, einer feuerfesten, wasserlöslichen Gipsmasse, die hart wird wie Beton.

Der Schlüsselmoment der Produktion zwischen all diesen Wochen aufwendiger Vor- und Nachbereitung dauert nur wenige Minuten: der Guss (Schritt 4). Manfred Handte legt sich alubeschichtete Gamaschen um die Unterschenkel und eine silberne Schürze an. Sein Schnauzer, dessen buschige Enden an das Belegschaftsfoto mit Hermann I. erinnern, verschwindet unter einem Helm mit goldbeschichtetem Visier. 38 Jahre macht Handte das schon, nahezu jeden Tag, um die Mittagszeit, wenn die Bronzebarren in einem Graphittiegel bei mehr als 1000 Grad zerschmolzen sind.

Der Ofen, den Handte jetzt öffnet, ist ein rotglühendes Loch im Boden. Auch der Tiegel, der mit einem Kran herausgezogen wird, glänzt wie Glut. Handte und zwei weitere Kollegen in Schutzmontur befestigen den Tiegel in einer Klemmvorrichtung mit zwei seitlichen Stangen daran. An einem Kranhaken, groß wie ein Menschenkopf, schwebt das glühende Gefäß durch die Halle.

SCHRITT 4: DER GUSS Der Moment, auf den all die Wochen hingearbeitet wurde, dauert nur wenige Minuten.

Dann ist es so weit. In eine Grube im Boden eingelassen wartet ein Zylinder aus Gipsschamotte. Wie in Zeitlupe kippen Handte und seine Männer den Tiegel. Jetzt fließt die Bronze aus dem Tiegel: Lava, Materie gewordenes Leuchten, als hätte jemand die Sonne eingeschmolzen oder die Glut eines Lagerfeuers. Archaische Magie. Noch in vier Metern Entfernung brennt die Hitze auf den Wangen.

Wenn Handte kurz darauf seinen Helm abzieht, stehen ihm Schweißperlen auf der Stirn. Fragt man den Gießer nach dem schönsten Moment des Tages, zuckt er mit den Schultern. „Feierabend“, sagt er dann. „Bier.“

Am Schluss braucht es Ziseleure (Schritt 5), die die gegossenen Bronzeteile zusammensetzen und die Nähte so verschweißen, dass sie im Idealfall nicht einmal zu ahnen sind. Wie ein 3D-Puzzle bekommt das Werk erst jetzt seine eigentliche Gestalt. Anschließend folgt nur noch die Bearbeitung der Oberfläche, die sogenannte Patinierung (Schritt 6).

SCHRITTE 5 & 6: SCHWEISSEN & PATINIEREN In der Ziselierhalle der Bronzegießerei Noack: Hier werden die Bronzeteile zusammengesetzt und verschweißt – möglichst so, dass man die Nähte hinterher nicht mehr sehen kann.

Patina-Werkstatt, Schritt 7: „Man muss es einfach aus sich fließen lassen und darf nicht daran denken, dass es gut aussehen muss“, sagt Jonathan Meese und greift sich einen Eimer weißer Farbe. Er steigt auf einen Trethocker, damit er seinem „DR. SAUGERZ“ gewissermaßen in die Augen sehen kann. Die schwarze Oberfläche ist makellos, vom Modellbauer über die Wachswerkstatt bis hin zum Ziseleur haben alle gute Arbeit geleistet. Meese taucht seinen Pinsel ein und beginnt, weiße Strahlen über die Fratze zu malen. Die Umstehenden halten den Atem an. Wie Geifer tropft die Farbe von dem geöffneten Maul herab. „Das ist schon mal sehr gut“, sagt Meese und kippt den Rest des Eimers dem Ungetüm in den Rachen: „Fertig, das war’s.“ Aber schon hebelt er den Deckel von einem weiteren Farbtopf und gießt 750 Milliliter Rot hinterher. „Es ist doch eine blutige Angelegenheit“, sagt er und, einige weitere Spritzer und Sprenkel später: „Boah, geil.“ So viel Energie ist ansteckend, die Kreativität geradezu greifbar. Die Entstehung von Kunst zum Zugucken.

SCHRITT 7: DAS FINISH Der Künstler ist am Werk, endlich: „Man muss es einfach aus sich fließen lassen“, sagt Jonathan Meese. In der Patina-Werkstatt bemalt er seine Skulptur.
SCHRITT 7: DAS FINISH Der Künstler ist am Werk, endlich: „Man muss es einfach aus sich fließen lassen“, sagt Jonathan Meese. In der Patina-Werkstatt bemalt er seine Skulptur.

Jetzt stehen der Künstler und sein Gießereichef beisammen und betrachten gemeinsam die Figur, die Meese zufolge das Böse ansaugen und in Gutes verwandeln kann, Religion, Politik, Ideologie, aber noch viel mehr. Ein erstes programmatisches Manifest zum Thema hat Meese schon mitgebracht, und das ist erst der Anfang. Er sei selbst beglückt, wie sehr ihn seine eigene Arbeit zum Nachdenken anrege, sagt Meese. Auch Hermann Noack IV. ist voll des Lobs. „Unfassbar. Du hast ganze Arbeit geleistet. Jetzt ist es, wie es sein muss.“

Fragt man Jonathan Meese, warum er seit vielen Jahren mit der Firma Noack zusammenarbeite, spricht er von „Werkstätten der Kunst“ und davon, dass er hier mit Menschen zu tun habe, die zugleich Profis und Kinder seien, so wie er selbst. Er rühmt das natürliche Verhältnis zueinander: „Die nehmen mich so, wie ich bin. Die wissen, wie sie mit mir arbeiten können. Man hat ja eine Geschichte.“

Und die Geschichte geht weiter. Was die Firma Noack angeht, wird es zwar keinen Hermann V. geben. Noack und seine Frau, die Künstlerin Anna Bogouchevskaia, haben vielmehr zwei Töchter, die demnächst mit der Schule fertig werden, und was auch immer sie dann studieren wollen – der diversifizierte Betrieb wartet auf sie. Der Firmenchef klingt zufrieden, wenn er sagt: „Es ist eine Menge da, womit man was Schönes machen kann.“

Zunächst jedoch stehen in der Patina-Werkstatt zwei von der Kunst berauschte Profis, vergnügt wie kleine Kinder. „In 50 Jahren werden wir zusammen hier sitzen und uns freuen, was gemeinsam entstanden ist“, sagt Jonathan Meese. Hermann Noack schaut ihn an. „Bist du sicher, in 50?“ Meese blickt zurück. „In 100", ruft er und bricht in schallendes Gelächter aus.


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 09.11.2021 08:19 Uhr