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Körpernormen auf Social Media : Was genau ist falsch an uns?

„Als ich das erste Mal eine dicke Frau sah, die in Unterwäsche umhertanzt, hat mich das erschüttert“: Melodie Michelberger auf Instagram Bild: instagram/melodie_michelberger

Kritik am eigenen Körper ist älter als die sozialen Medien, aber Filter und Likes erhöhen den Druck. Zugleich nutzt eine Gegenbewegung gerade Instagram und TikTok als Sprachrohr. Bringt das etwas?

          8 Min.

          Melanie Field war schon immer dick. In den Lä­den einer gewöhnlichen Shopping-Mall passte sie in kaum eines der Kleidungsstücke. Keines der Models in den Magazinen, keine Schauspielerin sah aus wie sie. Die Botschaft hat sie früh verstanden: „Ich bin fett, und davor sollte man sich fürchten.“ So erzählt die amerikanische Schauspielerin es in ihrem Lied „Now I Know“. Es ist eines dieser Videos, das in diesem Sommer plötzlich in etlichen Instagram-Storys geteilt wurde, weil sich so viele Frauen darin wiedererkennen: Dünn zu sein ist der Zustand, den es anzustreben gilt. Eine Zeile in dem Lied von Melanie Field lautet: „Ich kann nur glücklich sein, wenn ich abnehme.“

          Annina Metz
          Redakteurin für Social Media.
          Manon Priebe
          Redakteurin für Social Media.

          Die Autorin und Body-Image-Aktivistin Melodie Michelberger kennt dieses Gefühl gut: „Früher habe ich Zahlen wie mein Gewicht, Kleidergrößen und Kalorienangaben als Messinstrumente für meinen Selbstwert verwendet“, sagt sie. „Die Zahlen auf der Waage entschieden über meine Stimmung und mein ganzes Denken.”

          Doch unter dem Diktat einer vermeintlichen Normschönheit leiden nicht nur Menschen – meistens sind es Frauen –, deren Körper nicht den angeblichen Idealmaßen entspricht. Ilka Brühl zum Beispiel wurde mit einer Lippenspalte geboren, bei der Geburt war ihr Gesicht nicht richtig zusammengewachsen. Das ist auch nach etlichen Operationen noch gut zu erkennen. Geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Ablehnung, sich anders fühlen – all das kennt die Autorin und Illustratorin. Die Folge? Sie hat sich jahrelang versteckt.

          Auch Johanna Kerschbaumer hat lange Zeit versucht, zu vermeiden, dass Bilder von ihr entstehen, die sie als „unperfekt“ und gesellschaftlich „falsch“ zeigen. Was „falsch“ an ihr ist? Kerschbaumers Fuß wurde nach einem Unfall amputiert. Auch superschlank sei sie nie gewesen, sagt die ehemalige „Bachelor“-Kandidatin. Es schien ihr unmöglich, ein Foto von sich bei Instagram zu posten: „Ich wollte mich nicht als anders outen und dem Spott aussetzen.“

          Dabei ist auch die Instagram-Welt natürlich nur scheinbar perfekt. „Man darf sich da nicht in die Irre führen lassen“, sagt die Fernsehmoderatorin Evelyn Weigert. „Was man mit Filtern und gutem Licht machen kann, ist unfassbar. Wenn ich mich anders hinstelle oder eine andere Belichtung habe, dann sehe ich komplett anders aus.“ Sie selbst kämpft nicht erst seit der Geburt ihrer Tochter immer mal wieder mit dem eigenen Körper. Als Jugendliche ha­be sie sich Taschentücher in den nicht ausgefüllten BH gestopft, erzählt sie. Heute, zum zweiten Mal schwanger, arrangiert sie sich immer wieder neu mit sich.

          Die sozialen Medien haben das Streben nach dem perfekten Aussehen nicht geschaffen. Schönheitsideale kannte schon die Antike, in der Moderne beeinflussen Werbung, Filme und Medien un­sere Selbstwahrnehmung und unser Körpergefühl seit vielen Jahrzehnten. Social Media jedoch erhöht den Druck und macht ihn alltäglicher. Früher waren es unerreichbare Models auf überlebensgroßen Plakaten, mit denen sich Heranwachsende verglichen. Heute sind es gleichaltrige Influencerinnen, die in ihren Storys Werbung und Körpernormen präsentieren, vermeintlich nah und authentisch als Alltag getarnt. „Likes und Kommentare laden geradezu zum Vergleichen ein und bestimmen über Popularität und Beliebtheit“, sagt Aktivistin Michelberger.

          „Filter sind wie die Spanx-Hose fürs Gesicht“

          Doch die Waffengleichheit fehlt: Das eigene Spiegelbild ist echt, der Post auf Instagram und Snapchat trickst mit Filtern und Photoshop. Dabei hält etwa Moderatorin Weigert Filter nicht per se für problematisch: „Man muss sie mit einem gesunden Menschenverstand sehen. Das ist nicht real, das ist wie eine Spanx-Hose fürs Gesicht. Ich wünsche mir da viel mehr Aufklärung für junge Frauen, vielleicht auch durch ältere Menschen aus dem persönlichen Um­feld, die immer wieder sagen: So wie du bist, bist du gut!“

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