https://www.faz.net/-hrx-aanq9

Service für unliebsame Anrufe : „Die Angst vor Telefonaten ist real“

Da hilft auch eine schöne Handyhülle nichts: Manche haben einfach Angst, fremde Menschen anzurufen. Bild: Wolfgang Eilmes

Sie vereinbart Arzttermine, ruft beim Kundenservice an, oder fragt, warum jemand Schluss gemacht hat: Die 25 Jahre alte McKenzee betreibt auf Tiktok einen Anrufservice für alle, die sich nicht selbst an den Hörer trauen.

          2 Min.

          Man muss keine Tänze aufführen, um auf Tiktok erfolgreich zu sein. Die 25 Jahre alte McKenzee, die an der amerikanischen Westküste zu Hause ist, begeistert derzeit mehr als 30.000 Nutzer mit einer einfachen Tätigkeit: Sie filmt sich beim Telefonieren. Allerdings nicht bei Gesprächen mit ihren Freunden. Stattdessen kann man McKenzee etwa zuhören, wie sie einen Mann anruft und fragt, warum er einer Frau nach ein paar Dates nicht mehr zurückschreibt – seine Antwort: Er habe eben bei der Arbeit viel zu tun.

          Julia Anton
          (jant.), Gesellschaft

          Anfang April hat McKenzee mit einem Aufruf auf Tiktok begonnen: Für fünf Dollar pro Anruf „vereinbare ich einen Zahnarzttermin für dich, ich mache mit deinem Freund Schluss, ich melde dich auf der Arbeit krank oder sage deiner Mutter, dass du nicht zu Thanksgiving kommst“. Das Video ging viral – und schon in den ersten zwei Wochen gingen via Mail rund 75 Aufträge bei McKenzee ein, auf Tiktok gewann sie Tausende Follower hinzu. Wer McKenzee beim Telefonieren zuhört oder selbst mit ihr spricht, dem wird schnell klar, warum die Amerikanerin mit ihrer Idee Erfolg hat: Ihre Stimme klingt einnehmend und freundlich, und sie gibt einem schnell das Gefühl, mit ihr befreundet zu sein.

          Am Telefon: die 25 Jahre alte Amerikanerin McKenzee
          Am Telefon: die 25 Jahre alte Amerikanerin McKenzee : Bild: Tiktik / 1800igotuboo

          McKenzees Tipp: Lächeln

          Die Gründe, warum andere sich an sie wenden, seien unterschiedlich, berichtet McKenzee. Manche bitten sie, eine schlechte Botschaft für sie zu überbringen. Zu ihren ersten Aufträgen zählte etwa, einem Mann davon zu berichten, dass seine Freunde seine Frau der Untreue verdächtigen. Sie hat aber auch schon Massagetermine verlegt oder Fitnessstudio-Verträge gekündigt. „Ein Problem sind natürlich die Zeiten, zu denen Telefon-Hotlines besetzt sind, da müssen viele Leute arbeiten“, sagt McKenzee. Für viele sei es aber auch einfach eine Herausforderung, mit Fremden am Telefon zu sprechen – diese Erfahrung habe sie in ihrem Freundeskreis gemacht. „Die Angst vor Telefonaten ist real.“

          Sie selbst geht pragmatisch an die Gespräche heran. „Mich persönlich betrifft das ja nicht“, sagt sie. Zu Beginn des Gesprächs macht sie immer transparent, wer sie ist und wer sie beauftragt hat. Bei Kunden-Hotlines sei es etwa wichtig, den Gesprächspartner nicht als Feind zu behandeln. „Die machen ja auch nur ihren Job.“ Außerdem lächle sie immer beim Telefonieren. „Dann klingt man direkt viel freundlicher.“ Nur einmal habe sie keine Auskunft bekommen – und es dann noch mal erfolgreich bei einem anderen Mitarbeiter probiert.

          Schwieriger seien Telefonate mit persönlichen Botschaften. „Ich möchte sie so übermitteln, wie es ein naher Angehöriger tun würde“, sagt sie. Immer wieder wird sie auch mit dem Überbringen von Komplimenten und Glückwünschen beauftragt, die sie mit viel Empathie überbringt.

          Vom viralen Hit zum Traumjob?

          Es gibt aber auch Aufträge, die McKenzee ablehnt: In einem Fall sollte sie etwa jemanden am Telefon beleidigen, der den Auftraggeber zu Schulzeiten gemobbt hatte. Ein andere Kundin wünschte sich einen Anruf bei ihrem ehemaligen Freund: McKenzee sollte behaupten, die Kundin sei verstorben, und ihr dann von der Reaktion des Verflossenen berichten. „Ich würde nie jemandem vorsätzlich weh tun“, sagt McKenzee. Für gutgemeinte Aprilscherze sei sie aber zu haben.

          Aus der spontanen Idee hofft sie bald ihren Hauptberuf machen zu können. Noch hat sie zwei andere Jobs, unter anderem als Nachhilfelehrerin. „Die Anrufe machen mir viel Spaß. Mich macht das glücklich zu wissen: Ich konnte hier gerade wirklich einer Person helfen“, sagt sie. Das Verdienstmodell müsse sie allerdings noch überdenken – denn während manche Telefonate in wenigen Minuten erledigt seien, hänge sie in anderen Fällen auch mal 45 Minuten am Hörer. Für ihren Service hat sie schon einen zusätzlichen günstigen Handyvertrag abgeschlossen – um ihre Privatsphäre zu schützen, aber auch, damit sie sich während ihrer Anrufe für Tiktok filmen kann. Wenn Auftraggeber und Gesprächspartner einverstanden sind, veröffentlicht sie die Mitschnitte dann auf der Plattform – wobei die spannendsten Gesprächspartner das meistens nicht möchten, wie sie etwas betrübt feststellt. Doch auch dafür hat sie eine pragmatische Lösung gefunden: Sie spielt die Anrufe dann mit veränderten persönlichen Details nach.

          Weitere Themen

          Zwei junge Gründer über Geld, Ruhm und ihre Start-ups Video-Seite öffnen

          Quarterly Talk : Zwei junge Gründer über Geld, Ruhm und ihre Start-ups

          Geld, Ruhm oder Sinn – warum gründet man wirklich ein Start-up? Darüber reden wir mit zwei Deutschen, die es wissen müssen: Markus Witte, Co-Gründer von Babbel, der erfolgreichsten Sprachlern-App der Welt, und Verena Hubertz, Co-Gründerin der international beliebten Kochplattform Kitchen Stories.

          Topmeldungen

          Geht es bergauf für die SPD? Olaf Scholz bei einer Veranstaltung des DGB zum Tag der Arbeit in Cottbus

          Parteitag vor Bundestagswahl : Was der SPD noch Hoffnung macht

          Seit Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wurde, bleibt die Zustimmung für die Sozialdemokraten mau. Mit dem virtuellen Parteitag am Sonntag soll sich das ändern.

          Bayerns 6:0-Meistergala : „Campeones, Campeones!“

          Die Münchner werden schon vor dem eigenen Spiel Meister. Beim 6:0-Sieg über Gladbach glänzt der FC Bayern. Und Robert Lewandowski fehlt nur noch ein Tor bis zum legendären Rekord von Gerd Müller.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.