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Adele und ihr Gewicht : Frauenkörper, ein Politikum

Dieser Post von Adele regte hitzige Diskussionen um ihre Körpermaße an. Bild: Screenshot F.A.Z./ Instagram @adele

Adele hat abgenommen – und wird dafür sowohl überschwänglich gefeiert als auch heftig kritisiert. Warum nur fühlen sich Menschen noch immer ungefragt bemüßigt, Frauenkörper zu kritisieren?

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          Die Sängerin Adele hat es mal wieder in die Schlagzeilen geschafft, nicht mit Musik, sondern mit einem einzigen Bild, das sie auf Instagram gepostet hat. Ein Beben geht seither durch die Presse, die sozialen Medien und vor allem die Kommentare unter ihren Posts. „Ist sie es wirklich?”, fragt „TZ”, „kaum wiederzuerkennen”, schreiben gleich mehrere Medien wie „T-Online”, „Rheinische Post” oder „Stern.de“, „Express.de“ meint gar, dass ihre eigenen Fans die Sängerin nicht wiedererkennen würden. Ja, Mensch, was hat die Gute denn gemacht? Haare ab? Jacke zu? Nase noch dran? Nope, Adele ist – Horrorschock! – jetzt schlank. Und erhitzt damit die Gemüter, in alle nur erdenklichen Richtungen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Zum einen passiert nämlich das, was vielen Menschen widerfährt, die eine größere Menge an Gewicht verlieren: Sie werden bejubelt! Gefeiert! Am liebsten würde man sie hochleben lassen – geht ja jetzt, wo sie leichter sind, höhö. Es gibt jedenfalls immer sehr viele Menschen, die zu einem Gewichtsverlust gratulieren, und das ist in den meisten Fällen auch bestimmt sehr nett gemeint. Bei Adele etwa ist bekannt, dass sie gemeinsam mit einem Personaltrainer und einer bestimmten Diätform hart daran gearbeitet hat, die 45 Kilogramm loszuwerden. Was der Grund für ihren Abnehmwillen ist, weiß man wiederum nicht. Vielleicht wollte sie einfach nur dünner sein. Vielleicht ist sie auch krank und musste aus gesundheitlichen Gründen abnehmen. Vielleicht geht es ihr mental nicht gut, und der Sport sollte helfen. Jedenfalls ist es eigentlich immer problematisch, Menschen ungefragt dazu zu gratulieren, dass sie abgenommen haben. Vielleicht wollten sie gar nicht. Vielleicht haben sie großen Kummer. Vielleicht sind sie krank. Will man wirklich jemandem zu einer Krankheit gratulieren? Glückwunsch, zwar nicht kerngesund, aber dafür endlich dünn!

          Was sagt es außerdem aus über uns, dass wir noch immer meinen, dass dünner gleich besser ist? Dass es, egal, wie der Gewichtsverlust zustande kam, auf jeden Fall gut ist, endlich schlank zu sein? Keine Frage, es ist wunderbar, wenn Menschen sich Ziele setzen und hart daran arbeiten, diese auch zu erreichen. Doch im Fall des Gewichtsverlusts weiß man das eben nicht immer. Es schwingt außerdem noch immer eine Fettphobie mit, dass nämlich größere Körper irgendwie schwer auszuhalten sind, dass dicke Körper als extrem ungesund und ihre Besitzer als faul gelten. Dabei steht den Menschen ihre Krankheitsakte ja nun wirklich nicht auf den Körper geschrieben, ob dick oder dünn.

          Zum anderen aber passiert auch genau das Gegenteil, und zwar gerade Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und nicht den oft üblichen Schlankheitsstandards entsprechen: Sie werden für ihren Gewichtsverlust angegriffen. Wie können sie es nur wagen abzunehmen, heißt es dann oft, wo sie doch vorher Identifikationsfigur für andere Menschen, die vielleicht auch nicht ganz schlank sind, waren. „Ich weiß wirklich nicht, was ich meinen kleinen Töchtern nun sagen soll“, schreibt etwa eine Userin unter Adeles letzten Post. Andere finden, sie sehe „ungesund“ aus, „krank“, „alt“, „nicht wiederzuerkennen“. „Wo ist meine Adele?“, fragt ein User. Es ist also offenbar egal, ob Adele dick oder dünn ist, ob sie geschminkt oder ungeschminkt ist (sie trägt auf dem Bild kein Make-up und wird auch dafür sowohl überschwänglich gelobt als auch beißend kritisiert), ob sie einfach existiert – sie wird kritisiert, für alles, was sie tut. Und das ist kein Zufall.

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