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System-Check : Wie eine App einen Raucher langsam aber sicher entwöhnt

  • -Aktualisiert am

Bild: Hans-Jörg Brehm

Es gibt für alles eine App, für das Wetter genauso wie für das Busticket. Manche versprechen sogar, uns gesund zu machen. Unsere Kolumnistin berichtet aus ihrem Alltag mit diesen Apps. Dieses Mal: mit dem Rauchen aufhören.

          2 Min.

          Ich habe in meinem Leben exakt eine Zigarette geraucht. Das verdanke ich meinem Vater; er hat mich für den Verzicht aufs Nikotin bezahlt. Buchstäblich. 1000 D-Mark, sagte er, würde ich bekommen, wenn ich bis zum 21. Geburtstag nicht rauchen würde. Eine zugegebenermaßen eher materialistische Erziehungsmethode, aber immerhin der Grund dafür, dass ich Zigaretten lange aus dem Weg gegangen bin.

          1000 Mark! Damals war ich etwa acht Jahre alt, fand das ziemlich viel Geld und den Zigarettenrauch meiner Mutter ohnehin eklig. Rauchen musste das Furchtbarste sein, was man seinem Körper antun konnte. Das hatte ich damals auch schon gelernt. Um den Deal noch eindrucksvoller zu gestalten, erzählte mein Vater etwas von Tradition, schon sein Vater habe den Kindern das Angebot gemacht, seine Geschwister bekamen das Geld auch, er nicht. Nur eine Zigarette hat er in seinem Leben geraucht – und wurde dabei erwischt. Pech.

          Über die Jahre hielt sich in meinem Kopf der Gedanke, dass ich mit 21 Jahren 1000 Mark bestimmt gut gebrauchen könnte - und schon ein Zigarettenzug das Aus für den Geldsegen wäre.

          Bastian ist seit fast einem Jahr rauchfrei

          Als lebenslanger Nichtraucher eine Raucher-App selbst zu testen wäre mindestens albern, daher hilft in dieser Kolumne ein Fremdtester. Bastian, 37, hat es endlich geschafft. Seit 330 Tagen ist er rauchfrei, die längste Zeitspanne, seit er mit dem Rauchen anfing. Die App war Versuch Nummer zehn. Davor gab es kalten Entzug (selten so einen gereizten Menschen gesehen), dann Nikotinpflaster (in der dritten Woche rauchte er trotz Pflaster und wurde prompt ohnmächtig), dazwischen Nikotinkaugummis, Akupunktur, wieder kalter Entzug. Vier Monate, maximal. Dann fing er wieder an. Nun aber, 330 Tage, dank einer App?

          Der Clou: „Die App belohnt. Mit Fakten, Zahlen, Vorrechnerei.“ Bastian hat mehrere Apps getestet, unter anderem eine für satte 29,99 Euro. „Darin hat einer fünf Stunden lang erzählt, wie schlimm Rauchen ist. Weiß ich auch, hat nicht geholfen“, sagt er. Sein Testsieger: „Rauchfrei Pro“. Und das gleich aus mehreren Gründen. In der App gibt man zunächst einmal die eigenen harten Fakten ein. Auf die Zigarette genau, wie viele man pro Tag geraucht hat, was eine Packung kostet, wie viele Schadstoffe eine Zigarette enthält, um welche Uhrzeit an welchem Tag man aufgehört hat.

          Ein Kampf gegen sich selbst

          Diese Zahlen füttern die Algorithmen der App. Nun rechnet sie. Und sie rechnet viel. Erst geht’s ums Geld, da ist die App nicht so weit von meinem Vater entfernt. Bei eineinhalb Schachteln am Tag kommt da schnell was zusammen. „Irgendwann beginnt man ein battle gegen sich selbst: Noch zehn Euro und ich kann mir den nächsten Meilenstein leisten“, sagt Bastian. „Meilensteine“, das sind Belohnungen, die die App vorschlägt. Was Bastian sich alles leisten könnte statt der Zigaretten. Ein Gramm reines Gold, einen Kinobesuch, einen Ferrari für eine Stunde zum Selberfahren. Bastian ging ins Kino, der Film war schlecht, alles kann die App nun auch nicht.

          Aber sie punktete mit weiteren Fakten, wenn Bastian gerade wieder ganz dringend eine Zigarette wollte. Dann öffnete er die App und las, wie viele Raucherbeine schon amputiert worden sind, seit er aufgehört hat. Wie viele Jugendliche seither angefangen haben zu rauchen, wie viel Teer seine Lunge schon abtransportiert hat.

          Eine fast überfordernde Menge an Infos

          Die Berliner Entwickler haben monatelang Fakten zusammengetragen, von der Weltgesundheitsorganisation, aus Uni-Studien. Über die Algorithmen personalisiert die App diese Zahlen. Ein Countdown zählt in Sekunden, Stunden, Tagen, Monaten die Zeit seit dem Aufhören, ein anderer die nicht gerauchten Zigaretten, Packungen, das Geld. Balken zeigen, wie weit sich die Lunge schon regeneriert hat, wie weit das Herzinfarktrisiko gesunken ist.

          Eine fast überfordernde Menge an Infos, Belohnung und Abschreckung, die aber anscheinend wirkt. Im Store hat die App im Schnitt fünf Sterne. 2600 Euro hat Bastian in seinen 330 Tagen gespart. Weit mehr als meine 1000 Mark – dafür sind die nicht nur hypothetisch. Das Geld habe ich nämlich tatsächlich bekommen. Korrekt umgerechnet auf dann 511 Euro und 29 Cent, an meinem 21. Geburtstag. Mit dem Geld in der Hand habe ich die Zigarette geraucht. Nur, um mal zu wissen, wie es ist. Sie war eklig.

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