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System-Check : Von Trackern, Applaus und sozialem Druck

  • -Aktualisiert am

Die digitale Überwachung am Handgelenk: Fitnessbänder gibt es jetzt auch von „Runtastic“ Bild: Hersteller

Es gibt für alles eine App, für das Wetter genauso wie für das Busticket. Manche versprechen sogar, uns gesund zu machen. Unsere Kolumnistin berichtet aus ihrem Alltag mit diesen Apps. Dieses Mal: die digitale Überwachung am Handgelenk.

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          Es scheint, als sei die ganze Welt am Laufen. Zumindest alle meine Freunde sind es. Ihre Erfolge spülen sich in meine Timelines von Facebook und Twitter. „Marie hat einen Runtastic Lauf über 8,77 Kilometer in 50 Minuten und 19 Sekunden absolviert“, kann ich da lesen. Prima, vielen Dank für diese Information! Ich hingegen laufe nicht. Meine Puste reicht etwa 500 Meter weit, Räder sind eher meins als meine Füße. Aber auch hier lässt mich die Welt mit ihrer Fitness nicht in Ruhe. „Anton hat eine Runtastic Radtour über 77,18 Kilometer in 3 Stunden und 10 Minuten absolviert.“ Ah ja!

          Früher war Runtastic eine App von einem kleinen Start-up aus Österreich. Heute ist Runtastic ein Fitness-App-Imperium aus Österreich. Fünfzehn Apps, eine fürs Joggen, eine für den Sixpack, für Klimmzüge, für die Ernährung, für Liegestütze, für Sit-ups, 100.000 Downloads weltweit, pro Tag. Und nun gibt’s auch noch ein Fitness-Armband, das den ganzen Tag überwacht, wie viel ich mich bewege.

          Warum boomt die digitale Fitnessbranche dermaßen? Und wo führt das noch hin? Es ist an der Zeit, darauf mal Antworten zu suchen - und Florian Gschwandtner könnte sie haben. Er hat Runtastic vor vier Jahren und fünfzehn Apps gegründet.

          Bild: Hans-Jörg Brehm

          Herr Gschwandtner, wie viele Liegestütze schaffen Sie eigentlich?

          Aktuell 75. Ich war auch mal bei 92, aber dann kam wieder eine Reise dazwischen, und ich konnte nicht weiter trainieren.

          Scheint, als würde die ganze Welt genauso fit sein wollen. Und sie lädt dafür wie wild Apps herunter. Warum?

          Weil ich jetzt Sachen mit meinem Smartphone messen kann, die vorher nicht möglich waren. Ich brauche keinen Personal Trainer, kein Fitnesscenter, muss mich nirgendwo anmelden. Sondern ich kann einfach zu Hause mal starten und gleich sehen: Cool, da gibt es Information, Daten zu Geschwindigkeit, Höhenmetern, Distanz.

          Was fesselt uns so daran?

          Der Mensch vergleicht sich gern. Zum einen mit sich selbst - habe ich mich schon verbessert? Aber auch mit anderen. Mich interessiert schon, wie viel jemand, der genauso alt ist wie ich und genauso aktiv, schläft oder sich bewegt. Um zu sehen, bewege ich mich mehr als die anderen oder nicht?

          Na, wie viel die anderen sich bewegen, kann ich ja ständig bei Twitter und Facebook lesen.

          Die soziale Komponente wird immer wichtiger. Wir bekommen immer mehr Kundenfeedback zu unserer Funktion, das Training live zu tracken und sich anfeuern zu lassen. Die einen finden es lustig, dass sie Applaus bekommen haben, die anderen sagen, ich gehe live, weil ich dann mehr sozialen Druck bekomme. Dann gebe ich mir Mühe und laufe schneller.

          Über die Apps sammeln Sie wahnsinnig viele Daten. Wie werten Sie die aus?

          Zurzeit nur sehr begrenzt. Wir glauben, dass wir in Zukunft hoffentlich Sachen machen können, die noch andere Mehrwerte für den Endkunden bedeuten, Vorhersagen zum Beispiel. „Liebe Person XY, wir haben gesehen, dass sich deine Geschwindigkeit in den letzten zwei Monaten zurückentwickelt hat. Wir sehen auch, dass du weniger schläfst. Schlaf vielleicht mal eine Stunde länger, dann scheinst du fitter zu sein.“

          Das interessiert Krankenkassen sicher auch.

          Definitiv ja, es gibt vielleicht auch die eine oder andere Anfrage. Aber diese Institutionen wissen noch gar nicht, was sie mit den Daten anfangen sollen. Würden wir da jemals kooperieren, müsste der Kunde in jedem Fall explizit zustimmen.

          Die Apps spucken mir ja nur Zahlen aus, angeleitet wie im Fitnessstudio werde ich nicht. Kann mir das Training per App schaden?

          Ja, das kann immer passieren, sollte aber natürlich nicht. Aber beim Laufen erklärt einem ja am Anfang auch keiner, wie man läuft. Wir haben zum Beispiel bei der Sixpack-App lang überlegt, ob und wie wir Instruktionen einbauen. Auf dem kleinen Smartphone-Display ist das aber sehr schwierig. Die Trainingspläne wurden aber gemeinsam mit Sportmedizinern entwickelt, getestet und angepasst, wenn’s zu schwierig war. Ansonsten ist es uns schon sehr wichtig, dass sich jemand mit der Materie auch auseinandersetzt.

          Sie entwickeln ständig Neues, aktuell ein Fitness-Armband. Ist nicht irgendwann eine Grenze erreicht, was digitale Fitness kann?

          Sie kann nicht das ganze Verhalten eines Menschen ändern. Sie lädt sich noch nicht selbst runter und sagt, du tust jetzt was. Laufen muss man Gott sei Dank noch selbst.

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