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Kolumne System-Check : Nasentropfen kommen jetzt mit der Post

  • -Aktualisiert am

Die meisten Menschen werden wohl ungeplant krank. Dann müssen erst einmal die im Haushalt verbliebenen Medikamente gesucht werden. Bild: dpa

Medikamente braucht man meist sofort. Internetapotheken liefern jedoch nicht am Tag der Bestellung. Einen Blick sind Apps wie „Medizinfuchs“ aber trotzdem wert.

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          Ich bin in meinem Leben noch nicht auf den Gedanken gekommen, Medikamente im Internet zu bestellen. Sie etwa? Falls ja, dann werden Sie wohl sehr durchgeplant krank, das fände ich dann ziemlich beeindruckend. Bei mir läuft es in der Regel so ab: Ich wache morgens mit einer verstopften Nase auf, schaue mit rasenden Kopfschmerzen in meinen Terminkalender und fluche das erste Mal.

          Liegen bleiben? Geht nicht. Dann wühle ich zwischen diversen Medikamentenpackungen in meiner Nachttischschublade und stelle fest: Ibuprofen ist aus, Imupret abgelaufen und der Grippostad-Restbestand reicht bis heute Mittag. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich bei der Apotheke vorbei, zahle den Preis, den sie da halt gerade haben, und bin zumindest für diese Erkältung versorgt. So weit, so das Jahr 1980.

          Versand kommt am selben Tag

          Dabei ist mein Konsumverhalten sonst so viel näher am Jahr 2016. Ich wohne in einer Großstadt, was nicht nur den Vorteil hat, dass garantiert eine Apotheke auf dem Arbeitsweg liegt, sondern auch, dass hier genügend Menschen wohnen, damit Firmen neue Dienste testen können.

          Seit ein paar Monaten testet Amazon seinen neuen Versand, der noch am gleichen Tag kommt. Wie großartig! Ich bin der festen Überzeugung, Amazon hat sich einfach einen Großsupermarkt nebst Elektromarkt gekauft und fährt nun dessen Sortiment mit Boten durch die Stadt. Es gibt dort alles, was auch ein normaler Supermarkt hat. Von Bananen über Milch bis zu Waschmittel, dazu kann man auch noch ein paar HDMI-Kabel oder Glühbirnen bestellen. Lieferung innerhalb der nächsten zwei Stunden kostenlos.

          Lieferung bis Mitternacht

          Seit es „Amazon Prime Now“ gibt, lasse ich mir Wasserkästen ins Büro liefern und Bananen sowie Chips nach Hause, wenn ich es wieder einmal nicht vor 20 Uhr in den bayerischen Supermarkt geschafft habe. Der Versandhändler liefert nämlich bis Mitternacht. Nimm das, Ladenschlussgesetz!

          Solche Sofort-Dienste sind gerade dabei, meinen kompletten Habitus beim Bestellen im Internet zu verändern. Bislang habe ich das für Klamotten oder andere Dinge gemacht, die ich bequem online aussuchen konnte und nicht sofort brauchte. Alle Güter, die man sofort braucht, dafür war das Internet nicht gemacht. Nasentropfen, Hustensaft und Schmerzmittel im Internet bestellen? Unlogisch für mich.

          Auch mit Versand billiger als in der Apotheke

          Dabei gibt es Versandapotheken ja nun schon länger. Einen Punkt gibt es aber, der spannend ist: Preisrabatte. Ich bin jüngst im App Store über eine App gestolpert, die einen Preisvergleich für Medikamente anbietet. „Medizinfuchs“ heißt sie, und die Anlehnung an den Sparfuchs ist sicherlich nur zufällig. In der Beschreibung heißt es: „Medizinfuchs findet und vergleicht die tagesaktuellen Preise von Arzneimitteln, Pflegeprodukten und Naturheilmitteln.“ Was ich in der App finde, kann ich direkt bei „angeschlossenen Versandapotheken“ bestellen und liefern lassen.

          Beim ersten Öffnen zeigt mir die App die Klassiker, um gesund durch den Herbst zu kommen. Neben Bildern der Verpackungen prangen rote Rabattzahlen. Minus 68 Prozent, minus 66 Prozent, minus 87 Prozent. Letzteres ist eine 50-Stück-Packung Ibuprofen 400 für sagenhafte 1,27 Euro. Ich frage mich kurz, ob Schmerztabletten überhaupt so billig sein sollten, und stolpere dann über die Versandkosten, die immerhin auch mit angegeben sind. Der günstigste Anbieter verlangt 3,50 Euro, der teuerste 4,50. Damit kostet mich die Packung insgesamt 5 Euro im günstigsten Fall. Gefühlt immer noch weniger als in der Apotheke um die Ecke – schließlich sind 50 Stück drin!

          Große Rabatte, zu lange Lieferzeit

          Genau diese Rabatte beschäftigen übrigens auch gerade den Europäischen Gerichtshof. Für rezeptfreie Medikamente dürfen Apotheken Rabatte geben. Bei rezeptpflichtigen allerdings ist die Preisgestaltung streng reguliert – für deutsche Apotheken und deutsche Versandapotheken. Für Versandapotheken aus dem Ausland hat der Europäische Gerichtshof erst im Oktober die Bestimmung gekippt, sie dürfen auch auf rezeptpflichtige Medikamente Rabatte anbieten. Der Aufschrei ist groß, erste deutsche Versandapotheken drohen mit Umzug ins Ausland oder eigenem Rechtsstreit. So zum Beispiel Aponeo, die in Berlin sitzen und in der Medizinfuchs-App auch gelistet sind.

          Mit der App einen Preisvergleich zu haben ist durchaus praktisch – allerdings hilft der ohne entsprechende Versand-Infrastruktur leider auch nicht richtig weiter. In Zeiten von versandkostenfreier Same-Day-Delivery schrecken 4,50 Euro erst einmal ab, bei den meisten Versandapotheken müsste ich für 50 Euro oder noch mehr bestellen, um die Medikamente kostenlos geliefert zu bekommen.

          Feilschen in der Apotheke

          Und dann bleibt noch die Frage, wann sie denn ankommen. Für die verstopfte Nase bleibt also eher zu hoffen, dass Amazon Prime Now bald auch Medikamente liefert, zumindest rezeptfreie.

          Wo Apps wie der Medizinfuchs aber durchaus Sinn machen können, sind chronische Erkrankungen mit regelmäßigem Medikamentenbedarf und entsprechenden Kosten. Allerdings ist auch hier der Versandhandelriese einen Schritt weiter: Versandapotheken bieten schon jetzt auf Amazon zum Beispiel Diabetes-Teststreifen an. Im Spar-Abo, mit regelmäßiger Lieferung, zu Kampfpreisen. Trotzdem, ab und zu mal Preise vergleichen kann ja nicht schaden. Und vielleicht hilft die App ja beim Feilschen in der Apotheke, wenn der Apotheker die Packung Schmerzmittel gern für 15 Euro über den Ladentisch schieben möchte.

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