https://www.faz.net/-hrx-82vj9

System-Check : Eine Woche mit der Apple-Watch

  • -Aktualisiert am

Bild: Lina Timm, Enrico Pallazzo

Ist die Smartwatch von Apple innovative Technik oder unnützes Spielzeug? Unsere Kolumnistin hat den Selbsttest über eine Woche lang gemacht. Ob sich die 399 Euro gelohnt haben? Ein Protokoll.

          4 Min.

          Eine Armbanduhr? Überflüssig. Für die Uhrzeit habe ich mein Handy, das teilt mir auch gleich neue spannende Dinge mit, wenn ich draufschaue. Ich brauchte keine Uhr – bis Apple seine Smartwatch ankündigte. Nennt mich Fangirl oder Innovations-Enthusiastin, aber das Ding wollte ich ausprobieren. Eine Woche lang habe ich sie jetzt schon am Arm durch die Gegend getragen.

          Freitag

          Ich schäle die Watch aus dem Paket – und scheitere gleich mal am Armband. Die Sportedition ist die günstigste, mehr konnte und wollte ich mir nicht leisten. Das Armband hat in dieser Version einen Halteknopf und ein Loch zum Durchfädeln, was mit einer Hand ganz schön friemelig ist; nach vier Versuchen sitzt sie endlich am Arm. Erster Eindruck: Joa. Haste halt einen Computer am Arm. Mit ganz schön kleinem Display. Aber ich habe auch schmale Handgelenke, die 38-Millimeter-Variante sieht gerade noch gut aus.

          Es bleibt keine Zeit, mich vernünftig in die Watch einzuarbeiten, ich suche seit Monaten eine Wohnung, heute ist Besichtigung. Auf dem Weg zeigt mir die Uhr immerhin schon mal den Termin an, beim Tap auf die Adresse kommt eine Miniversion einer Karte samt Routeneinzeichnung. Cool! Leider komme ich trotzdem zu spät. Einen freien Parkplatz kann die Uhr nicht anzeigen.

          Computer am Arm: Eine Woche lang hat unsere Autorin die neue Apple-Watch getestet.

          Samstag

          Heute geht es zum Kieser-Training, ich habe Schulterschmerzen vom vielen Sitzen im Büro. Jede Übung soll ich 90 Sekunden durchhalten, und ich hatte immer schon das Gefühl, dass meine Zählmethode „Eins, zwei, drei, vier ... neun“, während ich das Gewicht hochhebe und wieder absetze, nicht wirklich akkurat ist. Das Handy hatte ich nie dabei, viel zu unpraktisch. Aber die Uhr wird’s richten! Ich suche ein paar Minuten lang die Stoppuhr-App, vertippe mich dreimal, nein, NICHT der Timer. Ich habe wirklich keine dicken Finger. Aber für die Bedienung der Uhr sind sie nicht gemacht.

          Endlich, richtige App, wir können starten. Erste Erkenntnis: 90 Sekunden sind wirklich länger, als ich bisher dachte. Zweite Erkenntnis: Für das Kieser-Training bringt die Uhr rein gar nichts. Ihr Bildschirm geht normalerweise an, sobald ich den Arm hebe. Eigentlich klug und stromsparend. Wenn meine Hände aber gerade 40 Kilogramm Gewicht festhalten, bleibt der Bildschirm schwarz. Außerdem springt die Anzeige immer wieder zur normalen Uhr zurück, statt im Stoppuhr-Modus zu bleiben. Ich gebe entnervt auf und zähle wieder.

          Sonntag

          Mittags treffe ich mich mit einer Freundin, wir sitzen im Café, meine Uhr vibriert. Irgendein neuer Tweet. Aber auf die Uhr zu schauen, während wir Kaffee trinken, finde ich noch unhöflicher, als auf das Handy zu schauen. Denn auf die Uhr zu schauen, das hat dem Gegenüber bisher immer signalisiert, dass man sich gelangweilt hat oder gehen wollte. Der Blick auf das Smartphone wirkt da irgendwie harmloser. Als das Handy meiner Freundin piept, schaut sie kurz drauf, tippt eine Nachricht und erklärt danach, dass sie und ihr Freund noch einen Treffpunkt ausmachen mussten. Ach so, ja klar, was soll denn daran unhöflich sein?

          Sonntagnachmittag ist mein iPhone 6 leer. Dabei war es morgens doch noch auf 100 Prozent, und der Akku hielt bisher den ganzen Tag. Die Uhr hat es leergesaugt. Sie ist über Bluetooth mit dem Handy verbunden und holt sich so alle Daten vom Handy. Sie hat keine eigene Internetverbindung; sobald ich mich zu weit vom Handy entferne, ist die Watch gerade noch eine Armbanduhr, die die Uhrzeit anzeigt.

          Montag

          Ich verpasse nichts mehr. Wirklich gar nichts. Keinen Anruf, keine SMS, keinen Periscope-Stream. Die Uhr schiebt alle Benachrichtigungen auf mein Handgelenk hinüber, am Arm vibriert es dann. Das ist für Außenstehende dezent, für einen selbst irritierend. Auf dem iPhone kann ich angeben, welche Nachrichten ich auch auf der Uhr haben will. Ich schalte erst mal ziemlich viele ab.

          Montag probiere ich auch das erste Mal, mit meiner Uhr zu reden. „Wie ist das Wetter in Salzburg am Wochenende?“ funktioniert ganz gut, die Uhr zeigt die Wetter-App. Aber für jeden Sprachbefehl muss ich erst mal den Knopf lange drücken. Freihändig geht hier nix. Anrufe kann ich mit der Uhr sogar annehmen, da klingt’s dann allerdings ziemlich blechern.

          Dienstag

          Ich habe mein Aktivitätenziel wieder nicht erreicht. Ich soll zwölf Stunden am Tag stehen, geschafft habe ich sechs. „Aktivitäten“ ist eine der Apps, die die Uhr mitliefert. Es gibt die Parameter „Bewegen“, „Trainieren“ und „Stehen“. Bei den ersten beiden weiß ich gar nicht, was sie so genau messen, das Stehen-Ziel ist völlig illusorisch und lässt sich nicht mal verändern. Ich kann lediglich die Kalorienzahl unter „Bewegen“ einstellen – und schraube sie gleich mal ordentlich herunter. Welchen Sinn hat eine App, deren Messung ich nicht verstehe?

          Mittwoch

          Ein paar Apps gibt es schon zusätzlich für die Watch. Ich lade zwei Fitness-Apps herunter – Runtastic und Cyclemeter. Beide sind eigentlich nur eine Fernsteuerung für das Handy, aber immerhin, ich kann vom Handgelenk aus starten und stoppen. Yay. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit, starte beide Apps, will zwischendurch schauen, wie schnell ich bin, und muss dafür den Arm heben. Schließlich geht das Display sonst nicht an. Für alle Parameter muss ich auf der Uhr nach unten scrollen, dafür brauche ich die zweite Hand. Das Fahrrad schlingert, ich greife schnell zurück zum Lenker. Na prima. Warum hat diese Uhr keine Vorlesefunktion?

          Nachmittags halte ich einen Vortrag und komme erstmals mit der Pulsmessung in Berührung. Als ich manuell messen will, stelle ich fest, dass die Watch die Tage über alle zehn Minuten meinen Puls automatisch gemessen hat. In den Datenmengen auf der Health-App im Handy kann ich exakt ablesen, wie mein Puls vor dem Vortrag angestiegen ist, bis auf 121, und dann wieder rapide abgefallen. Unheimlich, so getrackt zu werden.

          Donnerstag

          Ob die Watch wohl noch mehr kann, als mich zu benachrichtigen und zu erschrecken? Ich lade mir „Lifesum“ herunter. Die App verspricht, mich gesünder zu machen. Gut: Ich kann direkt auf der Watch eingeben, was ich gegessen und getrunken habe. Über das iPhone kann ich dann nachtragen, was genau ich gegessen habe. Viele Lebensmittel sind schon mit Kalorienangaben hinterlegt, sehr praktisch! Die Uhr erinnert mich auch, mal wieder ein Glas Wasser zu trinken. Endlich mal was Nützliches.

          Freitag

          Ich bin auf einer Hochzeit eingeladen und habe ein Problem. Das Armband der Watch lässt sich simpel austauschen – aber leider habe ich nur eins. Ein zusätzliches in Silber soll noch einmal 169 Euro kosten. Nein, danke. Dafür gibt es ganze Uhren – und der Screen wäre immer noch schwarz. Ein Computer am Arm ist insgesamt eher unpassend zum türkisfarbenen Chiffon-Kleid.

          Samstag

          Ich habe bis hierhin ein paar Mal überlegt, die Uhr wieder zurückzuschicken. Es hat Tage gedauert, bis ich in die Funktionen eingestiegen bin, meist tippe ich immer noch etwas verloren herum. iPhone und iPad waren sofort intuitiv nutzbar, dieses Ding irgendwie nicht. Nach ein paar Tagen hat nun auch der erste Berufsnerd aus meinem Umkreis seine Watch bekommen. Uhr an Uhr kann man sich eigentlich kleine Malereien schicken, Smileys und sogar den eigenen Herzschlag. Wir probieren es eine halbe Stunde, mein Gekritzel kommt an, seins nicht. Warum? Keine Ahnung.

          Mein Fazit

          Mein Handgelenk ist in dieser Woche von den Tech-Enthusiasten fasziniert begutachtet worden, dem Rest ist die Uhr nicht aufgefallen. Macht sie mich nun gesünder? In jedem Fall kann ich jetzt jedem Arzt zu jeder Zeit meinen Puls mitteilen. Auch die „Lifesum“-App sieht ganz durchdacht aus. Der Rest? Nun ja. Braucht wohl noch ein, zwei Versionen.

          Ich behalte die Uhr, ich hab ja keine andere. Die Uhrzeit zeigt sie immerhin ganz zuverlässig an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Premierminister Morrison präsentiert Australiens neue Verteidigungspläne

          Neue Sicherheitspolitik : Australien bietet China die Stirn

          Seit 1945 stand Australien in allen Kriegen treu an der Seite Amerikas. Jetzt, wo für Canberra das Problem China immer dringlicher wird, sucht die Regierung neue, zuverlässige Verbündete und rüstet auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.