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System-Check : Digitale Diät

  • -Aktualisiert am

Bild: Hans-Jörg Brehm

Es gibt für alles eine App, für das Wetter genauso wie für das Busticket. Manche versprechen sogar, uns gesund zu machen. Unsere Kolumnistin berichtet aus ihrem Alltag mit diesen Apps. Dieses Mal: Der Kampf gegen die Pfunde.

          Linker Fuß, rechter Fuß. Ich bin aufgeregt. Wird es funktionieren? Die Anzeige der Waage unter meinen Fußsohlen springt auf 56,6. Einige Sekunden später steht in meiner Facebook-Timeline: „Mein Gewicht: 56.6 kg. Noch 1.59 kg abzunehmen.“ Yeah! Es hat geklappt. Die Waage hat mein Gewicht automatisch bei Facebook gepostet.

          Zwei Minuten später schreibt meine Freundin Theresa darunter: „Du bist ein bisschen meschugge, glaube ich.“ Joa, kann sein. Als ich das erste Mal in meinen Timelines auf Twitter und Facebook eine Nachricht sah, die nicht eine Person, sondern eine Waage geschrieben hatte, bin ich ein bisschen ausgeflippt. 2010 war das, vor digitalen Urzeiten also. Der damalige Twitterer wollte abnehmen, seine Waage half ihm dabei. Das Gewicht öffentlich zu posten erzeugt sozialen Druck, er wurde angefeuert und verlor 20 Kilo. Ich werde bei Facebook ausgeschimpft. Zu Recht natürlich. Ich hatte noch nie ein Gewichtsproblem, Theresa kennt mich und findet das Wort „abnehmen“ daher furchtbar. Leider war die Waage nicht so schlau zu schreiben, dass ich hier nur teste.

          Die Firma Withings hat die twitternde Waage erfunden, schon 2009. Seither haben mehrere Firmen smarte Waagen entwickelt, die mein Gewicht mitsamt App besser überwachen wollen. Medisana zum Beispiel oder das allgegenwärtige Runtastic. Nun heißen Waagen, die twittern oder sich mit meinem Telefon verbinden können, natürlich nicht mehr schlicht „Waage“. Sondern: „Smart Body Analyzer“ (Withings, 149,95 Euro), „Körperanalysewaage mit Bluetooth BS 430 connect“ (Medisana, 89,95 Euro) oder etwa „Libra“ (Runtastic, 129,99 Euro).

          „Schwere Knochen“ sind eine Frage der Analysewaage

          Zur Medisana-Waage gibt’s die App VitaDock+, die beiden sollen sich über Bluetooth verbinden. Das funktioniert etwa so gut wie früher, als man ein Nokia-Handy per Bluetooth mit einem PC verbinden wollte: erst mal gar nicht. Kurz bevor ich entnervt aufgeben will, finden die beiden sich doch. Die Waage zeigt 56,8 Kilogramm an, die App auch. Ein BMI von 19,7, 15,8 Prozent Körperfett, 59,6 Prozent Körperwasser, 38,2 Prozent Muskelanteil, und ganze drei Kilogramm wiegen meine Knochen. Ah ja. Solche Zahlen konnte schon die Waage meiner Eltern ausgeben, vor zehn Jahren, ganz ohne App. Was sie nicht konnte: sich erinnern, wie meine Werte denn letzte Woche waren - und daraus einen Verlauf erkennen. Damit punkten die Waagen-Apps. VitaDock+ verbindet diese Punkte zu einer Linie. Bei mir geht sie: aufwärts. Von 56,1 auf 56,8 in 20 Tagen. Ich denke kurz über das Stück New York Cheesecake. . . nein Theresa, alles gut.

          Nach ein paar Tagen haben meine Waage und mein Smartphone ihre innige Verbindung schon wieder vergessen, ich muss neu synchronisieren. Es dauert x Versuche, das nervt. Runtastic hat die Bluetooth-Problemzone besser im Griff. Waage auspacken, einschalten, App öffnen, auf die Waage stellen. Fertig. 55,9 Kilogramm, 21,5 Prozent Körperfett, 37,1 Prozent Muskelmasse, 53,1 Prozent Wasseranteil und zehn Kilogramm Knochenmasse. Moment, zehn Kilo statt drei? Wenn demnächst jemand von „schweren Knochen“ spricht, frage ich ihn nach der Marke seiner Analysewaage.

          Runtastic berechnet mir meinen Kalorienansatz und malt zwei Linien, für das Gewicht und das Körperfett. Wer abnehmen will, kann das sicher gut nutzen. Das Problem bei der „Libra“: Um die Daten aufs Smartphone zu bekommen, muss ich die App beim Wiegen geöffnet haben. Morgens aufstehen, wiegen, Handy im anderen Zimmer? Tja, verloren. Im Langzeittest zickt auch das Libra-Bluetooth.

          Sozialer Druck, anders als gedacht

          Pionier Withings vertraute seit Beginn auf Wlan statt Bluetooth. Im Test funktioniert das besser. App starten, Account anlegen, Gewichtsziel eingeben. Ziel? Ich habe keines, aber gut, dann eben 55 Kilo. (Hätte ich das bloß nicht gemacht.) Über die App holt die Waage sich den Wlan-Zugang, so weit alles einfach. Der Weg Waage - Wlan - Cloud - Handy scheint klüger. Ich brauche fürs Wiegen kein Smartphone, das holt sich die Daten später einfach aus der Cloud. Die App „Health Mate“ von Withings zeigt Kilo, BMI, Fettanteil und auch Kurven. Was anders ist: Sie misst über die Füße meine Herzfrequenz (105, „schneller Ruhepuls“, App sagt, ich sollte mehr Sport machen), und wenn es draußen regnet, tropfen Pixel auf dem Waagen-Display. Süß (und super für die morgendliche Klamottenplanung, wenn das Rollo noch unten ist). Obendrauf gibt’s Sensoren für Temperatur und CO2-Gehalt im Zimmer. Seit ich diese Daten kenne, lüfte ich häufiger. Das macht gesund, egal welches Gewicht man hat.

          Und was ist nun mit Twitter und Facebook? Einfach ist die Installation nicht. Ich muss auf die Website, Facebook kann ich da freischalten, bei Twitter gibt’s einen Fehler im Programm. Zweite Möglichkeit: IFTTT. „If this then that“ ist ein Dienst, der Abläufe automatisiert. So klappt’s. Ich stelle mich auf die Waage, ein Tweet erscheint in meiner Timeline und ein Post bei Facebook. Withings schickt die Daten auf Wunsch übrigens auch an einen Arzt, statt in die Öffentlichkeit. Wer aber sozialen Druck braucht, um abzunehmen, hat mit den smarten Waagen gute Chancen. Dieser Druck funktioniert bestens: Über mein „Gewichtsziel“ haben sich außer Theresa noch vier weitere Leute beschwert. Mir schmeckt der Cheesecake jetzt noch besser.

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