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Kimonos aus Vintagetüchern von Rianna and Nina; Foto: Hersteller

Stoffsammlung

Von JENNIFER WIEBKING
Kimonos aus Vintagetüchern von Rianna and Nina; Foto: Hersteller

24.04.2018 · Nur ein Prozent der Materialien von Bekleidung wird so recycelt, dass daraus später neue Mode entstehen kann. Ein paar Designer arbeiten jetzt daran, das zu ändern.

D as Atelier von Jeanne de Kroon in Berlin-Mitte könnte auch ein Laden sein. Es ist im Erdgeschoss untergebracht, zur Straße zeigt ein großes Fenster. Davor steht an diesem Dienstag im späten Winter ein Mann, der nicht so recht weiß, ob er einfach hineinspazieren kann, aber immerhin scheint ihn der zottelige Mantel mit verschnörkeltem Granatapfel-Muster im Fenster hinreichend zu interessieren. Ein Modell, dessen bestickter Stoff ursprünglich als Teppich in Tadschikistan diente, dessen dickes Innenfutter mal eine mongolische Schlafunterlage war.

Jeanne de Kroon, Niederländerin und Gründerin des Labels Zazi, hält den Kunden im ersten Moment für den Techniker, der sich um das Internet kümmern soll. Sie ist gerade erst eingezogen, hier an der Max-Beer-Straße. Seit einem Jahr gibt es ihr Label. Es ist so frisch wie das Vorhaben, mit dem nun immer mehr Designer an die Arbeit gehen. Aus alten Stoffen etwas Neues zu fertigen, mag zwar schon so lange ein Ding sein, wie Menschen sich nicht nur zum Schutz, sondern auch zum Schmuck kleiden. Es gibt, um in der jüngeren Vergangenheit zu bleiben, Freitag-Taschen aus ehemaligen Lkw-Planen und solche von Canvasco aus Segeltüchern. Es gibt Startups, die sich alter Feuerwehr-Schläuche oder U-Bahn-Polster annehmen. Und Discounter wie H&M, Mango oder C&A, die recycelte Baumwolle verarbeiten.

Zazi-Designerin Jeanne de Kroon mit einem Kleid aus usbekischer Seide Foto: Hersteller

Was es zuvor eher selten gab: Luxuslabels, die sich wie selbstverständlich an dem bedienen, was schon im Kreislauf ist, und es so umdeuten, dass Menschen bereit sind, dafür sehr viel Geld auszugeben. Upcycling war in diesem Bereich bislang kein großes Thema. Der tadschikisch-mongolische Mantel, in den der Mann an diesem Mittag jetzt bei Zazi schlüpft, kostet zum Beispiel 1590 Euro. Den wird niemand allein aus einem Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt kaufen, die unter der Fertigung von Mode schwer zu leiden hat.

1,2 Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr gehen zum Beispiel laut einem Bericht der MacArthur Foundation vom vergangenen November auf ihr Konto. Initiatorin der Stiftung ist die britische Seglerin Ellen MacArthur, und zu den unbequemen Tatsachen, die sie vor einigen Monaten veröffentlichte, gehören außerdem jene, dass in jeder Sekunde eine ganze Lkw-Ladung Bekleidung weggeworfen wird. Auch mehr als die Hälfte der Discounter-Ware, die innerhalb desselben Jahres überhaupt erst angeschafft wurde, ist ein Teil davon. Und noch eine Zahl aus dem Bericht: Nur ein Prozent der Stoffe, die man ursprünglich für die Fertigung von Mode verwendet hat, wird später so recycelt, dass daraus neue Mode entsteht.

Foto: Hersteller
Foto: Hersteller
Foto: Hersteller

Zazi gehört zu diesem einen Prozent, das jetzt gefühlt ein bisschen größer wird, mit ein paar mehr Labels, zum Beispiel der Marke Rianna and Nina, die ebenfalls von Berlin aus arbeitet. Oder Stella Jean in Mailand. Oder Reformation und Staud in Los Angeles. Es sind Unternehmen, die sich bewusst an alten Stoffen bedienen, weil die vielleicht viel zu schade zum Wegwerfen sind, aber auch, weil sie in Zeiten, da es wahrlich genug Modelabels gibt, auf diese Weise eine besondere Geschichte zu erzählen haben. Bevor es für Jeanne de Kroon zum Beispiel Zazi gab, hatte sie zunächst mal für ungefähr zehn Minuten als Model in New York gearbeitet, „eine traumatische Erfahrung“. Anschließend zog sie nach Berlin, schrieb sich für Politik und Philosophie ein und war, wenn sie Zeit hatte, viel in Indien unterwegs. De Kroon selbst trug - spätestens seit sie dort eine Anwältin kennengelernt hatte, die vierzig Fabrikarbeiterinnen juristisch vertrat und ihr entsprechende Geschichten über deren Arbeitsbedingungen erzählte – nicht mehr jene Mode, die sie früher als Model präsentiert hatte. Stattdessen zum Beispiel: usbekische Kaftane aus den sechziger Jahren oder traditionelle Stücke aus Afghanistan oder Pakistan oder Indien. „Der Markt für Upcycling ist in Indien riesig“, sagt de Kroon. „Dreißig Prozent der Stoffe, die dort ankommen, werden aussortiert und landen in Lagern.“ Besonders in Jaipur ist die Auswahl groß. Dort lernte Jeanne de Kroon, die sich zu diesem Zeitpunkt schon dazu entschlossen hatte, aus der Leidenschaft ein Label zu machen, eine Familie kennen, die damit handelt. Über sie kam sie in Kontakt mit einer afghanischen Familie, dann an den einer usbekischen und einer tadschikischen. Das sind heute ihre Geschäftspartner.

Sicher, es wäre einfacher, über eine Stoffmesse zu laufen, sich ein paar Rollen ins Atelier liefern zu lassen und loszulegen, Samples in Größen zu produzieren, die hinterher identisch zu vervielfältigen sind, mit denen Händler vernünftig arbeiten können. „Diese Teile sind Einzelstücke, die Größen nicht immer gleich, das muss man erst mal erklären“, sagt auch Jeanne de Kroon.

Foto: Hersteller
Foto: Hersteller

Andererseits: Nicht nur die Designer, auch die Händler bekommen gerade zu spüren, dass das Interesse an neuer Mode bei den Kunden nicht gerade steigt. Ein iPhone zum Beispiel ist wichtiger, und die Schränke sind ja ohnehin voll. Gute Ideen sind deshalb gefragt, wie auch jene von Nina Knaudt und Rianna Kounou, die unter ihrem Label aus Vintagetüchern Kimonos und Kleider fertigen. „Die meisten Stücke sind in einer Größe“, sagt Nina Knaudt. Hier soll nichts super eng sitzen. „Und wir haben unsere festen Schnitte. Für die Händler war es aber eine Umstellung, dass sie von uns eine Überraschungskiste bekommen.“ Welche Tücher sich gerade für diesen oder jenen Kimono anbieten, können die zwei schließlich vorher nicht festlegen. „Ein Händler bekommt dann zehn Kimonos und weiß nicht, wie die aussehen werden.“ Wer ein Muster für unpassend hält, kann es zurückschicken. Das sei bislang, in den vier Jahren, seit es das Label gibt, trotzdem noch nicht einmal passiert. Stattdessen wächst das Netzwerk, das die zwei sich aufgebaut haben. Als Knaudt und Kounou vor Weihnachten im New Yorker Kaufhaus Bergdorf Goodman einen Pop-Up hatten, kaufte eine Frau Ware für sage und schreibe 114.000 Dollar. Eigentlich kein Wunder, dass auch die Superreichen an Einzelstücken interessiert sind, an besonderen Geschichten.

Bis dahin ist es trotzdem ein weiter Weg, ein durchaus holpriger, was nicht nur daran liegt, dass ein Teil der Stoffe, die Jeanne de Kroon zum Beispiel später für Zazi in Afghanistan verarbeiten lässt, zuvor von Usbekistan über die Grenze transportiert werden muss – mit dem Esel. Auch die Designerin Stella Jean aus Mailand, die mit Stoffen aus dem Heimatland ihrer Mutter, aus Haiti, arbeitet, die darüber hinaus in allen Ecken der Welt nach brauchbaren Materialien und nach Arbeiten von Künstlern für Kooperationen sucht, bekam das neulich zu spüren. Die Samples? „Steckten drei Monate lang beim Zoll fest.“ Um sie als Teil der Modenschau im Februar zu zeigen, war es dann zu spät.

Die Designer, die sich auf das Vorhaben Vintagematerialien einlassen, brauchen also vor allem Geduld. Und Nerven. „Es ist das Gegenteil einer gewöhnlichen Produktionsstätte, die man sich sucht, weil deren Mitarbeiter sehr gute Arbeit leisten. In der man hundert Mal dies und fünfzig Mal das bekommt“, sagt Jeanne de Kroon. „Die Frauen sind keine Schneiderinnen für Luxusmode. Sie sitzen vor ihren Nähmaschinen aus den sechziger Jahren.“

Im Dorf Bhikamkor im indischen Bundesstaat Rajasthan lässt Zazi den Stoff sichten. Foto: Hersteller
Am selben Ort wird er auch zugeschnitten. Foto: Hersteller
Und schließlich zusammengenäht. Foto: Hersteller

Mal sind es zwanzig Meter Stoff, die Jeanne de Kroon in den Depots in Indien zur Verarbeitung findet, mal neunzig. Im selben Dorf im Bundesstaat Rajasthan, in Bhikamkor, lässt sie daraus dann einen Teil der Stücke fertigen. Mäntel werden in Afghanistan produziert, Kleider in Indien. Über Whatsapp steht sie mit ihren Leuten in Kontakt, auf ihrem Handy treffen dann Bilder ein von usbekischer Seide oder mongolischer Schafwolle. „Das ist praktisch, weil ich zurzeit nicht nach Usbekistan oder Afghanistan fahren würde.“ Gut drei Monate im Jahr ist sie im Durchschnitt aber in Indien. Für die Qualitätskontrolle gibt es dort zudem eine Frau, wie sie sagt, „mit verrücktem Feuer. Ihr Ehemann hat sich umgebracht, und auf dem Land in Indien ist das eine Situation, in der man kaum eine Chance hat, neu zu heiraten oder einen Job zu bekommen. Die fragte daraufhin in der Familie des Dorfes, in dem ich produziere, ob sie mitarbeiten dürfe.“ Sie prüft also Stoffe, die zur Kultur von ärmeren Ländern gehören, auf ihre Qualität, die so herausragend sein soll, dass dafür jemand in der westlichen, also der reichen Welt, sehr viel Geld übrig hat.

Bis zum Vorwurf der kulturellen Aneignung, diesem Stichwort, das jetzt in allen Bereichen der Popkultur kursiert, ist es da nicht weit. Es sind schließlich keine Lkw-Planen, mit denen Labels wie Zazi oder Stella Jean arbeiten, sondern Stoffe, die oft eng verknüpft sind mit ethnischer Vielfalt und Tradition. Auch Labels wie Chanel oder Stella McCartney gerieten in dieser Hinsicht schon in die Kritik – dafür, einen Boomerang zu entwerfen, ein Symbol der Aborigines, oder für Muster, die ursprünglich aus Westafrika kommen. „Diese Länder sind keine Süßwarenläden“, sagt auch Stella Jean. „Wenn man sich etwas nimmt, das zur Kultur eines Landes gehört, muss man mit den Menschen dort zusammenarbeiten.“ Die Designerin setzt dafür auf Kooperationen mit Künstlern vor Ort. Und der Verkauf eines jeden Mantels, den Jeanne de Kroon hier hängen hat, ermöglicht einem Mädchen in Bhikamkor die Schulbildung für ein Jahr. „Ich bin in einen weißen Körper geboren und unterhalte eine Luxusmarke, klar ist das ein Problem“, sagt die Gründerin selbst. „Natürlich verstehe ich, dass es schwierig ist, wenn sich ein amerikanischer Moderiese Kunst der Ureinwohner als Inspiration nimmt, und diese Menschen haben nichts davon, außer vielleicht noch mehr Probleme dank der Dakota-Pipeline.“ Das Erdöl-Pipeline-Projekt im Norden der Vereinigten Staaten, gegen das die Sioux-Indianer klagen, deren Umwelt erheblich davon betroffen ist. „Aber ich sehe es als Unterdrückung, dass Frauen für drei Dollar am Tag in Fabriken westliche Kleidung nähen müssen und eigentlich diese großartige Kultur haben, die sie unter besseren Arbeitsbedingungen auch hervorheben können.“

Die besondere Geschichte eines Einzelstückes: Kleid von Rianna and Nina Foto: Hersteller

Bei der Kundschaft im Westen scheinen Stücke aus Vintagestoffen, mit dem Hauch der Geschichte, jedenfalls einen Nerv zu treffen. Der Mann, der sich im Atelier von Zazi an diesem Tag für den Mantel aus tadschikischen und mongolischen Materialien interessiert hat, ist schon lange weg, als die Gründerin sich von ihrem Sofa erhebt. Ob er wohl zurückkommen und den Mantel kaufen wird, für 1590 Euro? „Ich hoffe doch“, sagt Jeanne de Kroon. Sie sieht dabei zuversichtlich aus.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 24.04.2018 13:56 Uhr