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Kinofilm „Die Verlegerin“ : Unter Druck

  • -Aktualisiert am

Das Bewusstsein für die Pressefreiheit soll auch Steven Spielbergs Film „Die Verlegerin“ wecken. Am 22. Februar kommt er ins Kino. Bild: AP

Steven Spielberg hat eine Sternstunde der Pressefreiheit verfilmt. Der Regisseur und seine Darsteller Meryl Streep und Tom Hanks sehen diese Freiheit in Gefahr.

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          In dem Jahr, in dem Richard Nixon zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreichte und sowohl Martin Luther King als auch Robert Kennedy ermordet wurden, war Steven Spielberg anderweitig beschäftigt. Sein Studium an der California State University hatte er im Jahr zuvor schon kurz nach Beginn abgebrochen. Statt durch Proteste und Demonstrationen teilzuhaben an der Veränderung der Welt, konzentrierte er sich ganz unpolitisch auf den Beginn seiner Karriere. 1968 wird für Spielberg immer das Jahr bleiben, in dem er seinen ersten, halbstündigen Film Amblin' drehte, der ihm umgehend Tür und Tor in Hollywood öffnete.

          Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Themen der Studentenproteste und der Bürgerrechtsbewegung – Rassismus, Kriegskritik, Gleichberechtigung - holte der Regisseur erst später in seinen Filmen nach. Die Farbe Lila, Schindlers Liste, Amistad und Lincoln mögen auf den ersten Blick eher historisches als politisches Kino sein. Sie lassen aber kaum Fragen offen, was seine humanistische Gesinnung angeht. Auch sein neuer Film Die Verlegerin - in der Kategorie Bester Film für den Oscar nominiert und vom 22. Februar an in deutschen Kinos zu sehen - passt in diese Reihe. Doch erstmals in Spielbergs fünfzigjähriger Karriere hat das Werk auch tagespolitische Dringlichkeit.

          Zehn Monate zwischen Drehbuch-Lektüre und Kinostart

          Ich las das Drehbuch zu diesem Film im Februar 2017, als gerade Trumps Wahlkampf und sein Amtsantritt hinter uns lagen, sagt Spielberg beim Interviewtermin in New York. Die Relevanz, die diese Geschichte aus dem Jahr 1971 im neuen politischen Klima der Vereinigten Staaten hatte, war nicht zu übersehen. Der Film erzählt, wie sich die Washington Post unter Herausgeberin Katharine Graham und Chefredakteur Ben Bradlee trotz massiver juristischer Drohungen seitens des Weißen Hauses zur Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papiere entschloss, die der New York Times zuvor untersagt worden war. Es war eine Sternstunde der Pressefreiheit.

          Mir war klar, dass ich diesen Film sofort drehen muss, sagt Spielberg. Zehn Monate nur vergingen zwischen der Lektüre des Drehbuchs und dem Kinostart in Amerika. Plötzlich war da wieder eine Regierung, die die Presse zum Feind erklärte. Dabei ist der Journalismus seit Jahrhunderten als fester Bestandteil im System der Gewaltenteilung der Demokratie etabliert. Wir verlassen uns auf ihn als Nachrichtenquelle. Und als Bastion der Wahrheit.

          Sieht Spielberg unter Trump die Pressefreiheit in Gefahr? Sie steht auf jeden Fall näher am Abgrund als je zuvor. Auch viel näher als in den Momenten unter Nixon, von denen mein Film handelt. Weil es plötzlich mehr Menschen denn je gibt, die nicht wie ich auf die Wahrheit vertrauen, sondern glauben, Fakten und Meinungen seien das gleiche.

          In Meryl Streep und Tom Hanks, die für Die Verlegerin erstmals gemeinsam vor der Kamera standen, fand Spielberg gleichgesinnte Mitstreiter für die Hauptrollen. Hanks erlebte die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen der sechziger Jahre nur als Kind, produzierte aber vor einigen Jahren den dokumentarischen Zehnteiler The Sixties. Zugunsten einer Agenda, die das politische und gesellschaftliche Geschehen auf gefährliche Weise beeinflussen will, wird die Wahrheit von vielen Menschen inzwischen oft ignoriert, sagt er. Aufrichtige Journalisten sind da geradezu lebenswichtig.

          Hanks, sonst ein besonnener Mensch, gerät im Gespräch über die Bedeutung des Films mächtig in Fahrt. Die Pressefreiheit darf unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Niemals! Sie ist einer der Grundpfeiler, auf denen unser Land basiert, wie Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit. Wenn es jemandem an der Spitze dieses Landes gelingen sollte, die Freiheit der Medien zu begrenzen, ist das nicht mehr mein Amerika. Auch Meryl Streep war es wichtig, mit Spielbergs Film ein politisches Statement abzugeben. Ich spüre seit einiger Zeit zum ersten Mal in meiner Karriere eine Art Verantwortung, mich öffentlich politisch zu äußern, sagt die Schauspielerin.

          Im Januar 2017 hatte sie Aufsehen erregt, als sie bei der Auszeichnung mit dem Golden Globe für ihr Lebenswerk ein flammendes Plädoyer für Außenseiter und Einwanderer in Hollywood hielt - und Trumps persönlichen Twitter-Ärger auf sich zog, als sie ihm vorhielt, sich über einen behinderten Journalisten lustig gemacht zu haben. Eigentlich ist so ein Verhalten nicht meine Art, sagt sie. Ich bin ein zurückhaltender Mensch, der nicht gern über sein Privatleben und persönliche Ansichten spricht. Aber im Angesicht von Trump und Co. ist das Schweigen ein Luxus, den wir uns nicht leisten können.

          Gestern und heute: Für Meryl Streep, Steven Spielberg und Tom Hanks (unten, von links) ist es wichtig, dass die Pressefreiheit nicht nur auf dem Papier steht.

          Dass Die Verlegerin im Februar 2018 so zeitgemäß wirkt und eine Brücke schlägt zwischen den Kämpfen der späten Sechziger und frühen Siebziger und aktuellen Konflikten, liegt nicht nur daran, dass der Journalismus zur Zeit besonders unter Beobachtung steht. Genauso wichtig: dass im Zentrum der Spielberg-typischen Geschichte vom Kampf des David (Washington Post) gegen Goliath (Weißes Haus) eine Frau steht.

          Für mich ist diese Geschichte auch eine feministische, sagt der Regisseur, der seit den siebziger Jahren bevorzugt mit weiblichen Filmproduzenten zusammenarbeitet. Ich wollte zeigen, wie unglaublich schwierig es sogar noch 1971 war, als Frau eine Firma zu leiten. Obwohl die Frauenbewegung da längst im vollen Gange war. Man könne nur den Kopf schütteln, sagt Spielberg. Da sitzt eine Frau in ihrer eigenen Vorstandsetage - und die Männer, die für sie arbeiten, ignorieren sie, wenden sich lieber dem Mann neben ihr zu. Alle liebten ihren Vater und ihren Mann, doch selbst als Kay Graham nach dessen Tod die Zügel in der Hand hatte, war sie erst mal unsichtbar. Erst durch die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere fand sie ihre Stärke - und erlangte die Kontrolle und den Respekt, die ihr zustanden.

          Für Meryl Streep, die 1971 ihren College-Abschluss machte, waren die Schwierigkeiten, mit denen Graham zu kämpfen hatte, besser nachvollziehbar als ihr lieb war. In ihrer Autobiografie schreibt sie von der dauerhaften Verunsicherung, die sie begleitete. Immer hatte sie das Gefühl, in Meetings fehl am Platz zu sein, nicht ernst genommen zu werden. Auch heute noch wird jungen Frauen von der Gesellschaft oft gespiegelt, sie müssten zurückhaltend sein, sich hinterfragen. Während Männer früh lernen, dass sie im Zweifel immer eine zweite Chance bekommen.

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          Sind es in Zeiten von #MeToo und #TimesUp aber nicht ganz andere Fragen, die Frauen wie Männer in Sachen Feminismus und Gleichberechtigung besonders bewegen? Natürlich ist in den vergangenen 50 Jahren viel passiert. Katharine Graham war so alt wie meine Mutter, und die Frauen dieser Generation hatten andere Sorgen als wir heute, sagt Streep, die als Beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert ist. Dass an Frauen und Männer zweierlei Maß angelegt wird, gilt aber heute noch.

          Das Drehbuch von Liz Hannah und Josh Singer war ursprünglich als Hommage an eine mächtige Frau konzipiert, die die erwartete erste Präsidentschaft einer Amerikanerin begleiten sollte. Nach Hillary Clintons Niederlage wurde daraus aber ein Mahnmal, sagt Hanks. Eigentlich hatten wir schon gedacht, in einer Gesellschaft angekommen zu sein, in der das Geschlecht für den Erfolg zweitrangig ist. Aber die Wahl Trumps hat den Eindruck erweckt, dass wir uns immer noch in einem Club der weißen Männer befinden, die alle Fäden in der Hand halten.

          In die Zukunft blicken die Filmstars, die für ihre Rollen in Die Verlegerin das gleiche Honorar bekamen, trotzdem optimistisch. Wir Amerikaner müssen nur im November bei den Wahlen zu Repräsentantenhaus und Senat geschlossen zu den Urnen gehen. Dann nimmt die Demokratie ihren Lauf - und wir haben die Chance, einen ersten Richtungswechsel vorzunehmen, sagt Hanks. Meryl Streep ergänzt: Ich bin nicht sicher, ob wir nicht eines Tages sogar Trump dankbar sein werden. Weil er uns zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn die Exekutive ihre Macht missbraucht. Und uns daran erinnert, wie schützenswert unsere Verfassung ist. Genauso wie es am Ende auch Harvey Weinstein zu verdanken sein wird, dass sich die Welt verändert hat. Es ist tragisch, dass dafür Frauen leiden und Schmerzen erdulden mussten. Aber am Ende wird unsere Gesellschaft durch diese Enthüllungen eine bessere sein.

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          Spielberg hat keinen Zweifel daran, dass weder der Journalismus noch die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit untergehen werden. 1968 mag er aus jugendlichem Cineasten-Ehrgeiz der gesellschaftlichen Realität noch wenig Beachtung geschenkt haben, und in seiner Arbeit heute beschäftigt er sich lieber mit der Vergangenheit als mit der Gegenwart. Aber gerade deshalb ist er sich in seinem Urteil sicher. Amerika hat schon so oft Krisen überstanden, sagt er. Wir sind immer gestärkt daraus hervorgegangen. So wird es auch diesmal sein. In einigen Jahren werden wir auf heute zurückschauen und unsere Lehren ziehen. Und dann wird jemand einen Film darüber drehen.

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