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Fragebogen: David Chipperfield : „Am meisten überrascht hat mich Don Quijote“

  • -Aktualisiert am

Sir David Chipperfield entwirft Kunsträume in aller Welt Bild: Getty

Sir David Chipperfield ist mit seinen Architekturbüros in London, Shanghai, Mailand und Berlin vertreten und entwirft Wolkenkratzer rund um die Welt. Der Architekt zwischen klassischer Moderne und japanischer Baukunst im Stil-Fragebogen.

          3 Min.

          Nach mehr als zwei Jahrzehnten Planung und Bauzeit ist gerade die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel eröffnet worden. Sir David Chipperfield ist darüber zu einem halben Berliner geworden. 1985 hat der britische Architekt sein eigenes Büro gegründet, das außer in London, Schanghai und Mailand seit 1997 auch in der deutschen Hauptstadt vertreten ist. Der Fünfundsechzigjährige ist oft in Berlin. Nur im Sommer zieht es ihn in die Bescheidenheit Galiciens, die seinem minimalistischen Baustil entspricht. Kein Wunder, dass er vor allem Kunsträume in aller Welt entwirft. Aber auch immer wieder Wolkenkratzer: Zur Zeit plant er die neue Firmenzentrale für Rolex an der 5th Avenue in New York.

          Was essen Sie zum Frühstück?

          Meiner Gesundheit zuliebe versuche ich seit einigen Jahren, morgens Porridge zu essen.

          Wo kaufen Sie Ihre Kleidung ein?

          Meine Anzüge sind von Brioni. Die sind spektakulär kostspielig, aber ich bekomme einen guten Rabatt, weil unser Büro deren Geschäfte entwirft. Generell möchte ich mir nicht zu viele Gedanken über das machen, was ich trage. Je älter ich werde, desto mehr gefällt mir deshalb die Idee gut sitzender Anzüge. So kleidet man sich komfortabel, vor allem auf Reisen.

          Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Schrank?

          Ich hatte lange ein schönes blaues Hemd von Katharine Hamnett, das erst kürzlich entsorgt wurde. Die ältesten Stücke in meinem Schrank sind wohl noch aus meiner Zeit in Japan, von 1985 an habe ich dort für Issey Miyake gearbeitet. Heute tragen meine Kinder diese alten japanischen T-Shirts von mir.

          Wann haben Sie zuletzt handschriftlich einen Brief verfasst?

          Letzten Monat, einen Kondolenzbrief. Von Zeit zu Zeit schreibe ich Karten. Wenn ich jemandem eine persönliche Nachricht zukommen lassen möchte, versuche ich immer, sie von Hand zu verfassen.

          Welches Buch hat Sie in Ihrem Leben am meisten beeindruckt?

          Fragen Sie lieber nach den 50 beeindruckendsten Büchern! Am meisten überrascht hat mich vermutlich „Don Quijote“. Man ist vor allem darüber erstaunt, so viel Humor und Menschlichkeit in so einem alten Buch zu finden. „Don Quijote“ ist der erste moderne Roman und bis heute zeitgemäß.

          Wie informieren Sie sich über das Weltgeschehen?

          Ich lese „Herald Tribune“ und „The Guardian“, zwischendurch informiere ich mich online. Das könnte ich auch lassen, in Großbritannien gibt es zur Zeit ohnehin nur ein Thema: Brexit. Ein totales Desaster!

          Der Baumeister und sein Werk: David Chipperfield vor der großen Treppe der James-Simon-Galerie in Berlin.

          Was ist Ihr bestes Smalltalk-Thema?

          Das ist auch eher „Bigtalk“ als „Smalltalk“: der Klimawandel. Im Nordwesten Spaniens leite ich eine Stiftung, mit der wir der örtlichen Regierung helfen, existentielle ökologische und gesellschaftliche Probleme anzugehen.

          Bei welchem Film haben Sie zuletzt geweint?

          Ich kann mich noch nicht mal daran erinnern, welchen Film ich zuletzt gesehen habe. Aber wir alle weinen doch von Zeit zu Zeit im Kino. Das liegt daran, dass viele zeitgenössische Filme versuchen, mit unseren Emotionen zu spielen. Insbesondere amerikanische Filme neigen zum Sentimentalen. Ich halte das für zynisch.

          Sind Sie abergläubisch?

          Seltsamerweise ja. Viel Aberglaube basiert in Wahrheit auf Erfahrung. Als Architekt weiß ich genau, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter durchzugehen: Oben steht meist jemand, der etwas fallen lassen könnte.

          Worüber können Sie lachen?

          Über Insider-Witze in der Familie und über satirischen Humor. In England gab es eine Zeit, in der im Fernsehen ein hohes Level an Komik herrschte. Vielleicht war Monty Python eine Art von Überlebenshumor.

          Ihre Lieblingsvornamen?

          Die Namen meiner Kinder.

          Machen Sie eine Mittagspause?

          Wenn es mir mein Terminkalender erlaubt und ich in Berlin bin, esse ich dort in unserer Kantine.

          In welchem Land würden Sie am liebsten leben?

          In England ist es gerade nicht sehr spaßig, obwohl es meine Heimat ist. Ich bin aber auch privilegiert, wir reisen viel als Familie, sind oft in Deutschland. Und wir haben unser Haus im Norden von Spanien, wo wir ganze Sommer verbringen. Das Alltagsleben dort ist angenehmer als anderswo, die Kluft zwischen Arm und Reich weniger tief.

          Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach

          Was fehlt nie in Ihrem Kühlschrank?

          Seit unsere Kinder vor fünf Jahren ausgezogen sind, herrscht bei uns zu Hause ein anderer Umgang mit Ernährung. Weil meine Frau und ich viel reisen, ist der Kühlschrank eher rar bestückt.

          Was ist Ihr größtes Talent?

          Kochen!

          Fühlen Sie sich mit oder ohne Auto freier?

          Ohne.

          Was tun Sie, obwohl es unvernünftig ist?

          Ich bin ein großer Rugby-Fan und versuche, mir alle Top-Level-Spiele anzuschauen. Das wird langsam zu einer unvernünftigen Obsession, überall dort, wo ich gerade bin auf der Welt, eine Bar mit Live-Übertragung zu finden.

          Welche historische Person würden Sie gerne treffen?

          Willy Brandt – eine hochgradig interessante Figur.

          Tragen Sie Schmuck? Und eine Uhr?

          In letzter Zeit trage ich eine Rolex, als Markenbotschafter. Im Sommer lege ich alles ab. Auch weil sich dann Zeitvorstellungen etwas ändern.

          Haben Sie einen Lieblingsduft?

          Das Meer. Und die altmodischen Eau de Colognes, wie sie von älteren spanischen Männern getragen werden. Die Mischung aus einem Hauch exotischer Süße und dem Geruch von Zigarren gefällt mir. Bei dem Duft werde ich nostalgisch.

          Was war Ihr schönstes Ferienerlebnis?

          Wir fahren seit 25 Jahren immer nach Spanien. Es ist unsere kleine entspannte und geschützte Welt. Genau genommen ist es kein Urlaub. Wir arbeiten dort auch.

          Auf welchem Konzert waren Sie zuletzt?

          Meine Frau und ich gehen eher ins Theater. Wir versuchen, so viele Produktionen wie möglich von Thomas Ostermeier zu sehen. Ich halte ihn für ein absolutes Genie.

          Was fehlt Ihnen zum Glück?

          Mehr Zeit mit meiner Familie.

          Was trinken Sie zum Abendessen?

          Wein. In Galicien gibt es einen phantastischen Albariño. Ach ja: Der ist immer im Kühlschrank.

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