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Filmreif

CHRISTIANE HEIL (Text)
MALTE SÄNGER (Fotos)

24. November 2022 · Im Academy Museum in Los Angeles sind einige der berühmtesten Requisiten der Filmgeschichte zu sehen. Wie sie erhalten werden, ist eine Kunst für sich.

Die wenigsten Besucher verirren sich in das Untergeschoss des Academy Museum. Das liegt schon an dem, was der Bau an der Miracle Mile in Los Angeles über der Erde zu bieten hat. Den Holzschlitten Rosebud aus Orson Welles' Klassiker „Citizen Kane“ zum Beispiel, eine Leihgabe des Filmemachers Steven Spielberg. Oder das berühmte Blumenkleid, das die Schauspielerin Florence Pugh als Maikönigin in Ari Asters Horrordrama „Midsommar“ trug. Und den mit Wunden übersäten Silikontorso, den Leonardo DiCaprio nach dem Bärenangriff in dem Historienthriller „The Revenant – Der Rückkehrer“ während der Dreharbeiten täglich anlegte – eine Kreation der Kostümbildnerin Siân Grigg mit Brusthaar, blasser Haut und versteckten Schläuchen, um DiCaprio auf seinem Weg in die Zivilisation immer wieder bluten zu lassen.

Die Relikte der Filmkunst stehen oben, in den Glasvitrinen des Museums der Academy of Motion Picture Arts & Sciences (AMPAS), in warmem, fast andächtigem Licht. Unten, im Keller des historischen Baus, werden die Besucher von kaltweißen Neonstrahlen empfangen. Durch zahlreiche Brandschutztüren geht es in einem Labyrinth von Fluren zu den zumindest auf den ersten Blick glanzlosesten Räumen des Museums, ins Restaurierungsatelier. „Besucher“, sagt die Kuratorin Jessica Niebel, „empfangen wir hier unten eher selten. Genau genommen nie.“

Im Untergrund: Im Atelier im Keller des Museumsbaus werden alte Filmrequisiten von Restauratoren vor dem Verfall bewahrt.

Dabei zählt das nach der Hollywood-Diva Debbie Reynolds benannte Atelier zu den Herzstücken des Academy Museum. Schon vor der Eröffnung im September hatte die amerikanische Filmakademie angekündigt, nicht nur Requisiten, Kostüme und Kamera-Equipment auszustellen. Amerikas größtes Filmmuseum soll auch helfen, Relikte aus mehr als 100 Jahren Hollywood-Geschichte zu retten. "Viele Stücke haben Jahrzehnte auf Dachböden oder in Kellern verbracht, sind verstaubt, beschädigt oder brüchig geworden", sagt Niebel.

Im Detail: Die Arbeit der Restauratoren beschränkt sich aufs Nötigste – die Stücke sollen möglichst nah am Original bleiben.

Auch dem Gummikopf mit den blutunterlaufenen Augen, der in den Katakomben auf einer Art Seziertisch liegt, scheint es nach seinem Auftritt in dem Vampirfilm „Salem 2 – Die Rückkehr“ nicht sehr gut ergangen zu sein. Nach mehr als 35 Jahren weist er Risse und Löcher auf, am Kunstblut klebt Papier. Gemeinsam mit ihrem Team hat die Restauratorin Sophie Hunter das Requisit unter ultraviolettem Licht untersucht, mit dem Skalpell Materialproben genommen und unter dem Mikroskop analysiert. Jetzt steht Hunter eine Gratwanderung zwischen Konservierung und Restauration bevor. Wie andere Filmrequisiten soll auch der Gummikopf ein Original bleiben, muss aber vor weiterem Verfall gerettet werden. Wie neu, sagt Hunter, dürfe das Ungetüm daher auch nach der Behandlung nicht aussehen. „Wir wollen Hollywoods Geschichte erhalten, nicht perfektionieren“, umreißt die Historikerin mit Chemiestudium die Idee des Academy Museum.

Den Gummikopf aus „Salem 2“ rettet Hunter mit Schaum und Spachtelmasse. Dass Requisiten nicht für das Museum gedacht waren, sondern nach dem Einsatz am Filmset traditionell in die Mülltonne wanderten, macht ihre Arbeit nicht leichter. „Die Materialien waren nicht für die Ewigkeit ausgelegt. Sie mussten nur für die kurze Zeit der Dreharbeiten gut aussehen. Sie zu konservieren ist immer wieder eine Herausforderung, besonders, wenn die Requisiten erst nach Jahrzehnten zu uns kommen.“


DEBBIE REYNOLDS’ IDEE

Die Erste, die erkannte, dass Elizabeth Taylors ausrangierte „Cleopatra“-Kostüme zu mehr als Putzlappen taugten, war Debbie Reynolds. Als Hollywoods selbsternannte Kuratorin ersteigerte die Schauspielerin 1970 bei der Auflösung des Fundus der MGM Studios Hunderte Requisiten, Instrumente und Kostüme. In den folgenden Jahrzehnten sammelte Reynolds weiter: Charlie Chaplins Melone, den Flügel, an dem Elvis in seiner Villa in den Holmby Hills spielte, die Roben, die Barbra Streisand in „Hello, Dolly!“ trug, die Kamera, mit der George Lucas „Star Wars“ drehte. Reynolds, durch Rollen in Filmmusicals wie „Singin' in the Rain“ und „Tammy“ selbst eine Hollywood-Legende, hoffte, die Filmakademie zu einem gemeinsamen Museum überreden zu können. Doch die Academy lehnte ab – nicht nur einmal, wie Reynolds sich später erinnerte, sondern fünfmal.

Eine große Nachbildung des Oscars ist im Schaufenster des Academy Museum of Motion Pictures zu sehen.
Eine große Nachbildung des Oscars ist im Schaufenster des Academy Museum of Motion Pictures zu sehen. Foto: LAT/Polaris/Laif

Ende der Neunzigerjahre, nachdem sie mit einer eigenen Ausstellung in der Spielerstadt Las Vegas gescheitert war, begann sie, die Memorabilien zu verkaufen. Nach Reynolds' Tod 2016 wurde die Academy schließlich bei ihrem Sohn Todd Fisher vorstellig. Welche Stücke aus der Sammlung seiner Mutter er dem Museum überließ, bleibt ein Geheimnis. Dass die Akademie das Engagement der damals Vierundachtzigjährigen zumindest postum anerkennt, lässt sich im Keller des Academy Museum ablesen. „Debbie Reynolds Conservation Studio“ heißt es dort, wenn auch dezent in weißen Lettern auf weißer Wand.

Auf dem fast zehn Meter langen Arbeitstisch hinter der Tür liegen Sandsäckchen und Glasplatten neben buntbemalten Pappstreifen. Auf den Streifen sind Sequenzen von Bewegungsabläufen zu erkennen: eine Tänzerin in rotem Kostüm beim Balancieren auf dem Seil, ein Mädchen beim Hühnerfüttern, ein Reiter, der mit seinem Pferd eine Hürde nimmt. Die sogenannten Animation Strips gehörten zu einem Zoetrop, einem Vorläufer des Filmprojektors, sagt die Kuratorin Niebel. Auch sie brauchen Auffrischung. Mit Lupe und Wattestäbchen werden die handbemalten Bildchen gereinigt, bevor sie im zweiten Stockwerk des Museums in der Ausstellung „The Path To Cinema“ gezeigt werden.

Besucher betrachten bei der Eröffnung der Ausstellung die historischen Oscar-Skulpturen.
Besucher betrachten bei der Eröffnung der Ausstellung die historischen Oscar-Skulpturen. Foto: LAT/Polaris/Laif

„Viele der Streifen stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dürfen dem Licht nicht zu lange ausgesetzt werden“, erklärt Niebel das Rotationsprinzip der Vitrinen. Nach einigen Monaten unter dem künstlichen Licht der Glaskästen werden die Sammlerstücke ausgetauscht, um sie zu schonen. Es sei eine Herausforderung, sagt die gebürtige Hessin, die richtige Balance zu finden zwischen Konservierung und Ausstellung. „Wir als Kuratoren wollen die Relikte des Filmemachens möglichst vielen Besuchern zeigen. Den Restauratoren geht es in erster Linie um den Erhalt der Stücke, am besten ohne zu viel Licht und bei konstanter Temperatur“, sagt Niebel. „Beides unter einen Hut zu kriegen, ist manchmal schwierig.“

Der Wechsel der Exponate hat sich als Kompromiss erwiesen, mit dem alle leben können. Auf dem turnusmäßigen Weg aus dem Lager in die Glasvitrine macht gerade neben den Animation Strips auch eine Peep Show, ein mehr als 150 Jahre alter Holzkasten mit Guckloch, Station im Restaurierungsatelier. Das braune Papier, in das der Kasten eingeschlagen ist, löst sich an den Ecken. Die Zeichnung eines Jungen, der auf der Vorderseite des Kastens vor einer Winterlandschaft Vögel füttert, ist gerissen. Auch das postkartengroße Bild eines mittelalterlichen Schlosses, als Hintergrund der Peep Show gedacht, wellt sich auf der ganzen Breite. Das Stück aus dem Privatmuseum des verstorbenen Amerikaners Richard Balzer, wohl die größte Sammlung aus der Zeit vor der Erfindung der Kinematographie, benötigt an diesem Tag besonders viel Zuwendung. Die Fasern des Papiers sind über die Jahrzehnte brüchig geworden, bunte Schimmelpilze machen sich breit. Papier, sagt Hunter, egal ob aus Cellulose- oder Holzfasern, sei ein empfindliches Material. Raumtemperaturen von mehr als 18 Grad setzten ihm ebenso zu wie Luftfeuchtigkeit.

Wie im Film: Im Museum der Academy of Motion Picture Arts & Sciences wird Hollywoods Vergangenheit lebendig.

Mit Calciumhydroxid neutralisiert die Restauratorin unerwünschte Säuren in der Verkleidung des historischen Guckkastens. Risse und Löcher stabilisiert sie mit hauchdünnem, transparentem Japanpapier.“ Es geht darum, sich auf das zu beschränken, was nötig ist. Wir versuchen, möglichst nah am Original zu bleiben“, sagt Hunter. Tom Hanks, Hollywood-Star, Oscar-Preisträger und einer der Granden des Academy Museum, wird es freuen. Die Ausstellung „Der Weg zum Kino“ mit Vorläufern der modernen Filmkunst wie Camera obscura, Peep Show und Laterna magica hat der „Forrest Gump“-Darsteller zu seinem Lieblingsort in dem fast 30.000 Quadratmeter großen Museum erkoren.


JUDY GARLANDS PUMPS

Wie viel Restaurationsarbeit in einigen Exponaten steckt, bleibt den Besuchern des früheren May Company Building meist verborgen. Niebel erinnert sich noch gut an die Rettung der rubinroten Pumps, die Judy Garland vor mehr als 80 Jahren in dem Filmmusical „Der Zauberer von Oz“ trug. „Der Mix aus Leder, Seidenfaille, Strass, Glasperlen, Filz und Pailletten war kompliziert. Die einzelnen Materialien altern unterschiedlich und dehnten sich mit den Jahrzehnten unterschiedlich aus. Als die Ruby Slippers zu uns kamen, hatten sie Risse, viele der Pailletten fehlten“, sagt die Kuratorin. Der Gedanke, eines der berühmtesten Requisiten der Filmgeschichte auf dem Restaurationstisch zu sehen, ließ das Team des Debbie Reynolds Conservation Studios noch vorsichtiger als sonst zu Werke gehen. Die Geschichte des „Zauberers von Oz“, Hollywoods Version von L. Frank Baums Phantasieroman „The Wonderful Wizard of Oz“, gehört nicht nur seit Generationen zu den beliebtesten Familienfilmen in den Vereinigten Staaten. Als eine der ersten Produktionen in Technicolor zählt der Film auch zu den technischen Highlights der amerikanischen Filmindustrie.

In neuem Licht: Zu den prominentesten Ausstellungsstücken zählen Judy Garlands Pumps aus dem Filmmusical
In neuem Licht: Zu den prominentesten Ausstellungsstücken zählen Judy Garlands Pumps aus dem Filmmusical "Der Zauberer von Oz".

Dass die Ruby Slippers den Weg in das Academy Museum fanden, verdanken sie Leonardo DiCaprio. Zusammen mit Steven Spielberg hatte der Oscar-Preisträger vor zehn Jahren unter Filmschaffenden gesammelt, um die Schuhe zu ersteigern, die Garland als Dorothy auf dem gelben Ziegelsteinweg trug. Dann begann die Arbeit. Mit Mikro-Röntgenfluoreszenz und FTIR-Spektrometer wurden die einzelnen Materialien untersucht, um herauszufinden, wie sie am besten zu konservieren waren. Anschließend wurden lose Fäden wieder durch die Originallöcher gezogen, die Sohle wurde an einigen Stellen neu verklebt. Die Pailletten, mehr als 2000 je Schuh, benötigten besondere Pflege. „Unter dem Mikroskop haben wir jedes einzelne der Kunststoffplättchen mit Pinsel und Pipette gereinigt, lockere Plättchen wurden wieder arretiert“, sagt Hunter. Bei verlorengegangenen Pailletten hielt sie sich zurück. „Es geht um Authentizität, nicht um Vollkommenheit.“

Die Ruby Slippers, eines von fünf erhaltenen Paaren, strahlen heute in einem Glaskasten des Academy Museum – unter rötlichem Licht, bei etwa 20 Grad und nur, wenn sich Judy Garlands ikonische Pumps nicht gerade in einem gut gekühlten Safe erholen. Debbie Reynolds, die selbst ein Paar der rubinroten Schuhe besaß, hätte es gefallen.


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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 24.11.2022 15:13 Uhr