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Wie wir leben wollen – Das Bett

Illustration: Simon Landrein

Alles verändert sich, das Arbeiten, das Zusammenleben, die Familien – aber wohnen sollen wir wie vor fünfzig Jahren, als Kleinfamilie und lebenslange Angestelltenverhältnisse noch die Norm waren. Sind sie aber nicht mehr, und deshalb muss das Wohnen neu gedacht, anders geplant und erfunden werden. Wobei man am besten mit dem Bett anfängt, mit der Frage also, wo, wie und mit wem man schläft.

20.09.2018

Text und Protokolle: CAROLIN WIEDEMANN & NIKLAS MAAK
Fotos: MARKUS JANS

Vermutlich begann das „Wohnen“ damit, dass jemand sich ein paar Blätter zusammenschob und sich in den weichen Haufen hineinlegte. So machen es noch heute die Berggorillas: Sie bauen sich abends ein Bett. Vermutlich kam das Bett noch vor der Feuerstelle, vor dem Dach, vor der Schutzwand.

Und wenn sich auch seitdem alles änderte, ein Bett gab es immer. Man kann an einem Haus viel weglassen, die Flure, die Fenster – aber nicht die Möglichkeit, sich schlafen zu legen. Alle heute bekannten historischen Wohnbauten haben Schlafstätten. Was nicht heißt, dass die sich in ihrer Form nicht verändern, im Gegenteil: Nirgendwo bildet sich der Wandel der Gesellschaft so deutlich ab wie dort, wo man sich zum Schlafen hinlegt. Wer die Zukunft des Wohnens verstehen will, muss auch die Geschichte des Bettes, der Ruhestätten und Rückzugsräume anschauen – schon um zu begreifen, dass das eigens fürs Schlafen abgetrennte Zimmer mit einem Einzel- oder Doppelbett, in dem andere als die Benutzer dieser Betten nichts zu suchen haben, eine kulturell relativ neue Erfindung ist.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Im Mittelalter war es durchaus üblich, dass sich im selben Bett „Eltern, Onkel, Tanten, Sklaven und Diener drängten, und, sehr zum Missfallen der Kirche, häufig mehr als zehn Personen splitternackt und kunterbunt durcheinander schliefen“, schreibt Pascal Dibie in seiner „Geschichte des Schlafzimmers“. Madame du Maine ließ während ihrer Schwangerschaft in ihrem Schlafzimmer Maskenbälle veranstalten, Franz I. von Frankreich erwies seinem General die allerhöchste Ehre, indem er mit ihm ein Bett teilte; und noch um 1600 ehrte Heinrich IV. den Philosophen Montaigne auf die gleiche Weise: Die geistige Nähe wurde von der körperlichen bestätigt und befördert.

Erst im 19. Jahrhundert zogen bürgerliche Schamund Privatheitsvorstellungen in den Schlafraum ein, es wurden Einzelzimmer eingeführt, und in den fünfziger Jahren zog Erica Pappritz, die Protokollchefin von Konrad Adenauer, in ihrem Benimmbuch „Die kleine Etikette“ sogar gegen Doppelbetten in den Krieg: Sie seien „zwar hübsch anzusehen“, aber unzweckmäßig, „zwei Einzelbetten – in einem gewissen Abstand voneinander aufgestellt – werden zweckmäßiger sein. Sie haben den Vorzug, in Krankheitsfällen die notwendige räumliche Trennung zu ermöglichen.“ Das Schlafzimmer wurde vom Krankheitsfall, nicht von der Lust her gedacht.

Wir brauchen mehr Spielwiesen – wie hier inszeniert im Terrassenhaus Berlin von Brandlhuber+Emde, Burlon & Muck Pezet

Das luxuriöse Doppelbett dagegen war Inbegriff extremer Dekadenz, es stand für ein Leben, wie es Zsa Zsa Gabor führte, die über ihr Zusammensein mit Porfirio Rubirosa schrieb: „Wir schlafen bis elf Uhr, dann fahren wir mit Rubis Mercedes auf die Champs Élysées und essen Austern. Nach dem Polo fahren wir dann nach Hause, um ein paar Stunden miteinander zu schlafen.“ Die Hippie-Variante dieser Verweigerung der Anstands-, Anstrengungs- und Entsagungsrituale einer bürgerlichen Leistungsgesellschaft war Yoko Onos und John Lennons Doppelaktion „Hair peace, bed peace“, das wohl folgenreichste Happening in der Geschichte der neueren Innenarchitektur. Ono fand: „Es ist doch besser, statt Krieg zu machen, im Bett zu bleiben.“ Und das taten sie dann eine Woche, und die Haare wollten sie sich dabei wachsen lassen, bis Friede sei. Seitdem galt das Bett einer ganzen Generation als Ort, an dem man den ganzen Tag leben kann, der Sofas und Tische ersetzt, und das blieb so, bis die Yuppies der achtziger Jahre den Futon einführten und das Bett zu einem beinharten Performance-Center umdeklarierten, in dem die gleichen Regeln galten wie an der Wall Street. Die linksliberalen Ideale wurden vom neokonservativen Wirtschaftspragmatismus abgelöst – und wieder zeigte sich der ideologische Wandel nirgendwo deutlicher als im deutschen Schlafzimmer.

Heute werden die neuesten Bettenwerbungen von Menschen bevölkert, für die das Bett nicht mehr der Ort ist, an dem man von der Arbeit ausruht oder Spaß hat, sondern der Arbeitsplatz selbst: Von hier aus wird gemailt, verkauft, telefoniert, gegoogelt, das Bett ist eine Art weicher Schreibtisch, das Intimste ist zum Ort der öffentlichen Kommunikation geworden. Was tut jemand, der in seinem privaten Zimmer sieben Stunden lang Mails und SMS verschickt, geskypt und telefoniert hat, wenn er mal ohne Smartphone auf die Straße geht, um den Kopf freizubekommen und für sich zu sein? Geht er dann aus dem privaten in den öffentlichen Raum, oder ist es nicht eher umgekehrt? Die Begriffe zur Beschreibung von innen und außen, privat und öffentlich erodieren.

Das ist eine der beiden zentralen Herausforderungen, eine der Entwicklungen, die das Wohnen verändern werden. Die Erosion von Innen und Außen wird uns ermöglichen, besser, schöner zu wohnen, als wir es uns bislang denken konnten. Die andere Entwicklung lässt uns gar keine Wahl: Sie zwingt uns dazu, anders zu wohnen, wenn wir in Zukunft gut zusammenleben wollen.


Das Leben ändert sich. Das Bett dient nicht mehr nur der Ruhe und dem Spaß. Von hier aus wird gemailt, verkauft, telefoniert, es wird zu einer Art von weichem Schreibtisch, das Intimste ist zum Ort öffentlicher Kommunikation geworden.
MAX MUSTERMENSCH

Denn während die einen heute im Bett arbeiten, haben immer mehr Menschen beides nicht: weder Arbeit noch Bett. 2018 sind in Deutschland mehr Menschen obdachlos als je zuvor, und es werden immer mehr. Immer mehr Menschen können sich nicht zurückziehen und die Türe schließen, weil sie sich den Raum dahinter nicht leisten können. Wer wie wo schläft, zeigt auch an, wie die Menschen ihr Zusammenleben organisieren, wie fürsorglich sie miteinander sind, ob sie sich umeinander kümmern oder ob sich jeder nur um seinen eigenen Schlaf sorgt.

Mehr als eine Million Menschen ist in Deutschland wohnungslos. Die Hälfte davon sind Geflüchtete, die in Not- und Sammelunterkünften ohne jede Intimsphäre ausharren müssen und im WG-Casting gegen die fünfzig Mitbewerber sowieso keine Chance haben. Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum reicht nicht, der Sozialwohnungsbestand ist seit 1990 um 60 Prozent gesunken. Kommunen, Bundesländer und der Bund haben eigene Wohnungsbestände an private Investoren verkauft.

So kommt es auch in den deutschen Städten zur Krise. In Global Citys wie San Francisco oder Hongkong sowieso, also dort, wo alle hinwollen und hinziehen. Ob sie vom Land kommen oder aus einem anderen Land. In großen Städten wie diesen müssen, nach einer Studie der Unesco, in den kommenden zwei Jahrzehnten weltweit eine Milliarde Wohneinheiten gebaut werden, um alle Neuankommenden zu behausen.

In Stuttgart kostete eine Eigentumswohnung nach Angaben der Stadtverwaltung im Jahr 2010 noch 1880 Euro pro Quadratmeter, vor einem Jahr waren es schon 3425 Euro. Der Mittelwert für Neuvermietungen in den Städten ist von 2008 bis heute im Schnitt um mehr als 34 Prozent gestiegen, in München waren es 40 Prozent, in Berlin noch mehr; wer im Berliner Stadteil Kreuzberg-Friedrichshain Grund erwerben wollte, musste 2017 vier Mal so viel zahlen wie ein Jahr zuvor, in Tempelhof-Schöneberg hat sich der Bodenpreis verdreifacht, in der Hauptstadt sind die Wohnungen 159 Prozent teurer als vor zehn Jahren, und die Folgen sind, ob in Frankfurt oder Hamburg, offensichtlich: Junge Eltern müssen beide arbeiten, um die Wohnung zu finanzieren, was auf der Seite der Kinderbetreuung zu Engpässen führt. Nicht nur Geringverdiener, sondern auch das bürgerliche Milieu, Ärzte, Anwälte, können sich in der Stadt nichts mehr leisten, von den Geringverdienern, die zur Lebendigkeit einer lebenswerten Stadt beitragen, den Ladenbesitzern, Angestellten, Arbeitern, Rentnern und Handwerkern, ganz zu schweigen.

Muss eine Wohnung einen Flur, ein Wohnzimmer, ein Kinder- und ein Schlafzimmer haben?

Sie alle werden vertrieben; die Innenstädte werden zu Hochpreisgettos, in denen sich strahlend weiße Luxuswohnanlagen wie begehbare Anlagedepots aneinanderreihen, die Unterbringung der Restbevölkerung wird unter anderem an Discounter wie Aldi oder Lidl delegiert, die sich ihre Kunden in Zukunft aufs Dach ihrer Supermärkte bauen dürfen, und die Geflüchteten werden gleich nebenan in Bauten mit dem sprechenden Namen „MUF“ – für „modulare Unterbringung für Flüchtlinge“ – eingehaust: So baut man soziale Sprengsätze.

So baut man in São Paulo, wo sich wenige extrem Reiche in edlen Wohngettos verschanzen und die Armen draußen in den Favelas sitzen; der Preis dieses abgeschotteten Wohnens ist die ständige Angst davor, dass einem an der nächsten roten Ampel jemand eine Pistole an die Scheibe hält: ein Leben hinter Panzerglas.

Was lange den sozialen Frieden garantierte, die soziale, ethnische, kulturelle Durchmischung der Städte, das enge Miteinander von Communitys, wird aufgekündigt und per Gehaltsnachweis sortiert: Drinnen ist Porsche-Town, draußen Aldi-Ville, und vor der Stadt sitzt der Mittelstand in curryfarbenen wärmegedämmten Massivhäusern, aus deren Lochfenstern erschöpfte Kleinfamilien herausschauen, die sich auf dem Weg durch den Pendlerstau an der Tankstelle „Haus und Garten“ kaufen oder eines der anderen zahllosen Wohnmagazine, die „Country“ heißen oder „Schöner Wohnen“ oder „zuhause wohnen“ (wo denn sonst?). Bis der Sprengsatz explodiert. Wie kann die Zukunft des Wohnens in Zeiten extremen sozialen, ökonomischen und ökologischen Drucks aussehen? Um die Stadt als soziales Konstrukt zu retten, muss bestehender Wohnraum umverteilt und neuer geschaffen werden.

Und dieser neue Raum muss anders gestaltet werden: Das, was bislang gebaut wird, entspricht nicht dem sozialen, technologischen und demographischen Wandel der Gesellschaft. Man bekämpft die neuen Probleme mit alten Rezepten: Wir bauen Häuser für Fünfziger-Jahre-Menschen. Wir bauen für „junge Familien“, wo der Vater ganztags arbeitet und die Mutter halbtags – aber die machen in Ballungsräumen wie Hamburg oder Berlin nur noch 20 Prozent der Bevölkerung aus. Die anderen sind Alleinstehende, Alleinerziehende, Rentner, Menschen mit verschiedenen Wünschen, Herkünften, die sich vielleicht gar nicht in die dominierenden zwei Unterbringungsformen – Singles und Kleinfamilien – einsortieren lassen.

Dieser Mangel ist ein Problem. Die Räume, die eine Gesellschaft für das Wohnen zur Verfügung stellt, normieren die Lebensentwürfe: Die Häuser ermöglichen bestimmte Vorstellungen vom Leben und erschweren andere. Häuser sind nie neutral. Sie geben das Leben vor, das in ihnen stattfinden wird: Man zieht in eine Studentenwohnung, sucht sich eine Arbeit und einen Partner und bekommt Kinder und zieht in eine Etagenwohnung mit vier Zimmern oder in ein Häuschen in der Vorstadt, später geht es ins Altersheim. Für diesen Lebensentwurf wird gebaut. Das Triumphgetöse der guten Absichten, die Rührung der Politiker, die den von Wohnungsnot geplagten Städtern entgegenrufen „wir bauen für junge Familien“, übertönt, dass anderen Lebensentwürfen kaum Raum gegeben wird: Wo sollen acht Achtzigjährige wohnen, die zusammenleben und nicht ins Heim wollen? Wo sollen eine Alleinerziehende, zwei Männer und eine ältere Dame, die zusammenleben möchten, in einer Großstadt ein Haus finden? Wo können Freundeskreise einen Bau finden mit einem riesigen Garten, in dem zehn Kinder geschützt zusammen spielen können, was den Eltern erlauben würde, sich die Betreuung zu teilen, anstatt sie in der unterbesetzten Spätbetreuung der Kita vermodern zu lassen?


Wir bauen Häuser für Fünfziger-Jahre-Menschen. Wir bauen für „junge Familien“, wo der Vater ganztags arbeitet und die Mutter halbtags – aber die machen in Ballungsräumen wie Hamburg oder Berlin nur noch 20 Prozent der Bevölkerung aus.
MAX MUSTERMENSCH

Das geht alles nur mit sehr viel Geld. Selbst die viel gepriesenen Baugruppenhäuser, in denen Ansätze für solche neuen Formen des Zusammenlebens erprobt werden, sind meistens Gettos des kreativen Mittelstands: Der Anteil an Armen, Migranten, Arbeitern ist verschwindend gering, so entstehen elegantere Formen von Gated Communitys, die ihre Gemeinschaftsdachterrassen sorgsam von den weniger privilegierten Nachbarn abschotten. Das Wohnen wird immer konservativer: Je drastischer sich draußen alles ändert – die Arbeit, die Kommunikation, die Bevölkerungsstruktur –, desto mehr wird Wohnraum als Rückzugsinsel definiert. Die Sofas und Betten und Gardinen in den Wohnzeitschriften sehen aus wie weiche Festungsanlagen, hinter denen man sich zitternd und erschöpft vor den Zumutungen der Welt verschanzt.

Wie aber sollen Häuser aussehen, in denen der Wandel der Gesellschaft nicht als Zumutung, sondern als Chance erlebt werden kann; in denen die sozial, ökonomisch und ökologisch notwendige Reduktion auf weniger Raum nicht als Verlust, sondern als Befreiung empfunden wird, in denen weniger Arbeit nicht Vereinsamung, sondern mehr Freude bedeutet?

Muss eine Wohnung einen Flur, ein Wohnzimmer, ein Kinder- und ein Schlafzimmer haben? Der Grundriss gibt das Leben vor, kanalisiert die Gefühle. Das Kind muss abends ins Kinderzimmer, obwohl es nicht will – weil es nun mal ein Kinderzimmer hat. Man muss das Kind schreien lassen, es muss sich daran gewöhnen, allein in seinem Zimmer zu schlafen, wo es doch eins hat … In den Räumen hängt noch die schwarze Disziplinierungsideologie des späten 19. Jahrhunderts.

Dass alle getrennt schlafen, ist eben eine recht junge Erfindung, wie weitere Beispiele aus Dibies eingangs erwähnter „Geschichte des Schlafzimmers“ zeigen. Vor dem 19. Jahrhundert war eher das „ganze Haus“, in dem Handwerker und Gesellen, Bauern, Knechte, Mägde und andere zusammenwohnten, die Regel. Und die Mehrheit der Menschen auf der Welt schläft sowieso mit der ganzen Familie in einem Raum.

Hier aber erweitern und verfeinern sich die Disziplinierungsstrategien der spätkapitalistischen Effizienzgesellschaft: Von welchem Monat an das Baby wie lange allein schlafen muss, wird in ungezählten Internetforen besprochen, und wer die Schlafdauer des eigenen Kindes nicht voll erfasst, scheint ihm bereits die Karriere zu verderben. Wer kein Kind überwacht, muss sich der eigenen Karriere halber sorgen und an sich selbst kontrollieren, wann er wie tief geschlafen hat. Nicht mehr nur die Schlafzimmer sind funktional durchstrukturiert, auch der Schlaf kann in diesen Tagen optimiert werden. Wir brauchen aber weniger Sleeptracker. Und mehr Wärme.

Ob zu Hause gearbeitet wird, ob ein Bett auch als Büro genutzt wird, ist für die Frage, wie gewohnt und gebaut werden soll, nicht egal. Die technologischen Entwicklungen lassen die klaren Trennlinien zwischen Innen und Außen, privatem und öffentlichem Raum zerlaufen. Das kann eine Bedrohung sein – etwa dann, wenn überall gearbeitet werden muss, Dauererreichbarkeit verlangt wird und das Schließen der Haustür nicht mehr bedeutet, dass die Arbeit vorbei ist –, aber auch eine Chance: Kann man sich einen Raum vorstellen, der keines der Elemente aufweist, aus denen ein Haus normalerweise besteht (Wand, Tür, Fenster, Zimmer), und der dennoch, oder sogar besser bewohnbar ist?

Wohnungen sollten ganz Bett werden, in denen man herumkugeln und rutschen, sich hinter Pflanzen verstecken und die Wände hochklettern kann.

Ein Architekt, der vier Kinder aus erster Ehe und zwei Kinder mit seiner neuen Freundin hat, konnte sich nicht genug Zimmer leisten, um alle Kinder unterzubringen, wenn sie gleichzeitig bei ihm waren. Er kaufte sechs Tipi-Zelte und sechs Matratzen: Die Kinder können sich ihre Schlafinsel in der Wohnung aufbauen, wo sie wollen. Wenn sie sich gut verstehen, bauen sie ihre Zelte alle in der Mitte des Wohnzimmers auf. Man kann von diesem Modell etwas lernen.

Es gibt zu viele matte Wohnungen, in denen alle Räume gleich aussehen. Das Wohnen muss radikaler werden – mit Räumen, die das Bedürfnis, allein, für sich zu sein, noch besser bedienen, und Räumen, in denen man besser zusammen sein kann.

Häuser müssen mehr wie Parks sein. Mehr Draußen im Drinnen. Wohnungen, die ganz Bett werden, in denen man herumkugeln und rutschen, sich hinter Pflanzen verstecken und die Wände hochklettern kann. Der japanische Architekt Sou Fujimoto baut seine Häuser gleich wie Bäume: mit dreißig Plateaus, die über kleine Treppen verbunden sind, statt normaler Etagen. Hier kann sich das Leben der Bewohner anders einnisten.

Warum sollte darin jeder eine Riesenküche für sich, einen privaten Esstisch für 15 Leute haben? Sind Paris und Manhattan nicht auch deshalb so lebendig, weil die Wohnungen klein sind und man auch draußen, in Cafés und Parks wohnt?

Ein wirklich neues Wohnen braucht auch mehr Drinnen im Draußen, mehr große Tische im Freien. Mehr Open-Air-Küchen wie in Seoul und Taipeh. Mehr Freibäder, weniger Wellness-Oasen. Mehr Tischtennisplatten, weniger Shoppingmalls. Die Menschen sollen öfter mittags im Gras der Parks schlafen, wie es die Japaner machen, und sich auch dort draußen allein, zu zweit, zu dritt oder zu viert zurückziehen können. Draußen, jenseits der abgeschlossenen Gebäude, braucht es nicht nur mehr Spielwiesen, Gemeinschaftsgärten und Tischtennisplatten, in den Parks und an den Straßenecken müssen auch kleine Höhlen der Intimität angelegt werden, wie es zurzeit in New York und Tokio erprobt wird mit den sogenannten Napcabs – Kokons, in denen sich Verliebte aneinander schmiegen und Erschöpfte erholen können.

Das Wohnen ist von der Frage der Arbeit nicht zu trennen. Städte, die Ordnung der Räume, des privaten wie des öffentlichen Raums, waren immer um die Erfordernisse der Arbeit herum strukturiert. Die Großstädte der Moderne und ihre Schlafkasernen entstanden als Folge der Konzentration von Arbeitskräften in Fabriken. Die Surburbia der Nachkriegsmoderne war eine Folge des Anstiegs des tertiären Sektors, die Angestellten fuhren morgens in die Bürotürme im Zentrum.

Es gibt zu viele matte Wohnungen, in denen alle Räume gleich aussehen. Das Wohnen muss radikaler werden. Mit Räumen, die das Bedürfnis, allein zu sein, besser bedienen, und Räumen, in denen man besser zusammen sein kann.

Digitalisierung und Robotisierung werden viele Dienstleistungsbauten der Moderne, Postämter, Shoppingmalls, Bürotürme in Ruinen verwandeln. Auch in diesen Ruinen kann sich ein neues Wohnen einnisten. Die riesigen Etagen sind enorme Ressourcen; sie sind selbst überdachte Parks, in denen man Zellen für das Private, den Rückzug, die Intimität aufstellen kann, und die ansonsten, als Wohnlandschaft, genügend Raum bieten, um zusammen zu kochen, andere Menschen zu treffen, Kinder gemeinsam aufzuziehen, in größeren Gruppen zu leben, zu feiern, anders zu erziehen, entschlossener zusammen und entschlossener allein zu sein.

Bei dem, was gebaut wird, muss gefragt werden: Wer hat Interesse daran, dass Wohnen so aussieht, wie es aussieht? Das, was in Magazinen als Wohnen verkauft wird, bildet vor allem die Interessen der Massivhaus- und der Möbelindustrie ab, welche die Verunsicherung und Erschöpfung der burn-out-geplagten, für die Miete im Akkord ackernden Bevölkerung ausnutzen.

Es gab immer wieder Versuche, das Wohnen ganz neu zu denken. Für einen kurzen Moment schien das Ende des Möbelstücks an sich eingeleitet; das ganze Wohnzimmer wurde Bett, allerdings ein schräges, eine Düne aus Samt, wie sie sich der Architektur-Utopiker Claude Parent baute. Parent, 1923 geboren, war der radikalste Wohnumdenker des vergangenen Jahrhunderts. Er schrieb mit dem Philosophen Paul Virilio Pamphlete wie „Vivre à l’Oblique“ – das Leben auf der Schräge. Bis zu seinem Tod 2013 sprach er mit einer ungebrochenen Begeisterung davon, wie dieses Leben auf der Schräge die sozialen Beziehungen dynamisieren und in andere Richtungen lenken könne: „Überlegen Sie mal, wie langweilig es in unseren Häusern zugeht. Das Kind sitzt im Kinderzimmer. Der Hausherr auf dem geerbten Sofa. Wir sind vollkommen übermöbliert. Wie wäre es dagegen, wenn man Raum spielerischer auffasste, freier, wenn Bewegung und Dasein im Raum auch Klettern, Liegen, Rutschen bedeuten könnte?“ Was würde mit einem passieren, wenn man sich anders gruppiert, als die sozialen Vorgaben von Stuhl, Tisch, Sofa, Bett es verlangen?

In dieser Auflösung von Kategorien und Ordnungssystemen wollte Parent eine neue Freiheit entdecken. Das Haus wurde wieder Landschaft; man saß und rollte wie eine Gorillahorde am Hang herum – was auch ein soziodynamisches Zeichen war in einer Zeit, die das gemeinsame öffentliche Neben- und Durcheinanderliegen noch als sittliche Fragwürdigkeit empfand.

Parents Tochter Chloé schreibt: „Ich lief mit meinem Hund über die Rampen, ließ Murmeln herunterkugeln – meine Eltern hatten alle Möbel aus dem Haus verbannt, es gab fast keine Türen, man lag auf Plateaus und in Höhlen … Nach dem Tag, an dem die Handwerker kamen, um die Rampen einzubauen, wurde das Außergewöhnliche mein Alltag. Es war aufregend für mich als Kind. Ich gehörte nicht mehr zu der bourgeoisen Welt, in der man wertvolle Stilmöbel von seinen Vorfahren erbte und an Tischen aß, die von sechs hohen Stühlen umstellt waren … Wir aßen im Liegen, an einem kleinen, flachen Tisch, unter dem man auch liegen konnte. Teilweise waren in die Rampen weiche Inseln eingelassen, die man nicht sehen konnte – die Besucher schrien oft erschreckt auf, wenn sie in eine solche weiche Stelle traten.“

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Quelle: F.A.Q.

Veröffentlicht: 18.09.2018 11:49 Uhr