https://www.faz.net/-hrx-a3vm5

Das große E im U

Foto: Base Hologram

Die Gegenwart und erst recht die Zukunft der Unterhaltung ist nicht bloß elektronisch, computergeneriert, internetbetrieben. Sie ist vor allem relevant, oft politisch und ganz und gar nicht harmlos. Fast jeder kann in den neuen Medien zum Star werden – und zwar nicht nur für fünfzehn Minuten. Eine Übersicht.

6. Oktober 2020

Die Macht der Memes – oder wie die neuen Spontis arbeiten

Seit fast jeder die Werkzeuge hat, um das herzustellen, was man früher Entertainment nannte, nämlich Handy und Internetzugang, kann prinzipiell alles, was irgendwo auf der Welt passiert, zum kulturellen Ereignis werden. Durch die Kameralinse jedes Smartphones blickt potentiell die Weltöffentlichkeit. Nur so ist es zu erklären, dass die alleinerziehende Mutter Johnniqua Charles, als ein privater Sicherheitsmann sie spätnachts in Handschellen legte und vom Gelände eines Stripclubs in South Carolina verwies, nicht etwa Anstalten machte zu gehen oder zu warten, bis die Polizei eintraf, sondern einen spontanen Rap improvisierte, den sie, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, mit einem Shimmy begleitete. Sie wusste, dass das Handy des anderen Sicherheitsmannes alles aufzeichnete. Ja, sie rief diesem sogar zu: „Schau, dass du diesen Tanz draufkriegst!“ Und dann rappte sie drauflos, schwungvoll und mit aufregend heiserer Stimme: „Du wirst deinen Job verlieren, du wirst deinen Job verlieren, weil du mich ohne Grund verhaftest.“

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

Der Sicherheitsmann war so verblüfft, dass er Charles nicht nur ziehen ließ. Er kopierte auch das Video vom Handy seines Kollegen und lud es mit Respektsbekundungen auf seine Facebook-Seite.

Johnniqua Charles rappt …
… Bugs Bunny tanzt dazu …
… Elmo auch …
… und Beyoncé vielleicht am schönsten
Videos: Youtube / Remix God Suede

Ein paar Monate später erstickte der Familienvater George Floyd unter dem Knie eines Polizeibeamten, und hier schaute wirklich die ganze Welt zu. Während die Black-Lives-Matter-Proteste aufflammten, stießen die beiden DJs Suede the Remix God und iMarkkeyz, die für ihren Remix eines konfusen Corona-Vortrags der Rapperin Cardi B berühmt geworden waren, auf das verwackelte Video von Johnniqua Charles’ Parkplatz- Rap. Mit einem fetzigen Trap-Beat reichten sie die angemessene musikalische Untermalung nach. Dazu schnitten sie ein kurzes Musikvideo, das es so aussehen ließ, als habe auch Beyoncé während ihres legendären Konzerts auf dem Coachella Festival 2018 eigentlich zu Charles’ Rap getanzt. Und auch der Rapper und Schauspieler Childish Gambino im Musikvideo zum Song „This is America“, das die systemische Verquickung von Gewalt und Entertainment in Amerika offenlegt. Und auch Elmo aus der Sesamstraße, neben dem Fahndungsfotos der vier am Mord an Floyd beteiligten Polizisten durchliefen. Und schon tauchten auf Tiktok und Instagram die Nachahmervideos mit Handschellen-Tänzen auf, manche vor dem Foto des amtierenden Präsidenten.

So hatte die Black-Lives-Matter-Bewegung für kurze Zeit eine Hymne, die nicht aus Wut entstanden war, nicht aus politischer Absicht, ja, die nicht mal ein klares politisches Programm hatte oder überhaupt irgendeinen Plan, sondern die eine Erfahrung von Verletzlichkeit, Isolation und Unterlegenheit, die Millionen teilten, in die Unbeschwertheit eines Abzählreims überführte.

Screenshot aus Video: Arthur jafa für kanye west „wash us in the blood“ feat. travis scott.
Screenshot aus Video: Arthur jafa für kanye west „wash us in the blood“ feat. travis scott. Video: Arthur jafa für kanye west „wash us in the blood“ feat. travis scott.

Das Kombinieren zufälliger Internetfunde zu völlig neuen Sinnzusammenhängen ist der große Spaß der Meme-Kultur. Und das Nachahmen von Tänzen, dem die App Tiktok so eine straffe Form gegeben hat, gibt es seit den frühen Tagen von Youtube. Charles’ Tanz erinnert an Psys „Gangnam Style“, den der Künstler Ai Weiwei 2012 als Handschellentanz politisierte.

„You about to lose your Job“ ist ein noch radikalerer Ausdruck eines historischen Moments, in dem Entertainment etwas geworden ist, das jeder jederzeit mit einem Handy und seinem Körper herstellen kann – oder mit den Bildern anderer. Solche Bilder, die, befreit von Urheberschaft und Werkcharakter, durch zahllose Hände gehen, nutzt der Filmemacher Arthur Jafa als Material seiner Kunst, für die er 2019 auf der Venedig-Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde: Memes, Youtube-Bekenntnisse, afrikanische Masken, Szenen aus „Alien“ oder Duchamps Pissoir schneidet er so gegeneinander, dass sie plötzlich nicht mehr für sich stehen, sondern politische Voraussetzungen und kulturelle Risse hervortreten. Auch im Video für Kanye Wests jüngste Single „Wash Us in the Blood“ lässt Jafa Bilder durch Bilder befragen: Welche Assoziationen weckt eine sich in Ekstase singende Aretha Franklin, wenn man sie gegen eine unter einem Beatmungsgerät keuchende schwarze Amerikanerin schneidet? Oder Szenen aus „Grand Theft Auto“ gegen Handyaufnahmen von Straßenpartys während Black-Lives-Matter-Protesten, auf denen Autos in der Menge kreisen, bis eins ausrutscht und Umstehende ummäht? Jafas Video macht spürbar, wie dünn seit Corona die Membran zwischen Leben und Tod geworden ist, zwischen persönlichem Leiden und gesellschaftlicher Krise – aber auch zwischen Körpern und Bildern.

Nicht nur die Genregrenzen sind durchlässig in Arthur Jafas Video. Video: Arthur jafa für kanye west „wash us in the blood“ feat. travis scott.

Auch in „You about to lose your Job“ sind die Membranen durchlässig. Schon die der Prominenz: hier Beyoncé, da eine drogenabhängige Prostituierte. Suede the Remix God und iMarkkeyz erhoben Charles’ spontanes Aufbegehren zur universellen Geste. Ihr Video überschreibt die zugrundeliegenden Widersprüche und Machtbeziehungen nicht, wie es so viele Nachahmervideos tun, sondern bezieht aus ihnen seine Kraft. Politik und Kultur durchdringen sich wie beim Scheitern von Trumps Wahlveranstaltung in Tulsa: Die Tiktok-Nutzer, die sich rühmten, die Ränge des Stadions durch Reservierungen blockiert zu haben, mussten vorher keine Weltbilder abgleichen. Sie mussten nur dem folgen, was ihnen gerade Spaß machte. Wie die Spontis der siebziger Jahre, nur mit mehr Bandbreite.

Von Kolja Reichert 


Auch Tote singen jetzt

Es klingt wie diese Episode aus der dystopischen Science- Fiction-Serie „Black Mirror“. Darin spielt die Sängerin Miley Cyrus das Teenie-Popidol Ashley und wird als Hologramm auf Konzerttour geschickt, damit ihre Manager und die Musikindustrie weiter an ihr verdienen können, obwohl die Sängerin im Koma liegt.

Dabei sind Hologramme längst Realität im Entertainment: David Nussbaum, der seit 20 Jahren in der Branche arbeitet, zuletzt für das Hologram USA Theater, das erste seiner Art weltweit, ließ Stars wie Billie Holiday digital wiederauferstehen und betreibt heute sein eigenes Hologramm-Unternehmen namens Portl.

Wenn im Himmel kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück. Hier: Whitney Houston auf holographischer Tour. Video: base hologram

Verstorbene Stars wie Maria Callas oder Buddy Holly gehen wieder auf Tour. Roy Orbison war 2018 mit „In Dreams“ auf Welttournee. In diesem Jahr tourt die verstorbene Sängerin Whitney Houston durch Großbritannien. Hologramm-Unternehmer planen Konzerte mit Amy Winehouse. Sogar über eine digitale Beatles-Reunion wird spekuliert.

In den Vereinigten Staaten sind Hologramm-Konzerte ein gewinnbringendes Geschäft. Laut „Pollstar“, einer Fachzeitschrift für die Konzertbranche, verkaufte die Orbison-Tour 71 Prozent der verfügbaren Plätze und brachte fast 1,5 Millionen Euro ein. Die Branche wächst: Technologie- oder Entertainmentfirmen mit Namen wie Base Hologram, Eyellusion oder Hyper Vision planen, eine Live-Musik-Branche wiederzubeleben, deren größte Verdiener nicht mehr lange unterwegs sein werden.

In Zukunft werden die Stars der Musik auf eine ganz neue Art unsterblich sein: Als Hologramme, für immer im sogenannten besten Alter, werden sie auf den Bühnen stehen und ihre alten Hits immer weiter singen, bis zum Jüngsten Tag.

Stars, die jetzt noch auf den Bühnen unterwegs sind, aber in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr auf Tour gehen werden: die Rolling Stones, Aerosmith, Elton John, Paul McCartney, Bruce Springsteen, Cher, Kiss. Laut „Pollstar“ waren etwa die Hälfte der 20 erfolgreichsten nordamerikanischen Tour-Acts des Jahres 2019 Künstler, die mindestens 60 Jahre alt waren. In Zukunft sterben alte Musiker nicht. Sie werden zu Hologrammen.

Der Hype begann 2012, als dem ermordeten Rapper Tupac ein Holo-Denkmal auf dem Coachella-Festival in Kalifornien gesetzt wurde. Nussbaum hat seither beobachtet, wie eine ganze Industrie herangewachsen ist. Nicht alle finden Gefallen daran. Der bekannte Musikjournalist Simon Reynolds nannte dies eine Beleidigung des Begriffs der Live-Performance und sprach von „Geister-Sklaverei“, weil geldgierige Manager verstorbene Stars auf die Bühne schleiften und den Weg für junge aufstrebende Künstler versperrten – Hologramm-Sänger als deprimierendes Symptom einer gierigen und gerontokratischen Industrie.

Whitney Houston auf holographischer Tour Video: Base Hologram

Nussbaum dagegen träumt von nostalgischen Events: Ein Vater könne seine Kinder zum Konzert eines Künstlers mitnehmen, mit dem er aufgewachsen ist. Nussbaum, der etwa den früheren Präsidenten Ronald Reagan in der Reagan Library lebendig werden lässt, sagt: „Ein Hologramm ist eine Zeitmaschine, weil es Menschen an die Vergangenheit erinnert.“

Er verstand schnell, was das Tupac-Hologramm für die Branche getan hatte, aber auch, dass die Zukunft der Hologramm-Industrie nicht allein in der „Wiederauferstehung” verstorbener Legenden lag. Er lässt gern lebende Prominente überall auf der Welt auftreten, „via Holoportation“. Sein größter Coup war es, Julian Assange aus der ecuadorianischen Botschaft zu beamen, damit er auf einer Konferenz sprechen und Fragen beantworten konnte. Bei der „Holoportation“ fangen 3D-Kameras eine Szene ein, die dann zum Gesprächspartner via Satellit, Internet oder 5G übertragen wird. „Statt das Bild auf einen flachen Bildschirm zu schicken, haben wir eben eine andere Projektionsfläche“, erklärt Nussbaum vereinfacht. Er nutzt dabei eine Technik namens Pepper’s Ghost, einen alten Illusionstrick mit Spiegeln aus dem 19. Jahrhundert.

Roy Orbison auf großer Holo-Tour Video: base hologram

Er könne jeden von überall nach überall beamen: Bald würden in den Kinolobbys keine Pappaufsteller mehr von Schauspielern stehen, sondern deren Hologramme würden mit den Besuchern interagieren. In „Hard Rock Cafés“ werden Hologramme begleitet von echten Bands singen. Ein paar Dutzend Stars warten jetzt schon auf ihre Wiederauferstehung. Nussbaum hat ihre digitalen Daten auf seiner Festplatte.

Von Florentin Schumacher


Deutschlands erster echter Tiktok-Held

Auf die Frage, was er so mache, antwortete Falco Punch mal: „snackable Content“. Sekundenkurze Videos, die sich überall wegschauen lassen, im Bus, auf dem Weg zu Freundinnen, unterm Schultisch. Falco Punchs Spezialität sind Transition-Videos: Innerhalb von Sekunden wechseln die Szenen öfter als in Hollywoodfilmen – doch statt harter Schnitte sind die Cuts so smooth und perfekt zur Musik gesetzt, dass sie fast nicht zu sehen sind. Die Szenenwechsel, eine Tanz-Performance und ein Narrativ in Sekunden unterzubringen verlangt enormes Feingefühl und technisches Können, und man kann beim Zuschauen bloß ahnen, wie viele Stunden der Vorbereitung, des Drehens und des Bearbeitens da jemand in einem Minivideo versenkt hat.

Für Erwachsene sind die Videos von Falco Punch viel zu schnell und komplex: Innerhalb von Sekunden wird da eine Story erzählt, eine Tanzszene choreographiert, der Schauplatz mehrmals gewechselt. Das geht nur im Medium Tiktok.

Die Clips haben Falco Punch, einen gelernten Tischler aus dem Irgendwo Schleswig-Holsteins, zum Social-Media-Star gemacht. Auf der chinesischen Musik- und Videoplattform Tiktok hat er neun Millionen Fans (Stand: Juli 2020): Deutschlands größter Nutzer – seine bekanntesten Clips erreichen mehr Leute als ein „Tatort“. Tiktok ist der Social-Media- Kanal der ab 2000 geborenen Generation Z, mehr als 800 Millionen aktive Nutzer hat die Plattform, allein im Mai wurde sie 112 Millionen Mal heruntergeladen – mehr als jede andere App, öfter auch als Instagram und Facebook.

Bisher hielt der nie endende Feed sekundenkurzer Tanzvideos und Challenge-Clips die Erwachsenen weitgehend draußen. Auf Tiktok blieben Teenager unter sich, ein Grund für die Popularität der App bei ihnen. Zudem beruht Tiktok auf Videos, dem selbstverständlichen Medium der jungen Altersgruppe, anders als zum Beispiel Instagram, das im Ursprung eine Foto-App ist. Nirgendwo kann man im Moment schneller zum Teenie-Star werden als auf Tiktok.

Video von Falco Punch Video: Falco Punch

Falco Punch trat als Neunzehnjähriger der App Musical.ly bei, einem Tiktok-Vorläufer. Als Jugendlicher hatte er Klavier gespielt und Kurzfilme gedreht, Musik und Video waren für ihn eine natürliche Kombination. Sein Nutzername leitet sich vom Nintendo-Helden Captain Falcon ab sowie vom harten Schuss, den der junge Falco als Fußballer hatte. Den vollständigen Namen verrät er genauso wenig wie den Wohnort, ein Rest Privatsphäre für einen, der im Elternhaus dreht und dessen Freundin ein Millionenpublikum kennt.

Der chinesische Konzern ByteDance übernahm 2018 Musical.ly und integrierte es in seine App Tiktok. Seither steht die Plattform in der Kritik, Daten nicht ausreichend zu schützen; der Europäische Datenschutzausschuss prüft derzeit die Sicherheit. In Indien, einem der größten Tiktok-Märkte, hat die Regierung die App in diesem Sommer verboten. Immer wieder gibt es handfeste politische Spannungen zwischen Indien und China, erst kürzlich kam es an der gemeinsamen Grenze im Gebirge zu gewalttätigen Zusammenstößen von Soldaten, bei denen auch Tote zu beklagen waren. Indiens Regierung nannte Tiktok ein nationales Sicherheitsrisiko. 

Screenshots aus einem Video von Falco Punch Fotos: Falco Punch


Denselben Grund gab Präsident Trump an, als er drohte, die App in den Vereinigten Staaten zu verbieten; Mitglieder des Militärs dürfen Tiktok schon länger nicht mehr nutzen. Die Tiktok-Community verdächtigt Trump dagegen, eigennützigere Gründe für ein Verbot zu haben. Denn das wachsende Publikum auf Tiktok zieht eine ganz neue Art von Nutzern an: erfolgreiche Influencerinnen anderer Kanäle, politische Akteure. Längst mischen sich unter die Tanzvideos Übertragungen der „Black Lives Matter“-Proteste. Die Tiktok-Community rühmt sich, Trumps Wahlkampfauftakt erfolgreich sabotiert zu haben, indem sie massenhaft Tickets reservierte und verfallen ließ, weshalb die Sitze auf den Tribünen um Trumps Rednerpult leer blieben.

Längst tauchen auf dem Kanal auch Übertragungen der „Black Lives Matter“-Proteste auf. Die Tiktok-Community rühmt sich, Trumps Wahlkampfauftakt sabotiert zu haben, indem sie massenhaft Tickets reservierte und verfallen ließ.

Mehr professionelle Angebote, etwa der Tagesschau, kommen auf die App, mehr Firmen. Tiktok steht am Übergang von der charmanten Mitmach-App zu einem einflussreichen Social-Media-Unternehmen. Mit Mitte zwanzig gehört Falco Punch schon zu den Alten, und seine Spaßvideos verkörpern das alte Tiktok. Er verdient sehr gut daran, nach eigenen Angaben einen sechsstelligen Betrag im letzten Jahr. Etablierte Unternehmen wie BMW und Samsung beauftragen ihn, in seinem Stil Clips für sie zu machen. Kürzlich ist sein erster Song bei Universal erschienen, den Falco Punch dann wiederum mit einer Tanzchallenge auf Tiktok bewarb.

Ob er ihr deutscher Star bleibt und die App weiter so schnell wächst, dürfte von der Anpassungsfähigkeit der Konkurrenz abhängen. Auch Snapchat galt schon einmal als Instagram-Nachfolger – dann integrierte Facebook einfach die wesentlichen Funktionen von Snapchat in die zum Konzern gehörende Instagram-App. Seit kurzem testet Facebook nun auf Instagram die neue Funktion Reels, mit der sich bis zu 15-sekündige Videos erstellen lassen – es ist ziemlich genau so wie bei Tiktok.

Von Silke Weber


Ihr Leben: ein Spiel

Schon ihr Spitzname stammt vom Sport. Mit zehn, in der Grundschule im Harz, rannte sie die 50 Meter schneller als die anderen Mädchen: Damals taufte ihre beste Freundin sie „Flitzi“. Es wurde der Name, unter dem Phylicia Whitney heute noch auftritt. Inzwischen als Moderatorin im E-Sport. Wenn die besten Videospieler Deutschlands gegeneinander antreten, in Counter-Strike, in Rainbow Six Siege oder League of Legends – dann leitet immer ein Moderator durch die Veranstaltung. Die beliebteste ist Flitzi.

E-Sport ist Videospielen als Sport – also vor Publikum, mit Spielern, die ihr Fach trainieren oder sogar hauptberuflich ausüben. Uli Hoeneß sagte im August in einem Interview: „Dieses ganze elektronische Zeug, E-Sport und all das, macht mir richtig Angst.“ Dabei ist dieses Zeug heute ein Massenmarkt. Das hätte Hoeneß in der eigenen Firma sehen können: Der FC Bayern München hat ein erfolgreiches E-Football-Team für das Game Pro Evolution Soccer. Im E-Sport passiert derzeit fast täglich etwas. Die Ladenkette Saturn hat gerade in Köln eine E-Sport-Arena eröffnet, das Xperion, auf 3000 Quadratmetern. Es gibt eine virtuelle Bundesliga (Bremen ist deutscher Meister), es gibt Veranstaltungen, zu denen 30.000 Zuschauer kommen. In den Corona- Zeiten, in denen man nur am Bildschirm zuschauen darf, haben sich die Nutzerzahlen der Streams etwa verdoppelt. 

Dieser ganze elektronische Sport mache ihm Angst, hat neulich Uli Hoeneß gesagt. Dabei ist der FC Bayern natürlich längst mittendrin. Es gibt sogar eine virtuelle Bundesliga, in der allerdings Bremen Meister ist.

Und der TV-Sender Sport1 hat nun eine Sendung, die sich nur um E-Sport dreht. Moderiert wird „Inside eSports“ von Whitney. Eine Frau in einer Männerdomäne – die erste mit eigener Sendung. Das ist nur folgerichtig, denn Whitney hat zielstrebig darauf hingearbeitet, Deutschlands beste Games-Moderatorin zu werden.

Wie alt Whitney ist, weiß weder Wikipedia noch irgendeiner ihrer Auftraggeber oder ihrer Fans. (Vermutlich ist sie Ende zwanzig.) „TV- und Web-Reporterin, Event-Moderatorin und Video-Producerin“, so nennt sie ihren Beruf auf ihrem Youtube-Kanal FlitziGamez. Whitney wächst im Harz auf, zieht mit acht Jahren nach Hannover um, weil die Mutter dort ein Studium beginnt, die Jugend wird unruhig, es geht weiter nach Gütersloh, dann nach Köln. Dort macht sie eine Ausbildung bei RTL und bekommt eine Webshow über Videospiele, „Flitzi at Games“. Aus heutiger Sicht wirkt die trashig produziert, ist aber enorm lustig: Whitney spielt Szenen aus Games auf der Straße nach, schlüpft in die Rolle des kühlen Agenten, zeigt so, wie lächerlich dieser Typus ist.

Die Kölnerin Phylicia Whitney alias „Flitzi“ hat jetzt eine eigene Sendung auf Sport1.
Die Kölnerin Phylicia Whitney alias „Flitzi“ hat jetzt eine eigene Sendung auf Sport1. Foto: Sport1

Damit ist der Weg zur Influencerin oder Youtuberin vorgezeichnet, bloß: Den will sie nicht. Also fängt sie an, Fernsehreportagen über Spiele zu drehen. Bei den RTL2 News und bei Sat 1, bald dort im Frühstücksfernsehen als Games-Expertin. Und Anfang 2020 engagiert Sport1 sie als Moderatorin. In ihrer Sendung stellt sie neue Spiele vor, berichtet von großen Turnieren, interviewt die Stars der Szene.

Wenn es Gegenwind gibt, dann von Männern. „In unserem so männerdominierten Bereich hat man als Frau immer Schwierigkeiten. Viele wollen sich treffen, andere nehmen mich nicht ernst als Expertin“, sagt Whitney. „Bist du als Frau zu nett, wird das als Flirten gedeutet. Bist du auf Abstand, wirkst du arrogant. Weist du einen Mann in die Schranken, bist du eine Zicke. Der Grat ist immer sehr schmal.“

Auf der Gamescom wurde sie einmal von einem Mann gefragt, ob er ihr erklären solle, wie ein Controller funktioniert. Da hatte sie schon jahrelang Spiele im Fernsehen rezensiert, Entwickler getroffen und war um die Welt geflogen dafür. 

Whitney bei der DreamHack in Leipzig im Januar 2020 Video: Sport1

Eine ihrer Antworten auf das Problem ist, immer perfekt vorbereitet zu sein. Wenn sie moderiert, spielt sie auch das Spiel, um das es geht. Den Taktik-Shooter Rainbow Six Siege liebt sie und ansonsten Adventures, Heavy Rain oder Fahrenheit, also Spiele, die wie ein Kinofilm funktionieren, in dem man selbst einige Entscheidungen fällt und die Story so lenkt.

Manchmal wundert sie sich selbst, aus einem kleinen Dorf im Harz in die große Welt der Games gekommen zu sein. Ein Fachmagazin hat sie gerade unter die „Top 10 Frauen der Gamesbranche“ gewählt. Unter der Meldung steht ein Leserkommentar: „Flitzi ist richtig cool! Eine Frau, die zocken kann und einen Plan von der ganzen Thematik hat!“ Der Autor: naturgemäß ein Mann.

Von Thomas Lindemann

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie diesen und weitere, spannende Artikel in der aktuellen Ausgabe der „F.A.Q. – Frankfurter Allgemeine Quarterly“.

Abonnieren Sie die Print-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ hier: fazquarterly.de

Lesen Sie die „Quarterly“ lieber digital? Hier finden Sie alle bisher erschienenen Ausgaben der F.A.Q. als PDF: e-kiosk.faz.net

Möchten Sie wissen, wie es hinter den Kulissen der „Quarterly“ aussieht? Für Neuigkeiten aus der Redaktion, „Behind the scenes“-Videos von unseren Shootings und Hintergrund-Informationen zur neuen Ausgabe folgen Sie uns einfach auf:

Stadt vs. Land Macht das Land wirklich froh?
Familie der Zukunft Mehr als Mutter, Vater, Kind

Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 06.10.2020 13:06 Uhr