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Der letzte Fetzen Freiheit

Erst harmloser E-Roller, jetzt ein hochgetuntes Monster für „Mad Max“: E-LisaBad von BMW. Foto: Marc Holstein

Alle reden vom Elektroauto und autonomen Fahren. Aber wie sieht die Zukunft des Motorrads aus? Gibt es eine? Was wollen die Jüngeren? Und bleibt da noch Platz für Marlon-Brando-Romantik?

19.07.2018

Text: RALF NIEMCZYK
Fotos: JULIAN BAUMANN

Manchmal muss der Fortschritt wieder zurück in die Garage: Im beschaulichen Heidelberger Stadtteil Pfaffengrund liegt die Werkstatt von Rolf Reick. Der Industriedesigner betreibt die Biker-Plattform Krautmotors. Über die Website werden schicke T-Shirts verkauft und Rennen für umgeschraubte Motorräder organisiert. Diese sogenannten „Café Racer“ sind benannt nach dem Londoner „Ace Café“, einem legendären Rockertreff der Sechziger an der Autobahn M1. Als britische Nortons oder Triumphs noch schwere, ölverschmierte Metallkisten waren. Heute gehören auch Ducatis oder Hondas jüngeren Baujahrs dazu. Hauptsache abgespeckt, reduziert auf das Nötigste. Anfang 2017 kam für Reick ein ungewöhnlicher Auftrag rein: Ein elektrisch betriebener Roller, der C-Evolution von BMW. Plötzlich sollte Reick die Zukunft mitgestalten.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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„Für mich absolutes Neuland. Ich bin mit dem Ding zuerst mal in den Odenwald gefahren und habe versucht, Benziner zu jagen“, erzählt er. Nach einer Schulung in München sollte der Scooter in Maßarbeit umgeschraubt werden. „Das ist schließlich Hochvolt-Technik. Da sollte man wissen, welche Teile man anfasst.“ Gefragt war ein „customizing“ wie bei den Retrokisten. Ein analoger Umbau mit Schweißgerät und Maulschlüssel. „Kein klassisches Industriedesign, sondern eine Rough-and-dirty-Nummer.“ Eine Radikalkur. Der Elektroroller wurde komplett entkleidet. Das eckige Innere, ein Batteriekasten aus Leichtmetallguss, kam zum Vorschein wie bei einem Roboter im Rohbau. „Das Teil sollte zeigen, was es ist. Kein Tank, kein Getriebe, direkter Antrieb.“ Später versah Reick die Vorderfront mit einer düsterkantigen Verkleidung. Der Scooter war ein Aufruf an die Schrauberszene, sich mit E-Mobilität auseinanderzusetzen. „Natürlich gab es bei den Testfahrten auch Frotzeleien, doch die Jungs haben gespürt, dass da etwas Neues auf sie zukommt“, sagt Reick. Der freundliche Elektroroller wurde zur E-LisaBad, ein gefährlich außerirdisch daherkommendes Gefährt. Ein Punk-Mobil wie aus der Filmsaga „Mad Max“.

Jüngere mieten sich lieber einen Roller: E-Scooter Coup von Bosch Foto: Coup Mobility Gmb

Heute steht E-LisaBad im Petersen Automotive Museum in Los Angeles, um als verschärftes Einzelstück einen Beitrag zur Zukunft der Mobilität zu leisten. Ein Stück Technik, emotional aufgeladen. Während die Automobilbauer weiterhin darum kämpfen, Stromautos endlich in größeren Serien auf die Straße zu bringen, und verstärkt vom autonomen Fahren träumen, bleibt das Zweirad der Rebell. Klein, wendig, manchmal asozial laut. In Vietnam oder Indien oft genug eine Frachtkarre, in den meisten westlichen Ländern ein Freizeitgefährt. Das bietet Spielraum für Experimente. In Berlin und anderen Metropolen stehen bereits E-Roller-Flotten namens Emmy oder Coup. Per App für einen bestimmten Zeitraum zu buchen, um dann mit einem Surren am Stau vorbeizuzischen. Der vorgeschriebene Helm ist beigepackt. Eine pragmatische Alternative, ohne Lederjackenromantik. Aber eigentlich noch kein großer Wurf.


„Ich sehe keine Mainstream- Lösung, die alles wegfegen wird. Das entwickelt sich aus der Nische heraus, von unten“
TIMO RESCH

sagt Timo Resch, Marketing- und Vertriebsleiter bei BMW Motorrad. Die Münchner sind Marktführer in Deutschland und Europa. Das biedere Image der onkelhaften Maschinen mit Boxermotor ist abgeschüttelt. Zu den Großkisten für die Polizei kommen Sporttourer, Cruiser, Reise-Enduros, Supersportler oder Naked Bikes. Gegenüber 2,46 Millionen verkauften BMW-Fahrzeugen 2017 bilden Motorräder ein sehr spezielles Segment. Weltweit werden rund 165.000 Modelle abgesetzt, bis 2020 sollen es 200.000 sein. Wachstum wird es hier aber nur geben, wenn die Jugend neu erobert werden kann, denn der Prototyp des Zahnarzt-Rockers ist locker über fünfzig. In der iPhone-Generation dagegen zählt pragmatische Mobilität ohne große PS-Romantik und dicke Zylinder. Zudem ist der (Motorrad-)Führerschein A längst kein Beiwerk der Pkw-Fahrerlaubnis mehr, den man bei der Prüfung mal eben locker mit erledigt. Man muss das wollen. Und dafür braucht es eine neue zeitgemäße Saga auf zwei Rädern. In einer Art Doppelstrategie sollen grüne Themen bei Zweirädern sexy gemacht werden, ohne die bisherige treue Kundschaft abzuschrecken.

Resch sitzt im Restaurant der BMW World, jener glänzenden Präsentationsshow des Konzerns von Mini bis Rolls-Royce am Münchner Olympiapark, zusammen mit Motorrad-Chefdesigner Edgar Heinrich. Der Entwickler ist seit drei Jahrzehnten dabei, zwischendurch hat er drei Jahre beim indischen Autobauer Bajaj gearbeitet. Ein Querdenker, der sagt:


„Eine reine Ingenieursdenke bringt uns beim Motorrad nicht weiter. Man muss seine Geschichte kennen und das entsprechende Fahrgefühl mitdenken.“
TIMO RESCH

Zum hundertsten Geburtstag von BMW haben sie weit in die Motorradzukunft geblickt. Herausgekommen ist die Studie „Vision Next 100“. Ein handfestes Statement, das silbern schimmernd im Hintergrund steht. Dynamisch und smart, Laura Croft hätte ihre Freude daran. Ein bulliges Ding mit fetten Reifen, das theoretisch keinen Helm mehr erfordert, so sicher soll es rollen. Ist das die Antwort auf das autonome Fahren auf vier Rädern?

BMW-Motorrad-Chefdesigner Edgar Heinrich auf der „Vision Next 100“

Der schwarze Dreieckrahmen, inspiriert vom ersten Motorrad des Hauses von 1923, verbindet Hinter- und Vorderrad ohne jedes Gelenk. Er ist biegsam und erleichtert alle Lenkmanöver. Auch soll das Zukunftsmodell im Stand nicht mehr umfallen und auch bei hohen Geschwindigkeiten absolut ruhig voranzischen. Über eine intelligente Brille namens „Visor“ stehen Mensch und Maschine im direkten Austausch. Solange der Blick entspannt nach vorne geht, werden keinerlei Daten angezeigt. Nur kein Datenterror. Bei Gefahr allerdings erscheint im „Visor“ eine Warnung. Gemeldet von vorausfahrenden Fahrzeugen, übermittelt über die „Automotive-Cloud“. Gegen Wind und Wetter reicht ein dünner, körpernaher Anzug. Sensoren in der Hightech- Kluft wachen über Puls und Körpertemperatur, um die Klimatisierung entsprechend zu regulieren. Mit vibrierenden Elementen unterstützt die Kleidung den Fahrstil. Bei zu starker Schräglage etwa rappelt es am Unterarm. Hier wird das klassische Motorradfahren neu gedacht, jedoch nicht an dessen Grundfesten gerüttelt. Auch die Studie glaubt weiterhin an die Überlandfahrt als Ausbruch aus dem Alltag, macht sie aber deutlich sicherer und bequemer. Man bleibt in der Box, wie es so schön heißt.

Dynamisch: Der Sitz der Zukunftsstudie
Hilfe für den Fahrer: Honda-Unterstützungssystem „Riding Assist-e“ Foto: Honda

Auch andere Hersteller führen digitale Lösungen über Premiummodelle für heutige Spaßfahrer ein. KTM, Honda oder Harley-Davidson rüsten ihre Flaggschiffe mit allerlei Informationstechnik auf. Eine Display-Lösung bei KTM erlaubt etwa die Einbindung von Smartphones über ein im Helm integriertes Headset. Kein Japaner, der 2017 auf der „Tokio Motor Show“ nicht mit Elektromodellen aufwartete. Honda präsentierte sein Unterstützungssystem „Riding Assist-e“. Selbst der zuletzt durch Stellenstreichungen, eine Werksschließung und Umsatzrückgänge gebeutelte Traditionshersteller Harley-Davidson kündigt ein E-Projekt namens „Livewire“ an.

Auch die Legende steht auf Strom: Harley-Davidson- Projekt „Livewire“ Foto: Harley-Davidson

Einerseits versuchen die Hersteller, durch die neue Technik das Zweirad mitzunehmen in die Mobilitätsmoderne. Andererseits geht es immer auch um mehr, zumindest bei einem Teil der Klientel. Die alten Mythen aus der Popkultur bestimmen weiterhin die Erzählung, nicht nur bei Harley-Davidson, für die der Outlaw-Film „The Wild One“ mit dem jungen Marlon Brando wie eine Marketingkampagne wirkte, genauso wie 1969 „Easy Rider“. Für jugendliche Subkulturen wie die italienischen Paninari oder die britischen Mods gehörten Vespas und Lambrettas zum Lebensgefühl. In Deutschland wiegt die Technikbegeisterung schwerer. „Echte Männer“-Wettbewerbe wie Motocross oder Wüstendurchquerungen mit der Enduro wollen auch in der Freizeit nachgelebt werden. Und sei es bei einem Wochenende in der Eifel.


„Digitaltechnik wird immer wichtiger, bei der Sicherheit und Navigation. Autonomes Fahren dagegen steht beim Motorrad vorerst nicht zur Debatte.“
EDGAR HEINRICH

„Ich verstehe das Motorrad auch in Zukunft als selbstbestimmte, analoge Insel“, sagt Entwickler Heinrich. „Digitaltechnik wird immer wichtiger, bei der Sicherheit und Navigation. Autonomes Fahren dagegen steht beim Motorrad vorerst nicht zur Debatte.“ Ein simpler technischer Grund ist die Instabilität von Zweirädern bei niedriger Geschwindigkeit oder im Stand. An der Ampel und beim Anfahren muss der Fahrer aktiv werden. Das könnte sich nach 2030 lösen lassen, wenn die „Vision Next 100“-Studie in die Praxis rollt. Doch wichtiger sei es, sagt Heinrich, den Spaß nicht wegzukonstruieren. Das Geile muss bleiben. Hände vom Lenker ist keine Perspektive. Anders gesagt: Den Verkehrskollaps in den Innenstädten können und wollen diese Designs nicht lösen.

Die Hightech-Forschung steht im Dienste praxisnaher Lösungen. Strengere Abgasregeln und Fahrverbotszonen werden die Elektromodelle beflügeln. Doch Marketing-Mann Resch geht davon aus, dass die nähere Motorradzukunft weiter von Retro-Phänomenen getrieben wird.

Entfacht so viel Vernunft auch Leidenschaft? E-Scooter C-Evolution

Zukunftsmodelle werden einfach Huckepack genommen und in entsprechendem Umfeld präsentiert. Die Zweiradzentren „House of Machines“, die BMW gerade in diversen Weltmetropolen etabliert, verbinden Technik mit Biker-Images. In die gleiche Richtung geht das deutsche Eventkonzept „Pure & Crafted“. Ein Wochenend-Meeting in Berlin, das eine Mixtur aus aufgemotzten Kisten, harten Jungs, Gitarrenrock und einem Motodrom mit Steilwandartisten vom historischen Jahrmarkt bietet. Auch der E-Scooter E-LisaBad hatte im letzten Jahr hier seinen Auftritt. Während ringsumher die Hinterreifen brennen, soll zugleich ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, das auch sanftes Dahingleiten seine Stärken hat.

Neue Zielgruppen, fernab vom Mythos, finden sich vor allem bei den Rollern im Sharesystem, die keinen Motorradführerschein erfordern. Bis zu 40 Prozent Wachstum werden diesen leichten EScootern prognostiziert. „Urbane Elektromobilität wird vor allem in diesem Segment durchstarten“, prophezeit Bosch-Geschäftsführer Dirk Hoheisel, der in diesem Bereich gute Geschäfte macht. Er geht davon aus, dass 2025 rund 70 Prozent aller neuen Motorräder mit dem Internet verbunden sein werden. Ein aufeinander abgestimmtes System mit Motor, Steuergerät, Batterie, Ladegerät, Display und App habe man dafür bereits im Angebot. Externe Leitsysteme wirken als Verkehrsassistenten.

Der Mythos
Filme wie „The Wild One“ mit Marlon Brando oder später „Easy Rider“ wirkten wie Marketingkampagnen für Motorräder. Die coolen, starken Jungs fuhren auf starken, coolen Maschinen. Doch mit der PS-Romantik lockt man meist nur noch ältere Herrschaften, für die Jüngeren zählt eher pragmatische Mobilität. Es geht um neue Techniken – und eine zeitgemäße Saga auf zwei Rädern.

Dorit Mangold repräsentiert als Produktmanagerin für den E-Roller C-Evolution die nicht von Testosteron geprägte Linie von BMW. Sie sagt, dass die Verbreitung von E-Mobilität auf zwei Rädern stark auf urbanen Traditionen basieren würde. So etwa in Paris, wo Roller überaus geschätzt werden. „Ein E-Scooter mit Kraft unter der Sitzbank gilt dort als wirklich cooles Statement.“ Beim großen BMWScooter, der es auf 120 Kilometer pro Stunde in der Spitze bringt, kommt das gleiche Lithium-Speichermodul zum Einsatz wie beim BMW-i3- Elektroauto. Aber noch fristet das Gefährt mit der satten Beschleunigung ein Exotendasein in deutschen BMW-Häusern. Auch darum hat Dorit Mangold die Umgestaltung des C-Evolution zur E-LisaBad unterstützt: Damit soll der Coolness- Faktor gestärkt werden, damit das Modell nicht das Schicksal des überdachten BMW-Motorrades C-1 ereilt, das ohne Helm gefahren werden durfte und um 2000 herum für nur drei Jahre gebaut wurde. Alles sehr schlau gedacht, nur leider ein bisschen an den Kunden vorbei.

Heinrich mit Vertriebsleiter Timo Resch: Das Motorrad neu denken.

Es scheint noch ein langer Weg, bis die perfekten Zweiradlösungen für die Zukunft für den Massenmarkt attraktiv genug erscheinen. Das wird nebenan im BMW-Museum deutlich, bei der großen Ausstellung „Visionary Mobility“. Eine Schau, die das komplette Programm der hauseigenen Elektroautos zeigt. Von signifikanten „Trends zur Verstädterung“ bis hin zur nachwachsenden, ökologisch-korrekten Kenaf- Faser aus Bangladesch, die bei der Innenausstattung eingesetzt wird. Der Rundgang demonstriert den langen Weg von diversen Elektrostudien bis zur Serienproduktion des aktuellen BMW-i3-Modells. Bis 2025 soll das „Level 5“ erreicht sein: das komplett lenkradlose Auto. Und irgendwo steht einsam der C-Evolution-Scooter. Das einzige Zweirad auf der großen Ausstellung, ein Objekt bloß unter Hunderten.

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Quelle: F.A.Q.

Veröffentlicht: 19.07.2018 15:26 Uhr