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Suche nach Yin und Yang : Wie finden Mann und Frau ihr Gleichgewicht?

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Immer schön im Gleichgewicht bleiben! Auch im Alltag zwischen Mann und Frau wünschenswert. Bild: dpa

Egal, wie aufgeklärt wir uns fühlen und verhalten: Um uns herum existiert noch immer eine Welt voller Unterwerfung und Ausbeutung. Solange wir einander nicht urteilsfrei begegnen und vergeben, werden wir nicht im Einklang sein.

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          Den Mann der Zukunft stellt man sich natürlich etwas aufgeklärter vor als den Mann der Gegenwart. Logischerweise ist er gerade noch ein wenig vereinnahmt von den Denkstrukturen der letzten zweitausend Jahre, in denen bekanntermaßen das „typisch Weibliche“ mehr oder weniger diffamiert wurde. Was auch immer das „typisch Weibliche“ im Einzelnen ist. Womöglich das Gefühlige. Das Hysterische. Die Verbundenheit mit der Natur. Der Schuhtick. Selbstverständlich ist die Zeit vorbei, in der wir Frauen in großen Teilen Europas millionenfach als Hexen gefoltert und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden und wir als einziges Ärgernis galten.

          In der Folge bedeutete das dennoch, dass nicht nur wir Frauen aus Selbstschutz begannen, in uns das „typisch Weibliche“ zu verleugnen, auch die Männer schnitten sich von ihren eher weiblichen Empfindungen wie dem Mitgefühl ab. Auf diese Art und Weise hat sich die Menschheit um eine ganz wunderbare Dimension ihres Miteinanders gebracht. Der „Mann der Zukunft“ hat also nur mit der „Frau der Zukunft“ eine Chance auf Verwandlung. Beide Geschlechter müssen Hand in Hand, wie echte Teamkollegen, zurück in ihre zugedachte Einheit finden wollen. Wie Yin und Yang.

          Er kocht und ist bei der Geburt der Kinder dabei

          Aber gab es eigentlich jemals dieses begeisterte Zusammenspiel zwischen den Geschlechtern, die wir aufgeklärten Menschen zaghaft versuchen wiederherzustellen? Natürlich wissen wir alle von den jüngsten Errungenschaften, die sich in diese Richtung bewegen: Der Mann der Gegenwart ist wesentlich mehr in den familiären Alltag eingebunden als früher. Er hilft bei der Kindererziehung, er kocht, er ist bei der Geburt seiner eigenen Kinder dabei und geht in Elternzeit. Außerdem achtet er darauf, dass die Zahnpastatube wieder ordnungsgemäß weggeräumt wird, wenn das Zähneputzen erledigt ist. Doch gelöst scheint das Problem zwischen den Geschlechtern damit dennoch nicht zu sein.

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          Woran liegt das? Weil es dafür kein tatsächliches Vorbild gibt? Klar, Adam und Eva lebten erst einmal recht vergnügt im flirrenden Paradies, bis Adam – aus dessen Rippe Eva geformt wurde – auf die wahnwitzige Idee kam, wie Gott zu werden. Also knabberte er – von Eva verführt – am Apfel, der verbotenen Frucht. Nur hatte er Gottes Allmacht vollkommen missverstanden. Gott war Liebe – nicht ein unabhängiger, sich selbst genügender Businessman. Vorbei war es mit der himmlischen Gnade.

          Ist also das Gleichgewicht zwischen beiden Geschlechtern bereits seit Adam und Eva gestört? Womöglich existierte dieses absolute Gleichgewicht tatsächlich nur für kurze Zeit im Garten Eden? Ist es daher ein Wunder, dass wir in unserem tiefsten Inneren zurück in diesen herrlich unbekümmerten Zustand wollen? Momentan reagieren beide Geschlechter noch sehr stark und reflexhaft aufeinander. Logisch, bei der Geschichte! Sie begegnen einander nicht vorbehaltlos, als wären sie nicht eigentlich aufeinander angewiesen und hingewiesen, sondern Feinde. Als gäbe es nicht die Möglichkeit, das Miteinander zwischen Mann und Frau tatsächlich von Grund auf neu zu gestalten. Dem ursprünglichen Miteinander zu vertrauen.

          Der Mann der Zukunft und die Frau der Zukunft werden wie selbstverständlich in ihr unschuldiges, ursprüngliches Gleichgewicht finden. Was bedeutet, dass sie zurück ins Paradies gelangen. In den Zustand der Gnade. Das klingt hochtheoretisch? Ja, sicher. Aber war die Idee, dass wir Frauen als Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt werden sollen, nicht zuerst auch hochtheoretisch? Sind die Strukturen, in denen wir existieren, nicht auch alle zuerst hochtheoretisch gewesen, bevor sie in die Praxis umgesetzt wurden? Sind nicht alle Gesellschaftsformen hochtheoretisch?

          Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange lebt mit ihrer Familie in Berlin.
          Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange lebt mit ihrer Familie in Berlin. : Bild: Marie Haefner

          Für mich ist der Mann der Zukunft ein Mann, der in sich selbst das Weibliche erkennt und anerkennt. Er hat eine Frau an seiner Seite, die sich ihrer natürlichen Präsenz bewusst ist. Sie beide fühlen sich mit der Gleichstellung der Geschlechter am wohlsten. Aber wie soll das in der Praxis funktionieren – muss man sich da fragen. Denn: Unsere kapitalistische Gesellschaftsform fußt mehr oder weniger darauf, dass das „typisch Männliche“ vor langer Zeit die Herrschaft übernommen hat. Das Expansive. Das Rationale. Der Größenwahn.

          Egal, wie aufgeklärt wir uns in unserem Privatleben auch fühlen und verhalten, um uns herum existiert noch immer eine Welt, in der es größtenteils um Unterwerfung und Ausbeutung geht und nach deren Gesetzmäßigkeiten wir uns alle, Mann und Frau, selbstverständlich verhalten. Solange wir Frauen und Männer einander nicht urteilsfrei begegnen und vergeben, werden wir nicht im Einklang sein – und die Beziehung zu unserer Umwelt, zur Natur nicht befrieden. Dieser Einklang wird die Welt verändern.

          Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange lebt mit ihrer Familie in Berlin und hat zahlreiche Romane sowie Bücher für Kinder und Jugendliche verfasst. Zuletzt erschien ihr hochgelobter Roman „Kampfsterne“ im DuMont-Verlag.

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