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Anders Abschied nehmen

Foto: Nora Hollstein

Es gibt Leute, die wollen sich einfrierenlassen, wenn sie gestorben sind. Oder eine bunte Urne. Wir stellen fünf Menschen vor, die solche Wünsche erfüllen.

1. Juli 2021
Text und Protokolle: SILKE WEBER 


Die Tatsache unserer Sterblichkeit ist für viele Menschen eine Zumutung! Zumindest in unserer Kultur, die den Tod gerne verdrängt und am liebsten nicht darüber öffentlich spricht. Zugleich werden überlieferte Trauerrituale oder -abläufe, die einst oftmals gemeinschaftsstiftend wirkten und den Hinterbliebenen Halt gaben, nicht zuletzt wegen des schwindenden Einflusses der großen Kirchen immer seltener abgerufen, und die Trauer wird somit immer weiter ins Private verschoben.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Seit Beginn der Corona-Krise wird intensiver über Tod und Trauer geredet. Die Zahlen der Opfer gehören zur täglichen Statistik, die Umstände des Abschiednehmens rücken in den Mittelpunkt. Was macht das mit Menschen, wenn sie nicht Lebewohl sagen können? Nicht im Rettungswagen, nicht auf der Intensivstation? Wenn kein letzter Blick auf den Leichnam möglich ist und keine normale Beerdigung? Im Januar schickte der Bundesverband der Trauerbegleiter einen Hilferuf an die Regierung: Trauer brauche Nähe, Gesichter, Rituale – sonst mache sie krank! Der Wunsch, anders mit dem Ende des Lebens umzugehen, zeigte sich schon vor der Pandemie.

Mit der modernen Hospizbewegung Anfang der 1980er-Jahre fand die damals für viele recht neue Idee Einzug, Patienten auf ihrem Weg in den Tod auf ganzheitliche Weise zu begleiten. Heute ist man vielerorts weiter: Inzwischen gibt es Bestatter-Boutiquen, Urnendesigner oder Death Cafés, die auf die Wünsche der Trauernden eingehen. Die sogenannte Death-Positive- Bewegung, die vor einigen Jahren mit der amerikanischen Bestatterin Caitlin Doughty begann, will mehr, als nur die Palliativmedizin zu verbessern. Ihr geht es nicht nur um die letzten Meter. Sondern auch um die ganze Zeit davor. Doughty generiert mit ihrem Youtube- Ratgeber „Ask A Mortician“ Millionen von Klicks. Die Bewegung scheint auch in Deutschland anzukommen. Sogar im britischen Guardian war kürzlich unter der Überschrift „Grave matter“ zu lesen, wie die Deutschen neue Wege finden, über den Tod zu reden und mit ihm umzugehen.


„Ich denke, dass eine vollkommen andere Politik entstehen würde, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten.“
JUDITH BUTLER

So ist der traditionelle Friedhof für viele kein guter Ort mehr zur Trauerbewältigung. Laut einer Umfrage wünscht sich nur noch jeder vierte Deutsche ein klassisches Grab. 2013 waren es noch 49 Prozent, 2004 über 60. Heute wünschen sich viele mehr Vielfalt, pflegefreie Stätten, Urnenwände, Rasengräber und Beisetzungen unter Bäumen oder, was bislang nur in Bremen legal ist, im eigenen Garten. Die meisten Menschen leben nicht mehr traditionell und wollen auch anders trauern. Aber die deutschen Bestattungsgesetze sind rigide.

Judith Butler schrieb in „Precarious Life. The Powers of Mourning and Violence“: „Ich denke, dass eine vollkommen andere Politik entstehen würde, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten.“ Darin, so könnte man sagen, liegt das politische Potential der Trauer als Instrument der Selbstvergewisserung einer Gesellschaft.

Ein Friedhofsarchitekt, eine Urnendesignerin, ein Bestatter, die Gründerin des Salons School of Death und ein Kryoniker erzählen vom Wandel der Trauerkultur.


Julia Menden

Julia Menden, 42, Urnendesignerin in Obermühlhausen in Bayern
Julia Menden, 42, Urnendesignerin in Obermühlhausen in Bayern Foto: Nora Hollstein

So bin ich von der Marketingmanagerin zur Urnendesignerin geworden, auch wenn ich Onlinemarketing immer noch zusätzlich mache, weil ich es sehr gut kann und es Spaß macht. Auf meine erste Auftragsurne habe ich einen Zander gemalt. Mit einem Angelhaken im Maul. Der Verstorbene war leidenschaftlicher Angler, aber in seinem kurzen Leben hat er nie den gewünschten Zander gefangen. Den wollte seine Frau ihm dann schenken. Per Whatsapp war sie bei der Gestaltung der Urne dabei.

Meine Kunden können bei mir Urnen in Auftrag geben, oder wir bemalen sie in einem Workshop gemeinsam. Das Urnengestalten hilft den Leuten auch beim Trauern. Manchmal weine ich mit ihnen. Aber wir sitzen hier nicht die ganze Zeit und heulen, sondern erzählen uns auch die schönen Geschichten. Anekdoten, die andere Familienangehörige vielleicht schon vergessen haben. Damit schaffen sie sich einen Erinnerungsanker, einen emotionalen Anker – und der Platz im Herzen wird fester. Eigentlich muss man nicht viel machen bei trauernden Menschen, außer ihre Trauer auszuhalten, sie weinen lassen und sie lachen lassen.

„Als ich eine Urne für meinen Vater suchte, gab es nur deprimierendes Zeug. Er mochte die Sonne und das Meer. Ich wollte eine bunte Urne.“

Ich habe selbst viele Verluste erlebt. Als ich noch in die Schule ging, sind meine Lehrerin und meine Lieblingsoma gestorben. Ich habe dann Trost in der Musik gesucht, bin in die Gothic-Szene eingetaucht. Gruftis nannte man die damals in Deutschland. Aber es waren eben die Einzigen, die damals offen über den Tod gesprochen haben. Der Tod wird doch so oft weggesperrt in unserer Gesellschaft. Viele Leute sagen heute noch zum Bestatter, wenn er einen Angehörigen abtransportieren soll: Bitte kommen Sie ganz früh, damit die Nachbarn nichts mitbekommen.

Bei mir wird der Tod nicht weggesperrt, und es gibt auch kein Schwarz. Außer mal bei einer Steampunk- Urne mit schwarzem Lack, silbernen Stacheln und Zahnrädern, die sich ein Kunde gewünscht hatte. Ansonsten ist es bei mir bunt. Alles andere schränkt mich ein. Die Urne muss nur so groß sein, dass die Aschekapsel vom Krematorium auch hineinpasst. Die besteht aus Metall, hat einen Durchmesser von 16,5 Zentimetern und ist 21 Zentimeter hoch. Neulich hatte ich etwas Heckmeck wegen der Strasssteinchen auf einer Urne, dass sie keine Giftstoffe in die Erde abgeben – dafür musste ich auf die Freigabe des Gräberdenkmalleiters der Stadt München warten. Aber meine Urnen lösen sich nach etwa fünf Jahren Liegezeit im Boden auf. Das Material ist zu 100 Prozent vergänglich.

Ich mag meine Arbeit wirklich sehr, ich bekomme so viele echte Gefühle zurück, das vermisse ich manchmal in der Gesellschaft.


Janna Nandzik

Für den Tod gibt es so wenig Zugewandtheit. Der Anfang des Lebens, die Geburt, wird euphorisch willkommen geheißen, das Ende jedoch fast weggesperrt. Ich habe das Gefühl, dass wir mit dem Tod noch in die Schule gehen müssen. Die Lücke zwischen dem abstrakten Wissen, dass wir alle sterben müssen, und der wirklichen Erfahrung, einen geliebten Menschen in seinem langsamen Sterben zu begleiten, habe ich als enorme Kluft empfunden. Meine Mutter erfuhr mit 64 aus heiterem Himmel, dass sie nur noch 11 Monate zu leben hätte, und wir wurden mit Broschüren über Chemotherapie und einer Hirntumorzeitschrift entlassen. Ihre erste OP erfolgte drei Tage nach ihrem ersten epileptischen Anfall. Sie wachte in einem Dreibettzimmer mit Patientinnen auf, die nach Routineeingriffen ausgelassene Besucherinnen hatten. Meine Mutter war eine andere und hatte Todesangst.

Janna Nandzik, 41, Drehbuchautorin und Gründerin der School of Death
Janna Nandzik, 41, Drehbuchautorin und Gründerin der School of Death Foto: Nora Hollstein

Da kam dieser Wunsch auf nach einer/m Stammesältesten, einem Rabbi, einem Weisen, der uns in dieser existenziellen Situation hilft. Ich fantasierte über eine Art „Zentrum des Todes“, einen Ort, zu dem man gehen könnte, um transkonfessionell über den Tod zu reden. Im tibetischen Buddhismus oder auch bei den Sufisten gibt es für den Sterbeprozess ganz klare Geländer. In diesen Traditionen wird Sterben bereits im Leben geübt. Aus diesem Wunsch entstand das Projekt „The School of Death“, ein Gesprächssalon, um den Tod wieder in den Alltag zu rücken. Zurzeit findet das pandemiebedingt auf der Social-App Clubhouse statt. Hier sprechen wir etwa darüber, wie es ist, als junger Mensch seine eigenen Eltern zu pflegen, wie man achtsam trauert oder wie Abschiedskultur während einer Pandemie aussehen kann.

„Die Geburt wird euphorisch begrüßt, das Ende jedoch oft weggesperrt. Die School of Death soll den Tod wieder mehr in unseren Alltag rücken.“

In meinem letzten physischen Salon ging es darum, wie es ist, einen Elternteil zu verlieren. Ob durch eine schwere Krankheit, Suizid oder einen plötzlichen Unfall. Jeder Abschied ist anders. Eine Frau erzählte von der Schwierigkeit, ihren Vater auf der Palliativstation zu besuchen, der ihr Leben lang ihr gegenüber gewalttätig war. Die Veranstaltung fand in Neukölln im Ōsmos Studio statt, einem Ladengeschäft, in dem sonst Beziehungs- und Sexualberatungen stattfinden. Es war ein etwas plüschiger Raum mit Palmen und Matratzen, auf denen sonst Pärchen liegen. Es gab etwas Punsch, um das Eis zu brechen. Man muss einen sicheren Raum schaffen, wenn sich Fremde über den Tod austauschen wollen. Gleichzeitig gehören Menschen, die durch solche intensiven Verluste gegangen sind, quasi einer besonderen Gruppe an, einer Art „Tribe“, man erkennt sich.

Für mich selbst ist das tägliche „Sterbenüben“ mittlerweile eine Priorität geworden. Ich habe das plötzliche Loslassen, das Abschiednehmen bei meiner Mutter als einen so großen Sprung erlebt, der da plötzlich von ihr erwartet wurde. Deshalb versuche ich, regelmäßig über den Tod zu meditieren, mich aus Identifikationen zu lösen, an denen ich gerade hänge, und mich an den Zustand, alles loszulassen, heranzutasten. Ob ich mich über einen Menschen ärgere, ob es der Job ist, in dem ich etwas will, oder andere Wünsche und Sehnsüchte.

Wenn ich mich mit dem Tod beschäftige, merke ich, wie ich für jede Kleinigkeit dankbar werde und wie mich das empathischer werden lässt. Wenn einen der Alltag mit seinen Kleinkriegen übermannt, habe ich mir schon mal kurz vorgestellt, wie eine Person, mit der ich gerade ein Problem habe, in einem Hospizbett liegt. Dann fällt sofort jeglicher Groll von mir ab – und plötzlich spüre ich eine tiefe Verbundenheit, und Plattitüden wie „Wir sind alle eins“ oder „Das Leben ist kurz“ werden plötzlich ganz real erfahrbar.


Bart Brands

Friedhöfe sind meine Favoriten. Wenn ich reise, besuche ich überall welche, ob im Slum in Ägypten oder an der Küste Dänemarks. Sie können die Gesellschaft wunderbar spiegeln. Nur sehen viele Friedhöfe noch aus wie aus dem letzten Jahrhundert. Gebaut nach dem englischen Landschaftsstil mit Feldern und Pfaden. Entlang der Pfade lagen die Reichen und Berühmten. Die Ärmeren lagen auf den Feldern. Heute will jeder am Pfad liegen. Es gibt weniger Hierarchien und mehr Individualität. Die Religionen verschwinden einerseits, gleichzeitig gibt es vielfältigere Religionen mit unterschiedlichen Bestattungskulturen. Auf dem Friedhof der Zukunft sollte es mehr Freiheiten geben, finde ich. In Amsterdam haben wir den De-Nieuwe-Ooster-Friedhof so umgestaltet, dass er moderner wirkt und man zwischen verschiedenen Bestattungsarten wählen kann. Wir haben den Friedhof in Streifen eingeteilt und 20 Minifriedhöfe entworfen, einen nur mit Magnolien, einen mit Steinen, mit Urnen, mit einem Kolumbarium oder einem Rosenteich für Wasserbestattungen.

„Man kann nicht nur wählen, wie das Grab aussehen soll, sondern auch, in welcher Gesellschaft man liegen möchte.“

Die Magnolienbäume habe ich extra gewählt, weil sie nur zwei Wochen im Jahr blühen, das sieht atemberaubend schön aus. In dieser Zeit finden die Familien der Verstorbenen dort zusammen, weil sie die Schönheit bewundern wollen. Und danach kehren sie gemeinsam die Blütenblätter weg. Das ist zu einem verbindenden Ritual geworden. Es hat sich sogar ein Paar aus den Familien der Verstorbenen gefunden. Man kann eben nicht nur wählen, wie das Grab aussehen soll, sondern auch, in welcher Gesellschaft man liegen möchte. Neben Menschen, die dasselbe mögen, Magnolien zum Beispiel oder wilde Blumen ohne Grabsteine. Auf dem Friedhof gibt es außerdem ein Museum zur Kultur des Todes und daneben ein Café. Das Schönste ist, es kommen nicht nur Friedhofsbesucher, sondern auch Leute aus der Nachbarschaft zum Spazierengehen oder Fahrradfahren. Der Friedhof ist eine grüne Oase, Teil der Stadt und Teil des Lebens.

Bart Brands, 59, niederländischer Landschafts- und Friedhofsarchitekt
Bart Brands, 59, niederländischer Landschafts- und Friedhofsarchitekt Foto: Jaimy Gail

In Berlin gibt es 600 Friedhöfe nur für klassische Gräber, obwohl immer weniger Leute so eine Bestattung wollen. Was für eine Verschwendung von Freiraum! Auch der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, den wir gerade umbauen, der größte in Europa, benötigt eigentlich nur noch drei Viertel seiner Fläche. Es gibt viel mehr Feuerbestattungen, und Urnen brauchen eben weniger Platz. Es gibt jetzt schon Firmen, die mit Verfahren experimentieren, die den Körper nach dem Tod nahezu rückstandsfrei auflösen. Viele ältere Grabstätten sind heute so verschmutzt wie Industrieböden, all die Prothesen, künstlichen Gelenke und Zahnfüllungen gelangen ja auch in die Erde. Das ergibt nicht den besten ökologischen Fußabdruck.

In Japan gibt es schon digitale Friedhöfe, damit meine ich nicht einfach QR-Codes am Grab, sondern Web-Trauerportale, Friedhof-Apps mit einem virtuellen Grab. So etwas wie Facebook könnte einmal der größte Friedhof der Welt werden. Schon heute sind Familien und Freunde auf so unterschiedlichen Kontinenten verteilt. Welchen gemeinsamen physischen Ort der Trauer soll man da wählen? Es ist doch schön, einfach eine digitale Blume hinterlassen zu können.


Emil Kendziorra

Unsere Kunden sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Ich glaube, die drei Hauptmotivationen, warum sie sich kryokonservieren lassen wollen, sind: Sie leben gerne. Sie fürchten den Tod. Oder sie sind neugierig auf die Zukunft und den technischen Fortschritt.

Emil Kendziorra hilft jenen in Europa, die sich nach dem Tod einfrieren lassen wollen.
Emil Kendziorra hilft jenen in Europa, die sich nach dem Tod einfrieren lassen wollen. Foto: Nora Hollstein

Wenn einem unserer Kunden etwas passieren sollte, müssen wir sofort zu ihm und mit der Konservierung beginnen. Also maximal wenige Stunden nachdem er von einem Arzt juristisch für tot erklärt worden ist. Biologisch beginnt die Zersetzung, sobald das Herz aufhört zu schlagen, wenn kein Sauerstoff mehr verfügbar ist, fangen die Zellen an zu sterben. Wir holen den Körper mit einem Ambulanzwagen ab und beginnen darin, den Toten zu beatmen, und geben ihm eine Herzdruckmassage, damit die Zellen und vor allem das Gehirn erhalten bleiben, und beginnen gleichzeitig, den Patienten zu kühlen. Uns bleibt mehr Zeit, als mancher denkt. Kälte erhält die Strukturen. Aber werden die Zellen nicht auf die richtige Weise eingefroren, können sich Eiskristalle bilden und sie zerstören. Wir lassen eine Art Frostschutzmittel in die Blutlaufbahn perfundieren und verhindern so die Bildung von Eiskristallen. Danach wird der Körper von außen mit Trockeneis auf minus 78 Grad gekühlt. So steht er dann in einer doppelwandigen Kapsel wie in einem aufrechten Sarg in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad. Momentan überführen wir die Körper noch nach Amerika, aber wir bauen schon an einer Stätte in der Schweiz.

„Kryokonservierung bietet zumindest eine theoretische Chance, in der Zukunft vielleicht wieder aufzuwachen.“

Weltweit haben sich bisher 400 bis 500 Menschen kryokonservieren lassen. Bislang wurde noch keiner wiedererweckt. Es gibt nur Versuche im Labor mit Modellorganismen. Aber immerhin gibt es so zumindest eine theoretische Chance, bei verbesserter Technik in der Zukunft möglicherweise aufzuwachen, die gibt es beim Einäschern nicht. Vielleicht gibt es in der Zukunft ja ein Medikament gegen die Krankheit, an der jemand gestorben ist? Dem Argument, das sei nur Geldmacherei, halte ich entgegen, dass die Stiftungen nicht so viel daran verdienen und ihr Geld nur für Forschung ausgeben. Eine Kryokonservierung kostet ungefähr 200.000 Euro. Davon werden etwa 70.000 Euro für die Konservierung benötigt, für Team und Mittel. Mit rund 10.000 Euro wird die Organisation mitfinanziert. Und 120.000 Euro werden angelegt, um von den Zinsen die Kryokonservierung langfristig zu erhalten. Das Geld trägt die Kosten für medizinische Prozeduren in der Zukunft und dient als eine Art Startguthaben und für die Reintegration in die zukünftige Gesellschaft, nachdem der Patient zum Leben erweckt worden wäre.

Emil Kendziorra, 35, Vorstandsvorsitzender der schweizerischen Biostasis-Stiftung, die Kryokonservierung anbietet.
Emil Kendziorra, 35, Vorstandsvorsitzender der schweizerischen Biostasis-Stiftung, die Kryokonservierung anbietet. Foto: Nora Hollstein

In einigen Ländern ist die Kryokonservierung als Bestattungsmöglichkeit nicht erlaubt. Auch in Deutschland ist es keine anerkannte Bestattungsmöglichkeit. Es geht nur, wenn es rechtlich als Körperspende für die Forschung zertifiziert wird. Es kann also niemand als Bestattungswunsch für sich wählen. Trotzdem gibt es etwa in den amerikanischen Lagerstätten Orte, zu denen die Angehörigen zum Gedenken hinkommen können. Das planen wir auch für die Schweiz.


Eric Wrede

Ich war früher Musikmanager. Es waren tolle Jahre. Trotzdem habe ich mich irgendwann nach einer Arbeit gesehnt, nach der ich befriedigter nach Hause gehe. Zufällig habe ich ein Radiointerview mit dem Bestatter Fritz Roth gehört, der über eine humane Bestattungskultur sprach, und ich fing an, mich damit zu beschäftigen. Als schließlich ein enger Freund an Krebs verstarb, sagte ich mir, worauf wartest du eigentlich? Ich habe mich für ein Praktikum beworben und den Beruf von der Pike auf gelernt.

„Wir wollen uns so verabschieden, wie wir gelebt haben, vielleicht etwas bunter als der Rest.“

Über die Bestattungsbranche wird viel gemeckert, weil sie undurchsichtig und teuer ist. Mich interessiert aber nicht, ob Sie einen Eichensarg oder eine Marmorurne für viel Geld kaufen, sondern was für Schritte Sie zwischendurch gehen. Ob ich organisieren kann, dass Sie Ihre Oma noch einmal sehen, wenn sie im Krankenhaus verstorben ist. Ich würde Ihnen auch helfen, sie anzukleiden, und Ihnen raten, die Oma ganz schnell anzuziehen oder 24 Stunden zu warten, dann verschwindet die Leichenstarre wieder. Ich würde Ihnen raten, den Mund mit einem Tuch nach oben zu binden, damit er verschlossen bleibt, oder wie früher Fährgeld auf die Augen zu legen, damit sie zubleiben. Ich bin gegen invasive Methoden, ich würde den Mund nie zunähen oder Kontaktlinsen mit kleinen Widerhaken auf die Augen kleben, wie es andere Bestatter tun. Wer will so etwas mit einem geliebten Menschen machen lassen? Das Hergeben des Körpers ist für Angehörige immer der schwierigste Moment.

Eric Wrede, 41, Bestatter bei lebensnah in Berlin und Host des Podcasts „The End“
Eric Wrede, 41, Bestatter bei lebensnah in Berlin und Host des Podcasts „The End“ Foto: Nora Hollstein

Wenn wir über den Tod sprechen, wählen wir oft so eine bedächtige Sprache, ich wähle eine schlichte, alltägliche Sprache. Die Generation, die jetzt Entscheidungen trifft, schaut auch anders auf Abschiedsprozesse als die Generation davor. Die Babyboomer-Jahrgänge achten viel mehr auf ihr psychologisches Wohlbefinden, dazu gehört auch der Umgang mit dem Tod. Seit den 1980ern sind wir als Gesellschaft dabei, uns eine eigene Abschiedskultur zu erarbeiten, erst mit der Hospizbewegung, dann mit der Schwulenbewegung, die überlegt hat, wie sie ihre Aidstoten verabschiedet. Deren Idee war: Wir wollen uns so verabschieden, wie wir gelebt haben, vielleicht etwas bunter als der Rest. Solche Gedanken kommen jetzt mehr im Mainstream an. Und auf so etwas achte ich auch, dass alles zum Verstorbenen passt.

Leider gibt es viele rechtliche Vorschriften, die ich selbst bis heute nicht verstehe. Warum ist es zum Beispiel offiziell nicht erlaubt, ein bisschen Asche in ein Amulett zu füllen? Oder warum wird immer wieder diskutiert, wenn Angehörige auf dem Friedhof die Urne selbst tragen wollen? Ich versuche zwischen den rechtlichen Graubereichen und den menschlichen Wünschen zu vermitteln.

Leider können sich die Menschen seit Corona nicht mehr richtig verabschieden. Rituale fallen weg, es gibt keinen letzten Blick auf den Körper. Corona ist wie ein Brennglas auf Probleme, die vorher schon da waren. Es fehlt an Abschiedsräumen in Krankenhäusern, erst einige wenige haben damit überhaupt angefangen. Es zeigt sich auch eine Unfähigkeit zu öffentlicher Trauer. Niemand traut sich, die große Geste zu machen, wenn jemand stirbt. Natürlich schütze ich mich und passe vielleicht mehr auf, dass der Tote nicht noch mal stark ausatmet, wenn ich ihn bewege. Aber ein Corona-Toter wird von mir genauso bestattet wie jeder andere.

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Perspektiven von Jugendlichen Eine Generation, viele Träume
Reiten in Patagonien Im Sattel der Welt entfliehen

Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 01.07.2021 16:41 Uhr