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Nachhaltigkeit neu denken : Wir brauchen mehr Zukunft

Plastik im Meer, sterbende Fichten – das will niemand. Aber wie sieht das bessere, moderne Morgen aus? Bild: F.A.Z. Quarterly

Solange wir uns Nachhaltigkeit nur als Verzicht vorstellen können, solange wird das nichts mit einer besseren Welt. Wir müssen Ressourcen anzapfen, die unerschöpflich sind: Geist, Witz, Imagination.

          4 Min.

          Kaum etwas ist so nachhaltig wie die Nachhaltigkeit: Das Prinzip wurde im 17. Jahrhundert formuliert – und in diesem Sommer, da die Fichten sterben, erledigt von der Dürre und den Borkenkäfern, können wir all seine schrecklichen Konsequenzen besichtigen. Nachhaltigkeit ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft; er besagt, dass man nicht mehr Bäume fällen soll, als zur selben Zeit nachwachsen. Und weil die Fichten sehr gut nachwachsen, haben wir jetzt die Monokultur. Und die Desaster, die daraus folgen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und so schallt es heraus aus unseren Wäldern, dass Nachhaltigkeit kein Wert an sich ist. Was dem Marktwert des Begriffs aber anscheinend nicht schaden kann. Wer immer irgendetwas zu verkaufen hat und dabei am Plastik, am Wasser, woran auch immer spart, nennt, was er da tut: nachhaltig.

          Ein Gleichgewicht des Schreckens

          Und wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der überhaupt keine Ressourcen mehr verschwendet würden, dann sähen wir vor uns, wie Menschen in naturbelassenen Kleidern in selbstgepflückte Biofrüchte beißen, auf selbstrecycelten Fahrrädern ihre Ferienreise nur ins nächstgelegene Mittelgebirge machen; und zum Einkaufen gehen sie, wenn sie überhaupt etwas einkaufen, mit einer zehn Jahre alten, selbstgeflickten Tasche aus heimischem Hanf. Es ist ein säkularisiertes protestantisches Jammertal – so nachhaltig, dass wir diese Vision seit zwanzig, dreißig Jahren kennen. Wenn es nicht schon fünfhundert sind.

          F.A.Z. Quarterly
          Dieser Text ist aus dem neuen F.A.Z. Quarterly

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          Kaum etwas ist so nachhaltig wie die Vorstellung, dass wir, wenn wir die Ressourcen des Planeten schonen und erhalten wollen, die Luft, das Wasser, die Pflanzen und die Tiere: dass wir uns dann beschränken müssen. Dass unser Leben dann nur die Schwundstufe des Lebens sein kann, das wir heute führen. Keine Verschwendung, keine Mode, kein Luxus, und alles Alte wird geflickt, gewaschen und repariert, bis Form und Farben verschwunden sind. Etwas Neues kommt nicht mehr, weil nämlich für alles Neue auch neue Ressourcen erschlossen werden müssten.

          Vermutlich wäre es zynisch zu sagen, dass es letztlich egal sei, ob die Zivilisation an einem Mangel an sauberem Wasser, guter Luft und dem Verschwinden der Arten zugrunde geht; oder ob sie am Mangel an Lust, Sinnlichkeit und dem Verschwinden von allem Überflüssigen, Verrückten und Exzessiven verdorrt. Aber das Gleichgewicht, das mit Verzicht und Askese zu erreichen wäre, wäre ein Gleichgewicht des Schreckens. Ein Jammertal.

          Der menschenunwürdigste Billigflug

          Genau das Gegenteil ist also erstrebenswert: Damit beim Alten bleiben oder zum alten Zustand zurückkehren kann, was erhalten, gerettet, wiederhergestellt werden muss als Grundlage für unser Überleben, also jene Ressourcen der Natur, die wir gerade verschwenden, vergiften, verheizen: Damit das alles bleibt, muss sich als Allererstes vielleicht nicht alles, aber sehr, sehr vieles ändern. Es müssen Ressourcen angezapft werden, die, wenn man sie nutzt, nicht weniger, sondern eher mehr werden. Also Geist und Intelligenz, Imagination, Neugier und die Freude an allem Neuen.

          Und am Anfang müsste die Einsicht stehen, dass unser Leben, so wie es heute ist, nicht gut genug ist, als dass wir uns mit dessen ärmlicher Schwundstufe zufriedengeben könnten. Nicht ein ärmeres, sondern ein anderes, ein reicheres Leben wäre das Projekt – nur dass man diesen Reichtum halt nicht am Benzinverbrauch eines Verbrennungsmotors oder dem Besitz einer Frequent-Traveller-Karte messen würde. Oder an der Frage, wer die dicksten Würste aus billigem Fleisch auf seinen Grill legen kann.

          Aber natürlich haben all jene recht, die dagegen sind, all diesen Ressourcenraubbau zu verbieten: nicht, weil das Verbrennen von Kohle, Öl und Regenwäldern doch nicht so schlimm wäre. Sondern weil noch das wässrigste Grillfleisch und der menschenunwürdigste Billigflug zu Kostbarkeiten werden, wenn man sie verbietet.

          Das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit

          Wenn man dagegen kenntlich machen will, wie armselig und schäbig solche vermeintlichen Vergnügungen sind; wenn man weiterhin Bauindustrie und Verkehr, die zu den schlimmsten Ressourcenverschwendern gehören, vorführen will als die Produzenten von maximalem Unglück, welches der Dauerstau und die zersiedelten Vororte letztlich sind: Dann muss man bessere Angebote bereitstellen. Dann brauchen wir Träume, Pläne, Visionen von anderen Wohnungen, anderen Häusern, anderen Arbeitsplätzen, anderen Fortbewegungsmitteln. Dann müssen wir uns verabschieden von der extrem schlechten und immer noch sehr populären Angewohnheit, solche Phänomene wie Verkehr, Arbeit, Familie und Gesellschaft immer nur linear und jedes für sich weiterzudenken. Sonst bauen wir nämlich Straßen, die zu Bürovierteln führen, in denen niemand mehr arbeitet. Büros für Tätigkeiten, die längst von Maschinen verrichtet werden. Wohnungen für Familien, die es in der Vater-Mutter-zwei-Kinder- Norm kaum noch gibt. Genau so wird aber heute gewirtschaftet – was die Verschwendung materieller, geistiger und gesellschaftlicher Ressourcen zugleich bedeutet. Und während die einen das Autofahren zurückdrängen wollen, fördern die anderen das Bauen auf traditionelle Art – obwohl das eine so schmutzig ist wie das andere.

          Am Beginn einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft müsste also das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit stehen. Eine große Radikalität beim Infragestellen der gegebenen Verhältnisse. Eine noch größere Bereitschaft, sich dem Neuen, den Moden, Trends, Ideen hinzugeben.

          Umweltverträglichkeit zur Selbstverständlichkeit machen

          Erst wenn es uns, also all denen, die sich mit dem Denken, dem Imaginieren, dem Planen und dem Herstellen von Möglichkeiten beschäftigen, erst wenn es uns gelingt, den gegebenen Verhältnissen die Vorstellung besserer Verhältnisse gegenüberzustellen, wird es auch gelingen, den sogenannten Rechtspopulismus, der sich in nahezu allen Ländern der westlichen Welt breitmacht, wieder zurückzudrängen. Dessen Versprechen laufen letztlich nämlich immer wieder nur auf eines hinaus: dass alle so bleiben dürfen, wie sie sind. Dass alle behalten dürfen, was sie haben. Der Klimawandel: existiert nicht. Die Verschmutzung von Luft und Wasser: halb so schlimm. Die Begrenztheit sämtlicher Ressourcen: nichts als Propaganda. Bleibt, wie ihr seid, behaltet, was ihr habt – und wir sorgen dafür, dass weder durchgeknallte Umweltschützer noch Feministinnen oder Migranten euch etwas davon streitig machen.

          Es ist eine Lüge, dieses Versprechen – aber es wird so lange verführerisch bleiben, solange die Alternative dazu, also eine nachhaltige, ressourcenschonende Lebensform, sich nur als Verzicht, Beschränkung, Sparsamkeit, als Schwundstufe also der gegebenen Verhältnisse beschreiben lässt.

          Im Grunde geht es wohl darum, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zu einer Selbstverständlichkeit zu machen – und zur reinen Nebensache. Die Hauptsache: das ist die Frage nach neuen Lebensentwürfen, neuen Techniken, neuen Materialien. Nach neuen, menschenfreundlicheren Methoden, Häuser und Städte zu bauen, sich fortzubewegen, Dinge herzustellen, an denen man sich freuen kann. Dass dabei nachhaltig gewirtschaftet wird, das wäre gewissermaßen die Grundlage dafür, die Regel, die sich von selbst verstünde – letztlich eine Frage der Höflichkeit gegenüber den Mitmenschen, der Umwelt, vor allem aber künftigen Generationen.

          In diesem Sinn könnte es doch gelingen, dass uns eine nachhaltige Lebensweise nicht als traurige Sparversion der Gegenwart erscheint. Sondern als eine Befreiung.

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