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Nachhaltigkeit neu denken : Wir brauchen mehr Zukunft

Das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit

Wenn man dagegen kenntlich machen will, wie armselig und schäbig solche vermeintlichen Vergnügungen sind; wenn man weiterhin Bauindustrie und Verkehr, die zu den schlimmsten Ressourcenverschwendern gehören, vorführen will als die Produzenten von maximalem Unglück, welches der Dauerstau und die zersiedelten Vororte letztlich sind: Dann muss man bessere Angebote bereitstellen. Dann brauchen wir Träume, Pläne, Visionen von anderen Wohnungen, anderen Häusern, anderen Arbeitsplätzen, anderen Fortbewegungsmitteln. Dann müssen wir uns verabschieden von der extrem schlechten und immer noch sehr populären Angewohnheit, solche Phänomene wie Verkehr, Arbeit, Familie und Gesellschaft immer nur linear und jedes für sich weiterzudenken. Sonst bauen wir nämlich Straßen, die zu Bürovierteln führen, in denen niemand mehr arbeitet. Büros für Tätigkeiten, die längst von Maschinen verrichtet werden. Wohnungen für Familien, die es in der Vater-Mutter-zwei-Kinder- Norm kaum noch gibt. Genau so wird aber heute gewirtschaftet – was die Verschwendung materieller, geistiger und gesellschaftlicher Ressourcen zugleich bedeutet. Und während die einen das Autofahren zurückdrängen wollen, fördern die anderen das Bauen auf traditionelle Art – obwohl das eine so schmutzig ist wie das andere.

Am Beginn einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft müsste also das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit stehen. Eine große Radikalität beim Infragestellen der gegebenen Verhältnisse. Eine noch größere Bereitschaft, sich dem Neuen, den Moden, Trends, Ideen hinzugeben.

Umweltverträglichkeit zur Selbstverständlichkeit machen

Erst wenn es uns, also all denen, die sich mit dem Denken, dem Imaginieren, dem Planen und dem Herstellen von Möglichkeiten beschäftigen, erst wenn es uns gelingt, den gegebenen Verhältnissen die Vorstellung besserer Verhältnisse gegenüberzustellen, wird es auch gelingen, den sogenannten Rechtspopulismus, der sich in nahezu allen Ländern der westlichen Welt breitmacht, wieder zurückzudrängen. Dessen Versprechen laufen letztlich nämlich immer wieder nur auf eines hinaus: dass alle so bleiben dürfen, wie sie sind. Dass alle behalten dürfen, was sie haben. Der Klimawandel: existiert nicht. Die Verschmutzung von Luft und Wasser: halb so schlimm. Die Begrenztheit sämtlicher Ressourcen: nichts als Propaganda. Bleibt, wie ihr seid, behaltet, was ihr habt – und wir sorgen dafür, dass weder durchgeknallte Umweltschützer noch Feministinnen oder Migranten euch etwas davon streitig machen.

Es ist eine Lüge, dieses Versprechen – aber es wird so lange verführerisch bleiben, solange die Alternative dazu, also eine nachhaltige, ressourcenschonende Lebensform, sich nur als Verzicht, Beschränkung, Sparsamkeit, als Schwundstufe also der gegebenen Verhältnisse beschreiben lässt.

Im Grunde geht es wohl darum, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zu einer Selbstverständlichkeit zu machen – und zur reinen Nebensache. Die Hauptsache: das ist die Frage nach neuen Lebensentwürfen, neuen Techniken, neuen Materialien. Nach neuen, menschenfreundlicheren Methoden, Häuser und Städte zu bauen, sich fortzubewegen, Dinge herzustellen, an denen man sich freuen kann. Dass dabei nachhaltig gewirtschaftet wird, das wäre gewissermaßen die Grundlage dafür, die Regel, die sich von selbst verstünde – letztlich eine Frage der Höflichkeit gegenüber den Mitmenschen, der Umwelt, vor allem aber künftigen Generationen.

In diesem Sinn könnte es doch gelingen, dass uns eine nachhaltige Lebensweise nicht als traurige Sparversion der Gegenwart erscheint. Sondern als eine Befreiung.

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