https://www.faz.net/-hrx-a1yt9

Waffen in Amerika : Wer fühlt sich sicher, wenn alle Pistolen tragen?

  • -Aktualisiert am

Die Polizei sieht es ähnlich. „Ich bin seit 28 Jahren im Dienst und hatte noch nie ein Problem mit einem gesetzestreuen Bürger, der eine Pistole trägt“, meint Tommy Klein, der örtliche Polizeichef. Wie viele Einwohner eine Pistole, eine Shotgun oder ein Sturmgewehr besitzen, weiß er nicht: Es gibt keine Datenbank, die solche Informationen erfasst. „Im ländlichen Raum gehören die Jagd und das Sportschießen zum Lebensgefühl dazu, schon die Kinder wachsen damit auf.“ Selbst wenn er keinen Dienst hat, trägt der Beamte seine Pistole immer bei sich. „Eine Walther PPQ M2“, sagt Klein und strahlt. „17 Patronen, leicht zu handhaben, sehr zuverlässig. Ich liebe sie.“

Lauren Boebert, die Besitzerin des „Shooters“ möchte republikanische Kongressabgeordnete werden und zeigt sich gerne mit ihrer Waffe.
Lauren Boebert, die Besitzerin des „Shooters“ möchte republikanische Kongressabgeordnete werden und zeigt sich gerne mit ihrer Waffe. : Bild: AP

Der Polizeichef glaubt, dass ihm im Ernstfall seine bewaffneten Mitbürger zur Hilfe kämen, sollte er auf Streife in Schwierigkeiten geraten. Die Aussage ähnelt verblüffend dem Leitsatz, den die NRA der Bevölkerung seit Jahren einbleut: „Der Einzige, der einen bösen Typen mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Typ mit einer Waffe.“ Aber wie würde die Polizei bei einer Schießerei überhaupt unterscheiden können, wer „gut“ und wer „böse“ ist? „Ich hoffe, dass ich nie in diese Situation komme“, räumt Klein ein. In einem solchen Fall würden die Beamten alle Beteiligten auffordern, ihre Waffen niederzulegen. „Die guten Leute würden das dann auch tun.“

Im „Shooters Grill“ brummt am frühen Nachmittag der Laden. Die meisten Kunden tragen keine sichtbaren Pistolen. Nur bei einem Mann Mitte 30, der seine Frau und seine zwei Kinder zum Essen ausführt, ist das Lederholster am Gürtel sichtbar. Manche Gäste tragen Pullover mit aufgenähten US-Flaggen, andere haben Tarnanzüge an. Ein betagter Mann mit Krückstock legt seine rote NRA-Mütze auf den Tresen. Doch man sieht auch viele „Normalos“. Unter dem T-Shirt eines jungen Mannes, der wie ein College-Boy aussieht, zeichnet sich eine verdächtige Silhouette ab. Eine Friseurin, die in Rifle geboren wurde, erzählt, sie habe als Kind sogar ihre Gewehre mit zur Schule genommen: „Damit sind wir hinterher gleich zur Elchjagd gegangen. Da hat niemand komisch geguckt, das war ganz normal.“

„Alles andere ist doch liberaler Bullshit“

Tina Pasieta gehörte anfangs zu denen, die das eher seltsam finden. Die 28-Jährige aus Chicago wohnt seit 2014 in Rifle. „Ich habe meine Einstellung komplett geändert, seit ich hier wohne“, erzählt die junge Frau. „Waffenfreie Zonen sind doch geradezu eine Einladung an Gangster.“ Sie hofft, dass sich die Gesetze nie verschärfen, denn als Amerikaner müsse man sich im Ernstfall selbst verteidigen können, statt den Notruf zu wählen. „Alles andere ist doch liberaler Bullshit.“

Natürlich denken auch in Rifle nicht alle gleich. Auf dem Walmart-Parkplatz steht ein mit Aufklebern übersätes Auto: „Ich bin kein Republikaner“, „Amtsenthebung für Trump!“, „Hört auf, euren Rassismus als Patriotismus zu tarnen!“ Die Dame an der Hotelrezeption hat eine eigene Idee, wofür der Papp-Trump im „Shooters“ nützlich sein könnte: „Da drauf sollten sie ihre Schießübungen machen. Es träfe den Richtigen.“

Was am Ende hier alle vereint, ist ihre klare Meinung zu Waffen, egal ob pro oder contra. Nur eine Person stand nicht für ein Interview bereit: Lauren Boebert, die Besitzerin des „Shooters“. Sie möchte republikanische Kongressabgeordnete werden und befindet sich derzeit im Wahlkampf. Auf ihrer Website trägt sie Blazer, Jeans und Halskette. Und eine Waffe

Weitere Themen

Topmeldungen

Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.