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Bedeutung von Testosteron : Sind Männer ihren Hormonen ausgeliefert?

Es heißt, der Mann sei nie ganz zurechnungsfähig – solange noch relativ ungebremst das Testosteron durch seinen Körper zirkuliere. Aber stimmt das? Bild: dpa

Testosteron bedeutet noch immer Stärke, Fertililtät, Erfolg. Aber ist es wirklich der Gradmesser von Männlichkeit? Noch sind dazu längst nicht alle Fragen beantwortet. Über den Mythos einer Molekül-Kombination.

          6 Min.

          Da war es wieder, dieses Wort, mit dem sich alles entschuldigen lässt. Das den kleinen Unterschied plötzlich richtig groß macht. Er sei nie ganz zurechnungsfähig, der Mann, solange es noch relativ ungebremst durch seinen Körper zirkuliere, das Testosteron. Weil Hormone eben die Tendenz hätten, das Gehirn auszuschalten, behauptete Ulrich Tukur vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview, in dem es um Liebe, Betrug, Rache, Beziehungen, Parallelwelten und das Ende des Lebens ging, und sprach sich und seine Geschlechtsgenossen von der Verantwortung frei. Im Alter, ja, da werde es besser. Er selbst? Der Mann an sich? Seine Hormonwerte? Vielleicht ja auch der Umgang mit einem Begriff, der 19 Kohlenstoff-, 28 Wasserstoff- und zwei Sauerstoffatome zusammenfasst und auf besondere Weise arrangiert. Testosteron, das bedeutet noch immer Stärke, Dominanz, Furchtlosigkeit, Macht, Kampf, Sex, Fertilität, also Erfolg auf ganzer Linie. Nur keine Schwäche. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir schreiben das Jahr 2019. Achtzig Jahre, nachdem Adolf Butenandt und Leopold Ružička, denen die Synthese unabhängig voneinander gelang, mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden für ihre Erforschung der Steroidhormone, hat Testosteron nichts von seiner Mystik verloren. Eher an Bedeutung gewonnen, da seine Rolle im männlichen und weiblichen Körper weitaus komplexer ist, als es das anabole Klischee erahnen lässt. Natürlich, die männliche Anatomie steht unter seinem Einfluss, die frühe Entwicklung des Embryos, das Gehirn, aber auch die Penisarchitektur. Mit Diabetes, Übergewicht oder Knochendichte beschäftigen sich allerdings nur die wenigsten, erst recht nicht jene, die den Mann als testosterongetriebenes, empathieloses Muskelpaket begreifen.

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          Einen Extrakt aus Meerschweinchen- oder anderen Tierhoden würde sich heute niemand mehr spritzen, dabei war ein solch wundersames „Lebenselixir“ in Amerika Ende des 19. Jahrhunderts ein echter Bestseller. Damals wurde auch noch mehr über die Leistungssteigerung von Sportlern nachgedacht als über deren Kontrolle. Oder über die Untersuchung der Weiblichkeit. Da der Internationale Leichtathletikverband IAAF aber inzwischen einen Testosterongrenzwert festsetzt, wenn Frauen mittlere Distanzen von 400 Metern bis zu einer Meile laufen, hat der Kampf der Geschlechter jetzt die Molekülebene erreicht. Die Athletinnen dürfen eine Menge von fünf Nanomol je Liter Blut nicht erreichen oder gar überschreiten, sie müssten sonst entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, im weiblichen Körper seien Mengen zwischen 0,1 und 1,8 Nanomol je Liter üblich.

          Mit dem für Läuferinnen festgelegten Wert wäre vermutlich kein Mann besonders glücklich, acht Nanomol gelten für ihn als untere Grenze. Und weil niemand mehr für Kirche oder Opernbühne ein paar Hoden opfern würde, um Knaben vor dem Stimmbruch zu bewahren, müssen heute sowieso andere die berühmten Arien der Kastraten singen. Trotz ihres Erfolgs waren sie Opfer ihrer Zeit. An ihnen zeichnete sich ab, wie der menschliche Körper auf Eingriffe reagiert, die in der Tierzucht üblich sind, um Stiere, Hengste oder auch Hähne gefügig zu machen. Beobachtungen im Tierreich und Studien an Vögeln, Rotwild, Nagetieren oder Primaten können den Menschen nicht bis ins letzte Detail erklären. Entfernt man einem Jungen die Hoden, würde fortan zu wenig Testosteron produziert, die Nebennierenrinde könnte den Verlust nicht ausgleichen, der Bartwuchs bliebe aus, der Penis würde sich nicht richtig entwickeln.

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