https://www.faz.net/aktuell/stil/quarterly/neun-portraets-die-neuen-erfinder-der-mode-17331919.html

Die Erfinder

Foto: Damien Malony

Man kann das Problem der modischen Überproduktion lindern, indem man sie in die digitale Sphäre verlegt. Oder klimaschädliches CO₂ nutzen, um daraus neue Textilien zu produzieren. Wieder andere entwickeln Kleidung, die die Gefühle ihres Trägers kommuniziert. Es kommt auf die richtigen Ideen und den Mut an, sie tatsächlich zu verwirklichen.

Wir stellen findige Geister vor, die sich nicht mit dem Status Quo zufrieden geben wollen, sondern Mode neu erfinden – egal, in welcher Sphäre.

Text: CELINA PLAG

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Angela Caglia (49), Los Angeles

Foto: Arianna Lago

Im All altert die Haut schneller als auf der Erde. Wie und warum – und was dagegen zu tun ist –, daran forschen Nasa und Esa. Weil Hautalterung auch auf der Erde ein Thema ist, verfolgt die Kosmetikindustrie die Ergebnisse genau. Gerade steht die Wirkung von LED-Licht im Fokus. Im All lässt es Pflanzen wachsen, hier auf der Erde könnte es das Hautbild positiv beeinflussen. Das zumindest hofft die Kosmetikerin Angela Caglia, die einen Schönheitssalon in Beverly Hills führt. „Das künstliche Licht beschleunigt die Wundheilung und regt die Kollagen-Produktion an“, sagt sie. Zusammen mit der koreanischen Marke Cellreturn bietet sie einen Helm für den Hausgebrauch an, der die LED-Technologie nutzt und Falten, Rötungen und Unreinheiten behandeln soll. Ob man die Hautalterung mit Licht wirklich aufhalten kann, kann man ab sofort nicht nur in Hollywood testen, sondern als Space-Tourist im All oder in der Privatheit der eigenen vier Wände. Angela Caglia vertreibt den Helm unter eigenem Namen in Deutschland beispielsweise über die digitale Plattform Niche-Beauty.


Mathilde Rougier (23), Paris

Foto: Spela Kasal

„Mode ist eine der schmutzigsten Industrien der Welt. Wie kann ich die Beschäftigung mit ihr rechtfertigen?“, fragt Mathilde Rougier. Für ihre Abschlusskollektion am Londoner Central Saint Martins suchte die Designstudentin einen umweltfreundlichen Ansatz: Um keinen weiteren Abfall zu produzieren, arbeitete sie mit quadratisch zugeschnittenen Stoffresten. Bei der Frage, wie sie die vielen bunten Bausteine zu einem harmonischen Ganzen zusammensetzen kann, half ihr eine Künstliche Intelligenz. „Für die Visualisierung von Möglichkeiten und die Optimierung von Ressourcen ist KI großartig – die finale Entscheidung, wie etwas aussieht, treffe aber immer noch ich.“ Ihre Kollektion sollte dabei nicht nur nachhaltiges, sondern auch kreatives Potential ausschöpfen. Rougier spielt daher mit aufwendigen skulpturalen Formen und Volumen. Weil man heute viel Zeit online verbringt, hat Rougier ihre Kollektion auch als Pixelversion programmiert. Ihre Entwürfe lassen sich somit auch in digitalen Welten tragen. Statt „One size fits all“ heißt es hier: Ein Entwurf passt für alle Sphären – im Hybriden liegt auch eine grüne Perspektive.


Viviane Gut (38), Caspar Coppetti (45), ON, Zürich

Foto: Flavio Karrer

Wie sehr die Erde auf unseren Schutz angewiesen ist, ist dem Mitgründer des Schweizer Sportswear-Labels ON schmerzlich bewusst: „Hier in den Alpen spürt man die Folgen des Klimawandels besonders stark“, sagt Caspar Coppetti, der seit dem ersten Lockdown in sein Herkunftsdorf im Engadin zurückgekehrt ist. Naturschutz ist für ihn Herzenssache, schließlich geht es auch um die Bewahrung seiner Heimat. Bei der Herstellung von Laufschuhen verwendet das Unternehmen biobasiertes Polyamid und Polyester aus der Rizinusbohne, die selbst in der Wüste wächst und keine Agrarflächen für Nahrungsmittel beansprucht. Außerdem setzen die Schweizer auf Kreislaufwirtschaft. Dabei orientieren sie sich an der Idee des geschlossenen Kreislaufs, die in der Raumfahrt umgesetzt wird: Alles muss möglichst wiederverwertbar sein, denn im All kommt man nicht an neue Ressourcen. Im Herbst kann man das Ergebnis auf der Erde testen und das Modell Cyclon im Monatsabo bestellen. Ist der Schuh verschlissen, schickt man ihn zurück, er wird komplett recycelt und zu einem neuen Schuh verarbeitet. Neue Schuhe erhält der Abonnent dabei, so oft er will. Viviane Gut (im Bild links), die als Head of Sustainability für das Unternehmen tätig ist, sagt: „Nachhaltigkeit heißt nicht automatisch Verzicht.“


Johwska, Johanna Jaskowska (28), Madrid

Foto: Laia Benavides CGI Concept: Johanna Jaskowska CGI Design: Services Generaux Styling: Débora Traiè Fotoassistenz: Enrique Escandell

Wer sich durch die Filter von Johanna Jaskowska betrachtet, mit denen sie auf Instagram gut 630.000 Follower fasziniert, bei dem verwandelt sich in der Augmented Reality – der erweiterten Realität – das Gesicht in eine nassglänzende Lackschicht; den „Stoff“ für das erste digitale Couture-Kleid programmierte sie schwebend und irisierend wie eine Seifenblase. Mit ihren Anwendungen zeigt die Digital-Kreative: Wo die physische Begrenzung von Mode und Körper in der digitalen Welt aufgehoben ist, ergeben sich vollkommen neue Möglichkeiten für Form und Beschaffenheit. Für Jaskowska sind die spielerischen Filter ein wichtiger Anfang: Das Verpacken komplexer Technik in schillernde Oberflächen hilft, einem breiten Publikum die Augmented Reality verständlich zu machen. Sie selbst ist schon weiter: Gerade entwickelt sie eine spekulative Schmuckkollektion, mit der sie der Frage nachgeht, wie sich unsere Sinne in der Augmented Reality zukünftig erweitern lassen. Dann hätte ein Schmuckstück für das Ohr nicht mehr nur eine ästhetische Funktion, sondern würde seinem Träger außerdem ermöglichen, die inneren und äußeren Klangwelten beliebig zu steuern. Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist: Für Jaskowska steht fest, dass diese Realität neue Sphären erschließen wird.


Sensoree, Kristin Neidlinger (47), San Francisco

Foto: Damien Malony

Ihr Lieblingsgefühl? „Das, bei dem man laut ‚Woaaah!‘ ruft, weil man von einer Situation so positiv überwältigt ist“, sagt Kristin Neidlinger. Als Biomedia-Designerin entwirft sie Kleidung und Accessoires, die die jeweilige Stimmung des Trägers in ein auditives, taktiles oder farbliches Signal übersetzen. Wenn sie sich ‚Woaaah!‘ fühlt, leuchtet ihr sogenannter „Mood Sweater“ pink. Möglich wird das durch Sensoren, die körperliche Faktoren messen und aus ihrem Zusammenspiel Aussagen über die Emotionslage treffen. Neidlinger nutzt die Daten zur weiterführenden Forschung im Rahmen ihrer Doktorarbeit. Bewährt hat sich ihre Stimmungsmode für Autisten, für die das Vermitteln und Erkennen von Emotionen eine besondere Herausforderung ist. Und kürzlich stellte die Europäische Weltraumorganisation Esa ihren Astronauten die Mood Sweater bei einer Teambuilding-Übung zur Verfügung. Die Möglichkeiten, durch Neidlingers „externalisierte Intimität“ eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu schaffen, sind vielfältig.


Fairbrics, Benoît Illy (41) & Tawfiq Nasr Allah (31), Versailles

Foto: Elliott Verdier

„Wir machen aus CO₂ Textilien. Wer das hört, hält uns erst mal für verrückt“, sagt Benoît Illy, neben Tawfiq Nasr Allah einer der beiden Gründer von Fairbrics (im Bild untere Reihe von links nach rechts: Illy, Nasr Allah und Team). Die Wissenschaftler erklären ihr Konzept mit der Photosynthese: Pflanzen brauchen – grob gesagt – Wasser, Sonne und Kohlenstoffdioxid, um zu wachsen. Bei Fairbrics funktioniert das ähnlich. Anstelle von Sonne nutzen sie Elektrizität, das CO₂ stammt aus industriellem Abfall, und statt Pflanzen wächst hier aus Chemikalien Polyester heran, aus dem dann Textilien entstehen. Zwischen den synthetischen Fasern, die sie entwickeln, und denen, die heute bereits auf dem Markt eingesetzt werden, gibt es keinen Unterschied. Nur dass sie eben aus Abfall Ressourcen schaffen und nicht umgekehrt. Für die Modeindustrie ist die Idee revolutionär, immerhin gilt sie als eine der schmutzigsten der Welt und die Reduktion des CO₂-Fußabdrucks als drängendes Ziel. Daran, dass ihr Konzept massentauglich wird, arbeitet bei Fairbrics ein ambitioniertes und kulturell und ethnisch vielfältiges Team. Absicht ist das nicht. Illy sagt schulterzuckend: „Wir stellen eben nur die Allerbesten ein.“


The Dematerialized, Marjorie Hernandez (35) & Karinna Nobbs (42), Berlin & Ibiza

Foto: Tereza Mundilová, 3D Artists: Schirin Negahbani, Paola Pinna

Schon heute wird Mode zum Teil nur gekauft, um von Influencern auf Selfies präsentiert zu werden. Warum also nicht gleich zu Pixelkleidern greifen und dabei textile Ressourcen sparen? Karinna Nobbs und Marjorie Hernandez haben dafür The Dematerialised gegründet, einen neuen digitalen Erlebnisraum und Marktplatz – eine Art Amazon für digitale Mode. Pixelmode war bislang ein Nischenphänomen der Gaming-Welt und im Mainstream kaum präsent. Problem: die Wertschöpfung. Hernandez sagt: „Wie kann ein digitales Kleid mir gehören? Und vor allem: Wie verdient ein Designer daran?“ Als erfolgreiche Mitgründerin der Blockchain- Plattform Lukso, die eine transparente und nachhaltige Produktion in der digitalen und physischen Sphäre fördert, kennt Hernandez die Antwort auf solche Fragen. Im konkreten Fall versieht die Blockchain-Technologie das Kleid mit Informationen darüber, ob es ein Einzelstück ist oder zigfach verbreitet werden darf. So wird digitales Besitztum möglich. Ebenso kann man den Urheber hinterlegen, der immer dann mitverdient, wenn seine digitale Kreation verkauft wird. Perspektivisch wird man auf Plattformen wie The Dematerialised digitale Mode genauso einfach kaufen können wie physische.


Evolved by Nature, Greg Altman (45) & Rebecca Lacouture (39), Boston

Foto: Tony Luong

Kaum jemand weiß: Viele der Textilien, die wir auf der Haut tragen, sind mit Silikonen überzogen, die aus Erdöl gewonnen werden. Das hat den Vorteil, dass sich die Textilien leichter waschen lassen, recyceln hingegen kann man sie nicht, denn die Inhaltsstoffe der herkömmlichen Beschichtungen sind nicht transparent aufgeschlüsselt. „Außerdem können diese Textil-Coatings krebserregend sein“, sagt Greg Altman. Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Rebecca Lacouture arbeitet er daran, diese konventionellen Beschichtungen überflüssig zu machen. Mit Erfolg. Mit ihrem Unternehmen Evolved By Nature ist es den beiden Wissenschaftlern gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, das aus den Kokons von Seidenraupen das Seidenprotein extrahiert. Im Labor lässt sich dieses Protein – genannt aktivierte Seide – dann beliebig neu zusammensetzen und gleicht in seinen vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten dem Erdöl. Abzüglich der negativen Umweltbilanz. Als Beschichtung beispielsweise ist es unbedenklich für die Gesundheit der Textilarbeiter, die es verarbeiten, und der Konsumenten, die es auf der Haut tragen. Recyceln lässt es sich natürlich auch. „Die aktivierte Seide ist das Plastik der Natur“, sagt Greg Altman. Kaum verwunderlich, dass selbst große Luxusmarken bereits in ihr Unternehmen investieren – Chanel zum Beispiel ist mit von der Partie.


Antje Hundhausen (55), Telekom Fashion Fusion, Berlin/Bonn

Foto: Bastian Thiery

Niemand friert gern, für Antje Hundhausen und Ahmet Mercan ist der Gang über ein frostiges Flugfeld auf dem Weg von einem gemeinsamen Termin aber die Geburtsstunde einer gemeinsamen Idee: Was wäre, wenn man immer so angezogen wäre, dass man nicht frieren muss? Hundhausen hat 2016 die Telekom Fashion Fusion gegründet und treibt dort technologisch-modische Innovationen voran, Mercan von Alpha Tauri, der Lifestyle-Marke von Red Bull, interessiert sich für modisches Neuland. Zusammen entwickeln sie die Idee für eine Jacke und eine Weste, die im Winter wärmt und im Sommer kühlt, bequem geregelt per App. Die Heatable Capsule Collection ist ein Gemeinschaftswerk: Die Telekom Fashion Fusion stellt die Technik, Alpha Tauri das urbane Design, und von Schoeller Textil, wo CEO Siegfried Winkelbeiner begeistert an Zukunftstextilien forscht, stammt die hochleistungsfähige waschbare E-Softshell als Meterware. Hundhausen sagt: „Die Jacke trägt sich erstaunlich leicht und angenehm weich.“ Zukünftig soll die Technik auch in anderen Produkten eingesetzt werden und mit Künstlicher Intelligenz arbeiten, die erkennt, ob einem warm oder kalt ist, und die Temperatur gleich selbst reguliert.

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Neue Formensprache in China Das Design-Reich der Mitte
Modedesignerin Iris van Herpen Immer schön komplex, bitte!

Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 12.05.2021 09:11 Uhr