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Auf der Suche nach dem großen Glück

Was macht heute eine Familie wirklich aus? Viele sagen, ganz klassisch: Mutter, Vater, Kinder. Oder betonen die Bedeutung der Blutsbande. Aber es geht auch völlig anders.

17. September 2020
Text: FRIEDERIKE HAUPT
Fotos: JULIA SELLMANN

Vor einiger Zeit wollten Forscher der Universität Mainz wissen, was Deutsche unter „Familie“ verstehen. Um das herauszufinden, wählten sie eine ungewöhnliche Methode. Sie baten Erwachsene und Kinder, Bilder davon zu malen, was sie persönlich mit Familie verbinden.

Fast alle malten zwei Elternteile und mindestens ein Kind. Ein kinderloses Paar oder eine Alleinerziehende mit Baby kamen nicht vor. Alle malten Paare aus Mann und Frau. Und dann die Kinder: Fast immer wurden genau zwei gemalt. Fast immer ein Junge und ein Mädchen. Viele Mädchen hatten lange Haare, viele Jungen kurze. Viele Mädchen trugen Rosa, viele Jungen Blau. Also eigentlich alles wie 1950.  

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Seltsam. Denn Familie hat sich verändert seit damals. Vielleicht rasanter als je zuvor. Ehepaare mit rosa-blauen Kindern gibt es zwar weiter. Aber daneben auch andere Ideen von Familie. Das Grundgesetz stellt Ehe und Familie unter besonderen Schutz. Trotzdem leben viele Eltern ohne Trauschein. In Deutschland gibt es elfeinhalb Millionen Familien mit ledigen Kindern, davon nur knapp acht Millionen Ehepaare. In jeder vierten Familie erziehen Eltern ihre Kinder allein oder getrennt. Es gibt Familien mit zwei Vätern, mit zwei Müttern, mit Patchworkeltern.  

Mainz. Auch hinter der Bilderbuchfamilie steckt viel Arbeit: Tristan und Rahel Stöber mit ihren drei Kindern im Eigenheim

Warum malten also die Studienteilnehmer die klassische Familie? Vermutlich weil die in den Köpfen drin ist. Man denkt an sie so, wie man bei Farben an Rot oder Blau denkt und nicht unbedingt an Ocker oder Mauve. Ein Grund könnte sein, dass andere Familienmodelle noch nicht so etabliert sind. Aber die Forscher hielten es auch für denkbar, dass ein „Wandel des Wertewandels“ im Gange sei. Dass Menschen also trotz der Vielfalt die traditionelle Kernfamilie für die erstrebenswerteste hielten.

Doch noch eine Sache war interessant an den Bildern: Eltern und Kinder lächelten. Oft hielten Vater und Mutter einander an den Händen. Hier und da schwebte ein rotes Herz. Egal ob die Familien an einem Bächlein entlang wanderten oder stolz vor ihrem Haus standen – sie sahen glücklich aus.

Auch das ist in Wirklichkeit anders. Nicht wenige sind unglücklich in ihren Familien. Und die, die glücklich sind, haben viel Arbeit damit. Trotzdem wollen die meisten Menschen in Familien leben: mit Kindern, mit Verantwortung füreinander. Warum? Eine Rundfahrt zu fünf Familien, die von ihrem Glück erzählen.

Immer mehr Menschen probieren neue Formen des Zusammenlebens aus. Ein Ziel haben sie alle gemeinsam: Sie wollen glücklich sein. Wie gut klappt das? Wir haben fünf Familien besucht.

Familie Stöber ist eine Familie wie gemalt. Vater, Mutter, verheiratet, drei Kinder. Ein gemietetes Häuschen am Stadtrand von Mainz. Viel Grün, viele Kombis, bunte Fahrrädchen in Vorgärten. Nicht schick, aber auch nicht spießig. Man könnte sagen: bodenständig. Tristan Stöber und seine Frau Rahel wirken auf den ersten Blick ein bisschen zu cool für hier. Wie Studenten zu Besuch im Elternhaus. Sie sehen aus wie 27, sind aber 32. Die Kinder: Merlin, 6, fängt Grashüpfer, Karla, 4, isst Vanilleeis, und Lotta, 10 Monate, sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter und lacht zuverlässig, wenn man sie anlacht. Alle scheinen auf diese entspannte Art gut gelaunt, die sich einstellt, wenn die Dinge laufen, wie sie sollen.

Tun sie natürlich nie, auch nicht bei Familie Stöber. Irgendwas ist immer. Dann muss man miteinander reden. Tristan und Rahel Stöber haben, obwohl sie so jung sind, schon beinahe ihr halbes Leben miteinander verbracht. In der Oberstufe wurden sie ein Paar. „Wir waren relativ schnell sicher miteinander.“ Nach dem Abi gingen sie neun Monate auf Reisen, lebten mit extrem wenig Geld und waren trotzdem glücklich. „Da wurde uns klar, wie wenig man braucht.“ Die beiden sorgten sich nicht, ob sie ihren Kindern später Wohlstand bieten könnten. Ihre Überzeugung war: Kinder brauchen vor allem Zeit. Je weiter man beruflich kommt, desto weniger Zeit hat man. Also, warum nicht jetzt, schon im Studium?

Tristan und Rahel Stöber wollten Kinder nicht, weil es an der Reihe gewesen wäre, so wie bei anderen nach der Ausbildung und dem Hauskauf. Sie wollten sie, weil sie darin einen Sinn sahen. Etwas weitergeben, für jemanden da sein, auch ganz einfach: Freude haben. Rahel Stöber erzählt, wie sie mit den Kindern im Zoo waren und ihnen die exotischen Tiere zeigen wollten. Die Kinder stürzten sich auf einen Regenwurm, der aus der Erde lugte. Für sie war er das interessanteste Tier von allen. Wie kann man sich da nicht freuen? „Man lernt mit Kindern auch was über sich selbst“, sagt Tristan Stöber. Man denke darüber nach, was einen als Kind glücklich gemacht habe und was die Eltern gut und weniger gut gemacht hätten. „Man wird reifer.“ Das könnte so dahergesagt sein. Aber es wirkt echt. Die Eltern bleiben entspannt, wenn eins der Kinder dazwischenplaudert; Rahel Stöber fängt einen Satz an, holt Eis aus der Küche und führt den Satz fort.

Sie halten zusammen: Die Hände von Rahel und Tristan Stöber sowie von deren Kindern in Mainz
Sie halten zusammen: Die Hände von Rahel und Tristan Stöber sowie von deren Kindern in Mainz
Sie halten zusammen: Die Hände von Rahel und Tristan Stöber sowie von deren Kindern in Mainz

Das muss man lernen, wenn man vom Paar zur Familie wird: nicht nur den Kindern zuhören, sondern weiter auch dem Partner. Die Stöbers kennen Problemgespräche. Zum Beispiel aus ihrer Zeit in Oslo. Dort zogen sie hin, weil Tristan Stöber, Neurowissenschaftler, eine Promotionsstelle bekam. Er lernte Leute kennen, arbeitete, legte los. Seine Frau, studierte Umweltwissenschaftlerin, saß mit zwei kleinen Kindern zu Hause. Nicht so leicht. Wie haben sie sich als Paar gerettet? Rahel Stöber sagt: „Wir hatten immer das Grundvertrauen, dass der andere die richtige Wahl ist.“ Eine Frage des Gefühls, nicht so sehr des Denkens. Aber klar sei auch, dass Konflikte sie nicht ins Zweifeln brächten. „Konflikte würde es mit jedem geben. Reine Harmonie ist illusorisch.“ Tristan Stöber findet es wichtig, offen für seine Frau zu bleiben. Und wegzukommen von der Idee, so und so müsse etwas sein.

Es wurde dann besser in Oslo. Seit kurzem sind sie zurück. Tristan Stöber arbeitet nun an der Uni Frankfurt, Rahel Stöber stundenweise für eine norwegische Firma. Merlin ist gerade eingeschult worden. Keine Ahnung, was kommt. Aber es wird sich schon finden.

So ähnlich reden viele über Familie: dass sie ihnen Geborgenheit gibt, Sicherheit und die Gewissheit, geliebt zu sein. Doch in manchen Familien läuft es anders. Eltern vernachlässigen ihre Kinder, reden böse mit ihnen, reden böse miteinander, streiten hinter verschlossener Küchentür, bis einer weint. Manche haben Kinder, obwohl sie gar keine wollten, andere sind krank und schon mit sich selbst überfordert. Dann kann es gut sein, anders weiterzumachen. In neuen Konstellationen, neuen Familien.

Groß-Gerau. Haben sich ihren Traum erfüllt: Kevin und René Silvergieter Hoogstad mit ihren zwei Pflegekindern
Groß-Gerau. Haben sich ihren Traum erfüllt: Kevin und René Silvergieter Hoogstad mit ihren zwei Pflegekindern

So wie Tommy* und Annika*. Er ist acht und sie zwei. Sie stammen von verschiedenen Eltern, und eigentlich hätten sie einander nie kennengelernt. Doch sie hatten es nicht gut zu Hause. Das Amt schaltete sich ein. Tommy kam zu Pflegeeltern, da war Annika noch gar nicht auf der Welt. Und als Annika gerade acht Monate war, kam sie zu denselben Eltern. Zu Kevin Silvergieter Hoogstad, 32, und seinem siebzehn Jahre älteren Mann René. Zwei Pflegeväter. Die Kinder rufen sie Papi und Papa.

Die Familie lebt in Groß-Gerau, einem Städtchen bei Frankfurt. Schon wieder wie gemalt: kleine Häuser, viel Grün, Brombeerhecken, Sandkästen. Siedlung gewordene Normalität. Die Männer haben das Haus geerbt. Es ist ideal für Eltern mit Kindern. Im großen Garten leben Hühner und Kaninchen im Stall. Auch ein großes Trampolin steht da. Daneben zarte Blumen, alte Bäume. Annika zieht sich die Söckchen von den Füßen, bevor sie durch das kühle Gras läuft. Sie zeigt die Tiere, das Trampolin, sie hüpft gemeinsam mit Tommy. Der springt so wild, dass Annika fällt. Annika lacht wie über eine schöne Überraschung, Tommy lacht, weil Annika lacht.


Nicht alle Familien sind nett. Manche Eltern sind böse zu ihren Kindern, sind böse zueinander, andere haben Kinder, obwohl sie keine wollten, sind überfordert. Da kann es helfen, neue Lösungen zu suchen.

So ein Leben haben sich die beiden Pflegeväter immer gewünscht. Beide wuchsen bei alleinerziehenden Müttern auf, glücklich, aber mit der Sehnsucht nach einer größeren Familie. Doch wie sollten sie so eine gründen? Einfach Kinder machen fiel aus. Von Leihmutterschaft, in Deutschland ohnehin illegal, hielten sie nichts. Sie wollten auch keine komplizierte Ko-Parenting- Geschichte. Jahre vergingen. Der Wunsch blieb. So beschlossen sie, sich als Pflegeväter zu bewerben. Ein langes Prüfverfahren begann. Oft gab es Momente großer Angst; vor Zurückweisung, vor Hoffnung, die am Ende doch enttäuscht würde. Schließlich bestanden sie. Vor fünf Jahren kam Tommy zu ihnen, vor zwei Jahren folgte Annika. Eine irre Zeit. Die Männer klingen, wenn sie davon erzählen, wie verliebt ins Elternsein. Zum Beispiel mit Annika beim Babyschwimmen: „Das sind Heile-Welt-Momente.“ Es klingt komischerweise nicht kitschig, wenn sie so etwas sagen, sondern dankbar.

Das Paar kennt die Fragen, die Blicke. „Viele Leute zeigen Ungläubigkeit. Das, was wir machen, ist für sie ganz weit weg.“ Andererseits gebe es auch viele, die sich annäherten. Ein Bauer auf dem Markt zum Beispiel, der erst misstrauisch schaute, als sie das erste Mal mit Tommy kamen. Und ihnen dann nach Monaten zuflüsterte, wie wunderbar es sei, zu sehen, wie der Junge aufblühe. Kevin Silvergieter Hoogstad beschreibt es so: „Es wird immer eine Mutter und einen Vater brauchen, um Leben zu zeugen. Aber das macht noch niemanden zu Mama oder Papa.“ Das werde man erst durch die Entscheidung, ein Kind immer, wenn es nötig ist, an die erste Stelle zu setzen. Die Männer reden aber nicht schlecht über die leiblichen Eltern ihrer Kinder. Sie stehen mit den Müttern in Kontakt. Mit dem Amt sowieso. Sie sind nicht so frei wie andere Eltern. Aber sie sind Eltern, das ist entscheidend.

Wir gehören zusammen: Mann, Frau, Geliebter, Kind – ein bisschen Beziehungsanarchie macht hier alle froh.
Wir gehören zusammen: Mann, Frau, Geliebter, Kind – ein bisschen Beziehungsanarchie macht hier alle froh.

Wenn man verstehen will, was Familien ausmacht, kann man von den Modellen her denken. Eltern, Kinder, alleinerziehend, Patchwork. Man kann aber auch nach den Voraussetzungen fragen. Also: Was muss man mitbringen, wenn man eine Familie will? Kompromissbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, den Wunsch, einen Platz zu haben in einer Gemeinschaft, die für einander einsteht. Unbedingt auch Gesprächsbereitschaft. Das ist eine Eigenschaft, die Kolja Sulimma betont. Er lebt in einer polyamourösen Familie.

Ein Hof in Niddatal, Hessen, der Zug dorthin fährt durch goldbraune Felder wie in ein anderes Land. Träge Fliegen, träge Katzen, stille Häuser. Auf dem Hof sitzen ein paar Männer und Frauen unter großen Sonnenschirmen. 15 Menschen wohnen hier zusammen. Ein lockiger Hund wird gewaschen, ein hellblonder Sechsjähriger ruft ihn mit Koseworten. Der Junge heißt Ole. Kolja Sulimma, 47, ist sein leiblicher Vater, Katja Sulimma, 45, Koljas Ehefrau, seine Mutter. Stefan Krieger, 56, Katjas Geliebter, kümmert sich wie ein Vater um ihn. Die drei Erwachsenen definieren ihre Familie darüber, dass sie gemeinsam Ole aufziehen.

Wie geht das? „So wie in anderen Familien auch“, sagt Katja Sulimma. Bloß mit mehr Absprachen. Dafür, so sagen die drei, mit weniger Enge. Dahin führte ein langer Weg. Katja und Kolja kamen zusammen, als sie 17 und 19 waren. Sex hatten sie wie selbstverständlich nur miteinander. Zehn Jahre später heirateten sie. Und noch ein paar Jahre später verliebte sich Katja in Stefan Krieger. Sie gestand es Kolja. Der erinnert sich: „Ich sagte: Ich freu mich für dich!“ Er hatte schon länger mit der Idee einer offenen Beziehung geliebäugelt. Nun konnte es losgehen.


Kolja lebt in einer polyamourösen Beziehung mit seiner Frau und deren Geliebten. Die Entscheidung für ein Kind fällten sie zu dritt. Wenn der Junge ins Zeltlager fährt, unterschreiben alle drei die Erlaubnis.

Viele lange Gespräche folgten, Eifersucht, Zweifel, Arbeit. Für alle drei war die Sache neu und nicht leicht. Doch immer wieder empfanden sie auch, das Richtige zu tun. Die Entscheidung, ein Kind haben zu wollen, trafen sie dann „ganz bewusst“ und zu dritt.

Und zu dritt kümmern sie sich auch um Ole. Wenn er ins Zeltlager geht, unterschreiben alle drei die Elternerklärung. Wenn er einen Ausflug machen will, kommt der mit, bei dem es gerade passt. Ins Bett bringen sie ihn abwechselnd. Was die romantischen Beziehungen betrifft, ist manches in Bewegung. Katja Sulimma hat sich körperlich gerade etwas zurückgezogen, wie sie sagt. Die Männer haben beide noch andere Partnerinnen. Kolja Sulimma zum Beispiel fährt regelmäßig nach Hamburg, zu Kerstin, die mit ihrem Ehemann ebenfalls eine offene Beziehung führt. Wenn Kolja und Kerstin einen Ausflug machen und Leute sie beiläufig fragen, ob sie verheiratet seien, sagen sie: „Ja. Beide.“ Katja kennt Kerstin. Sie mag sie. Das macht es für sie leichter, sie als Partnerin von Kolja anzunehmen. Alle Beteiligten sind der Meinung, dass der „beziehungsanarchistische Blick“ den Druck rausnimmt, in einer einzigen Beziehung alle Bedürfnisse befriedigen zu müssen.

Das heißt nicht, dass alles ginge. Für Kolja Sulimma kommt es zum Beispiel nicht in Frage, zwei Wochen mit Kerstin abzutauchen, ohne sich vorher mit den anderen abzusprechen. Er sieht sich in der Verantwortung. Auch finanziell. Sein Einkommen als Unternehmer teilt er mit Katja, die derzeit meist zu Hause bei Ole ist. So weit also alles klar. Die größte Sorge der drei ist, dass Ole sich irgendwann mal dumme Sprüche anhören muss, weil seine Eltern so ungewöhnlich leben.

„Wir geben im Alter aufeinander acht“: Dagmar Nord (links) lebt mit Anne Wolf und Norbert Müller und anderen in einem besonderen Frankfurter Wohnprojekt
„Wir geben im Alter aufeinander acht“: Dagmar Nord (links) lebt mit Anne Wolf und Norbert Müller und anderen in einem besonderen Frankfurter Wohnprojekt

Wobei: So ungewöhnlich ist es ja gar nicht. Eine Generation kümmert sich um die andere. So funktioniert Familie fast immer. Aber was ist, wenn jemand keine Kinder hat und keinen Partner? Wenn er allein lebt und im Alter feststellt, dass er gern Teil einer Gemeinschaft wäre? Dann ist es nicht unbedingt zu spät. Dagmar Nord hat mit Mitte sechzig noch eine Art Familie gefunden.

Das war vor einem Jahr. Da zog sie in ein Wohnprojekt mitten in Frankfurt. Keine Hippie-Kommune, sondern ein moderner Neubau in Parknähe. Alle Teilnehmer des Projekts mieten dort eigene Wohnungen; gemeinsam finanzieren sie eine Extrawohnung. Die ist ihr Treffpunkt. Die Möbel sind ein bisschen zusammengewürfelt, jeder hat gegeben, was bei ihm übrig war. Es gibt auch Kinderspielzeug und Yogamatten. Für Dagmar Nord ist der große Tisch wichtiger. Da kommt sie mit anderen ins Gespräch.

Als sie 30 war, starb der Mann, mit dem sie zusammen war. Ein Schock fürs Leben. Dagmar Nord blieb allein. Sicher, sie hatte Freunde, Katzen. Aber die Katzen waren halt Katzen, und die Freunde waren oft mit ihren Familien verplant. Dagmar Nord lebte dreißig Jahre allein. Zufällig bekam sie den Flyer einer Gruppe in die Hände, die Leute für ein Wohnprojekt suchte. Da stand: „Wir geben im Alter aufeinander acht.“ Der Satz lockte sie an.


„Ich musste lernen, mich etwas zurückzunehmen. Es gibt vieles, was das Leben unbequemer macht. Aber ich bin Teil einer Gemeinschaft geworden, das wiegt das mehr als auf.“
DAGMAR NORD

Einige Jahre vergingen. Dagmar Nord wollte nicht ewig planen. Sie schloss sich einer anderen Gruppe an. Die war es dann. Und nun ist sie sogar aktiv im Vorstand des Wohnprojekts. Denn sie will nicht nur nicht allein sein, sie will auch eine Aufgabe haben. So organisiert sie Wanderungen für ihre Nachbarn, gemeinsame Abende, Grillfeste. „Wenn ich mal zwei Abende in Folge nicht irgendwo im Haus zu Gast bin, ist das schon ungewöhnlich.“ Und sie hat bunt gemischte Gesellschaft. Norbert Müller zum Beispiel. Der 69 Jahre alte Trotzkist wohnt mit seiner Frau hier. Mit ihr verbringe er ausgesprochen gern seine Zeit, so sei es nicht. Aber er hat lieber viele Leute um sich herum. So kennt er es aus seiner Studienzeit in Berlin. „Göttliche Abende, einer hat immer was gebrutzelt, die anderen haben getrunken, geredet.“ Auch Anne Wolf* mag es gesellig. Sie ist 31 und lebt in einer Vierer-WG im Haus. Ihr Lebenspartner wiederum wohnt woanders in der Stadt. Es gibt auch Alleinerziehende hier. Die sind dankbar dafür, die Kinder mal spontan bei den Nachbarn abgeben zu können.

Dagmar Nords Fazit nach einem Jahr Gemeinschaft nach dreißig Jahren Alleinsein: „Ich musste lernen, mich etwas zurückzunehmen. Es gibt vieles, was das Leben unbequemer macht. Aber ich bin Teil einer Gemeinschaft geworden, das wiegt das mehr als auf.“ Anne Wolf würde sich wünschen, dass auch ihre Eltern so etwas erleben könnten. Sie leben weit weg, in Norddeutschland. Deshalb sind Kurzbesuche auf einen Kaffee nicht drin. Und natürlich auch keine Einkaufsgänge während des Corona-Lockdowns. Dagmar Nord nickt. Gerade solche kleinen Gesten sind es, derentwegen sie hier ist.

„Wir haben großes Glück miteinander gehabt“: Jörg Harraschain und seine Frau Annette aus Frankfurt, zwanzig Jahre Altersunterschied, seit 30 Jahren zusammen.
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Manche finden also erst spät ihre Familie. Manche finden mehrfach neue. Der frühere Bundeskanzler Schröder ist zum fünften Mal verheiratet. Jedes Kind kennt irgendein Kind, das in einer Patchwork-Familie lebt. Alles ist möglich. Menschen heiraten Bahnhöfe – oder gleich sich selbst. Das nennt sich dann Sologamie. Da scheint es fast schon altmodisch, an der einen, endgültigen Familie festzuhalten. Doch viele tun das seit Jahrzehnten. Manche aus Tradition, aus Gewohnheit. Andere, weil sie festhalten, was sie lieben.

So wie Jörg Harraschain und seine Frau Annette Piepenbrink-Harraschain. Die beiden leben im Frankfurter Nordend. Das Viertel ist beliebt bei Familien und Altlinken. Ein Altlinker ist auch Harraschain: pensionierter Lehrer, aktiv bei den Grünen. Als er und seine Frau sich kennenlernten, war er 46, sie 26. Das ist mehr als dreißig Jahre her. Jetzt bleibt ihnen das Alter zusammen. Doch ein altes Ehepaar aus dem Bilderbuch sind die Harraschains nicht. Sie halten nicht Händchen, sie holen keine Fotoalben, um zu zeigen, wie fesch der andere früher war. Vielmehr kabbeln sie sich ständig. Wenn sie sagt, Familie sei manchmal anstrengend, sagt er: „Anstrengend kann auch eine Partnerin allein sein!“ Wenn er sagt, er habe kreative Züge, korrigiert sie: „Du hast chaotische Züge!“ Nur selten machen sie damit Pause. Einmal, als er sagt: „Wir können es in einem Satz sagen: Wir haben großes Glück gehabt miteinander.“ Da lächelt sie und sagt: „Ja.“

Warum Glück? „Weil wir uns immer aufeinander verlassen konnten“, sagt er. Weil beide sich Kinder wünschten und eine Tochter bekommen haben. Weil sie sich Enkel wünschten und auch bekommen haben. Die wohnen nur zehn Gehminuten entfernt. In der Wohnung der Harraschains liegt wie selbstverständlich buntes Kinderspielzeug in der Ecke. Und was würden sie aufgrund ihrer Erfahrungen jungen Familien raten, die gern für immer eine Familie bleiben wollen? Er: „Bewahrt eure Selbständigkeit, seid einander zugewandt, seid füreinander da, macht euer Ding.“ Sie: „Das würde ich auch so sehen, und jungen Frauen würde ich sagen: Achtet darauf, dass die Dinge paritätisch gemacht werden.“

Von Kindern lernen: Ein paar Dinosaurier-Arten sollte man schon kennen als Erwachsener
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Das ist die Gegenwart. Die Vergangenheit, aus der Jörg Harraschain stammt, liegt 78 Jahre zurück. Sein Vater fiel in Stalingrad, ohne seinen Sohn je gesehen zu haben. Umso mehr wollte Jörg Harraschain für sein Kind da sein. So fiel ihm seine spätere Frau auf, weil ihr Umgang mit Kindern ihm gefiel; sie war an derselben Schule tätig. Und so war es für ihn, den Sponti, selbstverständlich, zu heiraten, damit sein Kind seinen Nachnamen trägt. Trotzdem sprechen beide, wenn sie von Familie reden, nicht nur über ihre Kleinfamilie, sondern viel über Geschwister und Eltern. Diese Beziehungen würden im Alter wichtiger, als sie vorher lange waren, sagt Jörg Harraschain. Seine Frau erzählt von der Pflege der Mutter. Auch das gehört dazu.

Familie, sagt Jörg Harraschain, sei wie ein Kabel, das einen mit den anderen verbinde. Manchmal verlaufe es über lange Strecken unterirdisch, man sehe nichts davon. Und dann komme es wieder hervor.

Was ist das Schöne an so einer Verbindung? Vielleicht reicht es schon, dass es sie gibt. Die meisten Menschen wollen irgendwo hingehören. Eine Familie ist so etwas wie eine Heimat – nicht immer ist es da herrlich, aber das ist es ohnehin nirgendwo. Und nicht immer sieht Heimat so aus, wie andere sie sich vorstellen. Aber das ist egal. Wer dort sein will, wird wissen, warum. Zum Beispiel aus Liebe.

*Namen geändert.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 17.09.2020 12:46 Uhr