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Tommy Hilfiger lud 2015 in die Virtuelle Realität.

Bloß keine „Jetzt-sofort-alles-Maschine“

Tommy Hilfiger lud 2015 in die Virtuelle Realität. Foto: Chang W. Lee / The New York Times / Redux / laif

Mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen wird die Mode noch einmal beschleunigt und smarter. Und hilft, Technologie attraktiver zu machen. Doch keine Sorge, sagt unser Autor Peter Glaser, am Ende interessieren wir uns nicht für Maschinen, sondern immer nur für Menschen.

13. April 2021
Text: PETER GLASER

Das Ende der bemannten Raumfahrt

In einer großen Reportage über die erste bemannte Mondlandung im Sommer 1969 beschrieb der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer einen sonderbaren Stimmungsabfall im Nasa-Kontrollzentrum in Houston. Noch während die verwaschenen Livebilder von Neil Armstrong zu sehen waren, der über die Mondoberfläche hopste, mischte sich eine eigentümliche Katerstimmung in die allgemeine Euphorie. Keiner wagte es auszusprechen, aber der Höhepunkt des gigantischen Projekts der bemannten Raumfahrt war gerade überschritten worden.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Heute erinnert sich niemand mehr an die zweite Mondlandung, Apollo 12, die eine zweite Mannschaft unternahm, knapp vier Monate nach der ersten Apollo-11-Mission. Als das Zeitalter der Space Shuttles begann, war die Sache profan geworden. Ein Shuttlestart im Fernsehen war wie die Liveübertragung einer ICE-Abfahrt. Inzwischen zogen interstellare Sonden ihre Bahnen durch das Sonnensystem, ingenieurtechnische Meisterleistungen, die uns mit eindrucksvollen Bildern versorgten. So faszinierend fremdartig diese benachbarten Welten sind, so lebensfeindlich sind sie allerdings auch. Mond und Mars sind trostlose, unfruchtbare Wüsten. Den bisherigen 15 Mars-Landern werden noch großartigere nachfolgen. Der Mensch selbst jedoch hat dort nicht das Geringste verloren.


Die klassische Zukunftskleidung

Nachdem die Suche nach Außerirdischen auf dem Mars erfolglos blieb, versuchte der amerikanische Drehbuchautor Gene Roddenberry diesem Mangel in seinem Space-Epos „Star Trek“ durch extravagante Modeerscheinungen abzuhelfen. „Wir werden von einem fremden Planeten angezogen!“, ruft Kommunikationsoffizierin Lieutenant Uhura auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise erschrocken – in Wirklichkeit war es der Kostümbildner William W. Theiss, der die Zukunftskollektion entwarf. Die Kostüme waren als Weiterentwicklung von langer Unterwäsche konzipiert, mit farbigen Stoffen kaschiert und mit verborgenen Verschlüssen versehen. 

William Shatner (r.) als Captain James T. Kirk, Commander des Raumschiffes Enterprise, und Leonard Nimoy als Crewmitglied Spock vom Planeten Vulkan
William Shatner (r.) als Captain James T. Kirk, Commander des Raumschiffes Enterprise, und Leonard Nimoy als Crewmitglied Spock vom Planeten Vulkan Foto: dpa

Die Selbstkontrolle der US-Sender verbot blanke Bauchnabel und Brustansichten, also verlagerte sich Erotisierendes in hochgeschlitzte Ärmel, Saris und Schürzen. „Die Star-Trek-Episoden aus den Sechzigern erinnern mich daran, dass die Zukunftsmode von damals heute etwas seltsam aussieht“, so William Shatner alias Captain Kirk. „Die Aliens tragen Gogo- Stiefel und Hippieklamotten!“


„Die Star-Trek-Episoden aus den Sechzigern erinnern mich daran, dass die Zukunftsmode von damals heute etwas seltsam aussieht.“
WILLIAM SHATNER

Vom Space Race inspiriert, griffen auch Designer wie Pierre Cardin, Paco Rabanne und André Courrèges nach den Sternen. Courrèges, der Erfinder des Gogo-Stiefels, jenes meist kniehoch geschnittenen Stiefels mit eckiger Kappe und Blockabsatz, interessierte sich so sehr für die Raumfahrt, dass er von der Nasa eingeladen wurde, um sich ein genaueres Bild zu verschaffen. Sein Look kam auch auf der Erde an. In der Eröffnungssequenz von „Wie klaut man eine Million?“ (1966) braust Audrey Hepburn in ihrem Cabrio durch die Gegend, ausgestattet mit futuristischen Accessoires von Courrèges, gekrönt von einem astronautenanzugweißen Helm mit Kinnriemen.

Audrey Hepburn: Trägt Courrèges in „Wie klaut man eine Million?“
Audrey Hepburn: Trägt Courrèges in „Wie klaut man eine Million?“ Foto: © 20th Century Fox / Everett Collection / DDP


Das neue Menschheitsabenteuer

Es war in der Raumfahrt nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Der Raketenbau ist die Vollendung des Stahlhochbaus, so wie der Pyramidenbau im alten Ägypten die Vollendung der Steinbearbeitung war.

Nicht alle waren 1969 in Woodstock oder in Florida, um den Start von Apollo 11 zu sehen. Ein paar Leute blieben zu Hause, um das in Gang zu setzen, was wir heute das Internet nennen. Am Abend des 29. Oktober 1969 stand die erste Datenverbindung zwischen zwei voneinander entfernten Computern. Damit begann ein neues Menschheitsabenteuer – die Erkundung des in uns selbst gelegenen Universums. Einer Sphäre der Zeichen, zu der ausschließlich Menschen Zugang haben. Das Internet ist die Demokratisierung der bemannten Raumfahrt. Nun kann nicht mehr nur eine Handvoll Astronauten auf die Reise gehen. Jetzt kann jeder mitfliegen.

Heute ist das Netz im Begriff, zu einer Umweltbedingung zu werden. Zu etwas, das immer und überall da ist. Die digitale Transformation rauscht um die Erde, niemand entgeht diesem Wandel. Früher gab es einen Zustand, dann eine Veränderung und dann einen neuen Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.

Das Internet verwandelt den ganzen Planeten in einen phantastischen Körper, der sich in einen funkelnden Schleier aus Satelliten hüllt. Benutzeroberfläche, das ist nun auch die Haut des Benutzers. 2007 wurde die Zuwendung, die wir Maschinen entgegenbringen, mit dem Multitouch-Display des iPhones in eine neue Ära geführt. Einen Computer zu bedienen, indem man ihn streichelt, war eine Zäsur.

Die KI, das ML und die Mode

Modemarken, die digitale Tools und das Internet einsetzen, sind heute in der Lage, schnell wechselnde Trends zu erkennen und die neuesten Accessoires rascher zu liefern. Marken wie Zara, Top Shop oder H&M können ihren Kunden so immer verzögerungsfreiere Befriedigung verschaffen. Es ist das große Ziel des kommerziellen Internets, zur Jetzt-sofort-alles-Maschine zu werden, die das beherrscht, was in Kinderbüchern Zauberei heißt: Jeder Wunsch wird in dem Augenblick erfüllt, in dem er ausgesprochen wird. In dieser „Sofortness“ liegt aber auch eine Gefahr, denn nichts ist schlimmer als ein erfüllter Wunsch. Mit ihm erlischt all das sehnsüchtige, lustvolle Wollen, das zu ihm führt.

Heute verändern technologiegetriebene Innovationen wie Künstliche Intelligenz (KI) und Maschinelles Lernen (ML) die gesamte Modeindustrie, vom Entwurf über die Produktion bis zur Vermarktung und Präsentation. Zalando etwa kreiert gemeinsam mit Google auf KI-gestütztem Weg Mode, die auf den bevorzugten Farben, Texturen und weiteren Stilvorlieben der Kunden basiert. Virtual Reality (VR) schließt die Lücke zwischen Online-Shopping und Einkauf im Laden. Modeprodukte bestehen nicht mehr nur aus ihrer materiellen Substanz, sondern sie verfügen nun zusätzlich über eine eigene Datenaura. Und die Kleidung selbst geht ans Netz. Mode wird intelligent.

Nicht erst seit der Schließung seines Flagshipstores in Manhattans Fifth Avenue setzt Tommy Hilfiger auf neue Wege. Bereits die Herbstkollektion 2015 konnte mit einem VR-Headset dreidimensional in einem virtuellen Showroom erlebt werden. Seine experimentelle Modenschau „TommyNow“ kam bereits ohne klobige Headsets aus und bot übers Internet einem weltweiten Publikum Echtzeitzugang zu rotem Teppich, Laufsteg, Front Row und Backstage-Bereich.

Amazon hat mit seinem KI-gesteuerten Produktempfehlungssystem den Online-Einkauf revolutioniert. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen auch einen virtuellen Modedesigner. Dabei handelt es sich um einen Algorithmus, der Kleidung entwerfen kann, indem er – ähnlich dem Zalando/Google-Modell – die Designstile verschiedener angesagter Kleidungsstücke kopiert und zu einem neuen Kleidungsstück amalgamiert.

Zu den KI-Anwendungen gehören neben Chatbots, die Kundenwünsche und Kaufabsichten sammeln, auch prosaische Algorithmen, die das Lieferkettenmanagement verbessern oder den Bedarf an Lagerbeständen genau vorhersagen und die Kosten für unverkaufte Bestände reduzieren. Aber der Fortschritt hat nicht nur schöne Folgen. Die amerikanische Kaufhauskette Macy’s etwa schloss aufgrund des Effektivitätsgewinns durch digitale Technologien allein im vergangenen Jahr 125 Filialen.

Das Twitter-Kleid

Wird die Bekleidung selbst smart, sollte auch sie Wege aus dem wiederkehrenden Modedilemma weisen und Antwort geben auf die Frage: Was soll ich anziehen? Textilien mit integriertem Funkchip, wie die der Informatikerinnen Sea Ling und Maria Indrawan aus Melbourne, können das schon jetzt. Sie entwickelten eine KI-Software, die nach einer Lernphase, passend zu Tages- und Jahreszeit, individuell maßgeschneiderte Mode-Ratschläge erteilt, basierend auf Aufzeichnungen, was man wann und wie lange getragen hat. Dem Versuch von Amazon, eine solche Idee massentauglich zu machen, war allerdings kein Erfolg beschieden. 2017 wurde die smarte Kamera „Echo Look“ vorgestellt, die unter anderem vom Nutzer getragene Kleidung erkennen und Fashion-Tipps geben sollte. Anfang Juni 2020 nahm Amazon den digitalen Modeassistenten wieder aus dem Sortiment.

Fehlschläge der Tech-Giganten bedeuten, dass auch die Kleinen eine Chance haben, mit neuen Ideen groß zu werden. Mode spielt eine wichtige Rolle dabei, Technologie attraktiver zu machen. Dass man Computer- und Kommunikationstechnik auch anziehen kann, erstaunt heute niemanden mehr. Schon im November 2012 trug die ehemalige Frontfrau der Band Pussycat Dolls, Nicole Scherzinger, bei der Einführung eines britischen 4G-Mobilfunknetzes das erste Twitter-Dress. Auf das bodenlange Kleid aus schwarzem französischen Seidenchiffon waren 2000 LEDs gestickt, die in Echtzeit Fan-Tweets an ihrem Körper anzeigten, die während ihres Auftritts an sie gesendet wurden.

„Cute Circuit“: Umarmung zum Speichern und Versenden
„Cute Circuit“: Umarmung zum Speichern und Versenden Foto: Cute Circuit

Erfinder des Kleids ist das 2004 gegründete Zweipersonen-Modeunternehmen Cute Circuit, das sich als „die weltweit erste Modemarke für tragbare Technologien“ vorstellt. Firmengründerin Francesca Rosella war zuvor bei Valentino, Mitgründer Ryan Genz ist Interaktionsdesigner und Anthropologe. Die beiden halten eine Reihe interessanter Patente im Bereich Wearables, etwa für „Multimedia Wearable Telecommunication Devices“ oder für Gewebe mit Sensoreigenschaften. Ihre Kollektionen zeigen luxuriöse Konfektionsmode und Accessoires, die über eine Smartphone-App gesteuert werden können, um dem Träger die Möglichkeit zu geben, Farbe und Funktionalität seiner Kleidungsstücke per Knopfdruck zu verändern.

Auch wer seine Liebste oder den Liebsten vermisst, weil die Person sich an einem entfernten Ort aufhält, dem versucht Cute Circuit mit modernster Mode zu helfen: das „Umarmungshemd“ ist eine Verbindung von Wearable Computing und Telekommunikation. Wer es trägt, kann sich via Smartphone virtuelle Umarmungen schicken lassen. Das Mobiltelefon setzt das Hemd via Blootooth darüber in Kenntnis. Das spezielle Hightech-Textilgewebe des Hemds ist in der Lage, die Charakteristik individueller Umarmungen wiederzugeben, spezielle Kuscheligkeit, Wärme, Druck und Dauer – sogar Herzklopfen. Man kann das „Umarmungshemd“ in der Maschine waschen. Und man kann Umarmungen erstmals in der Menschheitsgeschichte speichern und immer wieder abrufen.

Ein weiteres der Cute Circuit-Hemden hat es bereits in das Smithsonian Design Museum in New York geschafft, Das Sound Shirt ermöglicht es gehörlosen Zuhörern, die Musik während eines Konzerts durch Berührungsempfindungen zu spüren.

Das Umziehen mit Lichtgeschwindigkeit

Wie einst die Raumfahrt, so beschleunigt nun die Mode. Das traditionelle Zeitmaß der Mode, die Saison, ist außer Kontrolle geraten. Auf dem Weg vom Laden nach Hause können einem die Kleidungsstücke, die man grade gekauft hat, schon wieder aus der Mode geraten.

Tiantian An: Zieht sich schneller an als ihr Schatten.
Tiantian An: Zieht sich schneller an als ihr Schatten. Foto: Stringer / HPIC / dpa / picture alliance

Tiantian An kann bis zu dreimal pro Sekunde posieren. „Ich habe mich an einem Tag schon bis zu 485 Mal umgezogen“, sagt sie stolz. Die von ihr präsentierten Kleider werden auf der chinesischen E-Commerce-Website Taobao verkauft, die von monatlich mehr als 600 Millionen Menschen besucht wird. Models wie An werden pro Outfit bezahlt, und mit ihren Schnellfeuer-Posen können sie sich an einem Tag in Hunderte verschiedener Outfits werfen. Für die, die so schnell arbeiten können, ist das lukrativ.


„Ich habe mich an einem Tag schon bis zu 485 Mal umgezogen.“
TIATIAN AN

Das Problem der modischen Wechsel erübrigt sich in dem Augenblick, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Vielleicht ist dazu in Zukunft nur noch ein einziges, universelles Textil nötig, um sich die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens aus offenen und Markendesigner-Datenbänken verfügbar zu machen. Realisierbar werden dann auch Hemdsärmel, die sich auf Zuruf hochrollen, auf erotisierende Männerstimmlagen programmierte Spaghettiträger, die selbsttätig abrutschen, oder kreissägenhaft rotierende Röcke, die sich als Distanzwaffe eignen.

Niemand braucht im Übrigen zu befürchten, dass wir einer immer maschinendominierteren Welt entgegenwachsen, denn Menschen interessieren sich im Grunde genommen nicht für Maschinen. Menschen interessieren sich für Menschen.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 13.04.2021 11:22 Uhr