https://www.faz.net/-hrx-9avo7

Neuseelands Jacinda Ardern : Sind jüngere Frauen die besseren Regierungschefs?

Wer macht es besser: Jacinda Ardern oder Angela Merkel? Bild: EPA

Jung, hipp und charmant: Jacinda Ardern ist die weibliche Vertreterin einer neuen Generation von Politikern à la Trudeau und Macron. In ihrer Freizeit ist Neuseelands Regierungschefin in ganz ungewöhnlicher Mission unterwegs.

          5 Min.

          Nicht nur deutsche Journalisten haben manchmal Probleme mit der Aussprache englischer Namen. Auch ein Radioreporter des australischen Senders ABC war sich nicht ganz sicher, wie der Familienname von Jacinda Ardern, die kurz danach Ministerpräsidentin von Neuseeland werden sollte, richtig lautet. Um keinen Fehler zu riskieren, rief er im neuseeländischen Parlament an. Er wurde mit dem Büro der sozialdemokratischen Labour-Partei verbunden. Zu seiner Überraschung war es die mächtigste Frau des Landes persönlich, die ans Telefon ging. „Ah-dörn“, lautmalte die designierte Regierungschefin dem Reporter freundlich ihren Namen ins Ohr.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Seit diesem Telefonat hat sich einiges geändert. Mittlerweile kennt sogar jeder Sprecher der „Tagesschau“ die korrekte Aussprache ihres Namens. Der 37 Jahre alten Politikerin ist etwas gelungen, was unter ihrem Vorgänger, dem mausgrauen Konservativen Bill English, unmöglich gewesen wäre. Allein durch ihre Person hat sie das gemütliche Neuseeland auf die Landkarte der globalen Nachrichtensendungen gebracht: Sie ist die weibliche Vertreterin einer jungen, hippen und charmanten neuen Politikergeneration à la Justin Trudeau und Emmanuel Macron. Ardern ist in ihrer Freizeit sogar DJane.

          Ihre Themen: Gerechtigkeit und Umweltschutz

          Der neuseeländische Politologe Colin James sieht hinter ihrem Aufstieg die Ablösung der Generation der Babyboomer durch die Millennials. Denen geht es aber nicht nur um Coolness. Sie wollen ein Ende der „wirtschaftsliberalen“ Politik. Zwar haben die von 1980 bis 2000 Geborenen den Ruf, sich nicht sehr für Politik zu interessieren. Sie sind aber mit wachsenden Einkommensunterschieden, geringerer Arbeitsplatzsicherheit und den zunehmenden Folgen des Klimawandels aufgewachsen. Das prägt auch Ardern: Ihre Themen sind die soziale Gerechtigkeit und der Schutz der Umwelt.

          Dabei wirkt Neuseeland aus der Ferne im weltweiten Vergleich heute wie eine Insel der Seligen: eine robuste Wirtschaft, eine überwältigende Natur und ein ambitioniertes Sozialsystem. Doch im „Skandinavien des Südens“ legt die Premierministerin den Finger in die Wunde: explodierende Hauspreise, vergiftete Flüsse, wachsende Kinderarmut. „Der Kapitalismus hat in Neuseeland versagt“, hat sie einmal gesagt. Für solche Äußerungen wurde sie schon als „Commie“, als Kommunistin, beschimpft. Den Vorwurf, sie sei extremistisch, weist sie mit dem Verweis auf ihre provinzielle Herkunft zurück: „Bei uns gilt jemand schon als radikal, wenn er einen Toyota fährt anstelle eines Holden oder Ford.“

          Gespräch unter Premierministerinnen: Ardern trifft May
          Gespräch unter Premierministerinnen: Ardern trifft May : Bild: AP

          Politisch lässt sich Ardern aber tatsächlich eher in eine Reihe mit den neuen linken Führungsfiguren Bernie Sanders und Jeremy Corbyn stellen als mit Trudeau und Macron. Für die Internationale der Sozialdemokraten ist sie die neue Hoffnungsträgerin. Allerdings hat die Premierministerin weltweit zuletzt weniger durch politische Maßnahmen als durch die Verkündung ihrer Schwangerschaft von sich Reden gemacht.

          Vor der Presse erklärte Ardern selbstbewusst, sie wolle gleichzeitig „Premierministerin und Mama“ sein. Ganz so, wie eben viele Frauen heutzutage Beruf und Familie unter einen Hut kriegen würden: „Ich bin nicht die erste Frau, die Multitasking macht“, sagte die Premierministerin an der Seite ihres Lebensgefährten Clarke Gayford in die Kameras.

          Mit ihrer Entscheidung, nicht für die Familienplanung auf ihre Karriere zu verzichten, hat Ardern für die Gleichstellung der Frauen damit wohl schon mehr geleistet als alle ihrer Vorgänger zusammen. Dabei verkündete sie die gute Nachricht sogar noch vor dem Gang vor die Presse, so, wie es sich für eine junge und moderne Politikerin gehört: auf Twitter, Facebook und Instagram.

          Zur Illustration wählte sie ein Foto, das drei Angelhaken zeigt, zwei größere und einen kleinen – als Symbolbild für die wachsende Familie. Die Haken waren dabei aber nicht nur eine Anspielung auf den Beruf ihres Lebensgefährten, der im Fernsehen eine Angelsportsendung moderiert. Bei den neuseeländischen Maori ist der Angelhaken auch ein Amulett, das als Symbol für Fruchtbarkeit, Glück und Wohlstand dient.

          Es war eine Art, ihre Schwangerschaft zu kommunizieren, die sich auch in das sonstige Bild von Jacinda Ardern einfügt: Sie ist modern, aber nicht elitär; familienbewusst, aber nicht spießig; emanzipiert, aber nicht aggressiv. Nur siebeneinhalb Wochen vor der Parlamentswahl hatte sie den Vorsitz über die sozialdemokratische Partei übernommen und war zur Spitzenkandidatin gekürt worden. Ihr waren die Herzen der Neuseeländer so schnell zugeflogen, dass bald von einer regelrechten „Jacinda-Manie“ die Rede war. Ihre Anhänger erhoffen sich offensichtlich frischen Wind in Wellington, der angeblich stürmischsten Hauptstadt der Erde.

          Weitere Themen

          Überlebende berichten Video-Seite öffnen

          Massaker in Tigray : Überlebende berichten

          Beim Überfall auf die Stadt Mai-Kadra in der Konfliktregion Tigray sind hunderte Zivilisten getötet worden. Ein Überlebender berichtet von dem Angriff. Unklar ist, wer für das Blutbad verantwortlich ist.

          Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

          Topmeldungen

          Elektronenmikroskopische Aufnahme des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2), das Covid-19 verursacht

          Coronavirus : Mehr als 21.600 Neuinfektionen in Deutschland

          Das RKI meldet 379 Todesfälle binnen 24 Stunden. Am Freitag wurde die Marke von einer Million Covid-19-Fällen in Deutschland überschritten. Die Zahl der Neuinfektionen liegt unter dem Stand der Vorwoche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.